Entbehrungen und Gewalt als tägliche Erfahrung: Biografie einer Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg in Dransdorf

Entbehrungen und Gewalt als tägliche Erfahrung : Biografie einer Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg in Dransdorf

Josef Lubig veröffentlicht im Alter ein Buch über seine Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es liest sich wie ein Stück Heimatgeschichte.

27 Jahre haben die Erinnerungen von Josef Lubig im untersten Fach eines Schranks darauf gewartet, veröffentlicht zu werden. Auch wenn er darin nur acht Jahre seiner Kindheit beschreibt, entsteht ein akribisch genaues Bild der drei Quadratkilometer rund um sein Elternhaus an der Alfterer Straße. Ein schonungslos persönlicher Blick auf die Jahre 1946 bis 1954, der dem heute 77-Jährigen noch Tränen in die Augen schießen lässt.

Ähnlich wird es Leserinnen und Lesern ergehen, die mit ihm diese Zeit erlebt haben. Vor allem denjenigen, die sich, trotz geänderter Namen, in seinen Aufzeichnungen wiederfinden werden. Doch auch jüngeren und mit dem Ortsteil Messdorf weniger vertrauten Lesern eröffnen die Erinnerungen von Josef Lubig, denen er den Titel „Keine 50 Pfennig wert…“ gegeben hat, einen seltenen Einblick in den Kraftakt, den es bedeuten konnte, sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein neues Leben aufzubauen.

Wäre Maria Lubig auf das Angebot der Fürstin Cäcilia eingegangen, den kleinen Josef zu adoptieren, trüge Lubig heute den Namen Fürst Theodor Josef Salm Dyck von und zu Reifferscheid und sein Leben hätte einen anderen Verlauf genommen. Zudem wäre auch das etwa 900 Jahre alte Geschlecht der Altgrafen und späteren Fürsten zu Salm-Reifferscheidt-Dyck aufgrund der Tatsache, dass die Herrschaften von Schloss Alfter nur sieben Töchter als Nachkommen hatten, nicht erloschen. Und Josef würde heute nicht am Grab seines 1995 mit 89 Jahren verstorbenen Vaters stehen und ihn aus tiefster Seele mit „Du ahle Schweinehund!“ titulieren.

Vater desertiert im Zweiten Weltkrieg

Um zu solchen Äußerungen zu kommen, musste viel passieren. Lubig beschreibt es mit einem erstaunlichen Detailreichtum in seinem Buch. Sein Alltag als Sechs- bis 14-Jähriger wird zu einem zeitgeschichtlichen Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Dass es sich hierbei jedoch um gelebte Geschichten und Geschichte handelt, lässt betroffene Leser zurück. Auch wer die Nachkriegsjahre nicht erlebt hat, weiß aus vielen Zeitzeugenberichten, wie schwer es gewesen sein muss, aus der materiellen und seelischen Zerstörung heraus ein neues Leben aufzubauen.

Lubigs Erinnerungen beginnen mit dem heldenhaften Desertieren seines Vaters. Die Art und Weise, wie es Josef Senior nach der Verlegung seiner Einheit 1945 von der Normandie nach Bonn gelang, dieser den Rücken zu kehren, erzählt anfangs noch von der sympathischen Listigkeit eines Rheinländers. Doch spätestens als der Vater sein Versteck in dem unweit des Elternhauses gelegenen Waldstück verlassen konnte, begann für den gerade einmal sechs Jahre alten Josef ein Albtraum, der acht Jahre dauern sollte.

Harte Arbeit bereits in der Kindheit

Der Respekt, den der Vater ihm und seinen beiden Schwestern abverlangte, wandelte sich schnell in Angst vor der Brutalität eines Mannes, der alleine aus seiner Findigkeit und körperlichen Kraft heraus der Familie ein Auskommen sichern wollte. Er nutzte jede Gelegenheit, um daraus ein Geschäft zu machen. Dabei entstand das Haus der Familie, in dem Lubig heute noch wohnt.

Von seiner hoch über der Rheinebene gelegenen Terrasse blickt er auf eine Landschaft, die sich für ihn an jeder Stelle mit Geschichten verbindet. Hinter den Gleisen des damaligen „Feurigen Elias“ gab es nicht nur die Kiesgrube, aus der er den verschütteten Franz gerettet hatte oder die Geschichte, dass er das Stellwerk auf die Unterspülung des Gleiskörpers aufmerksam machte und damit die Entgleisung eines Zuges verhinderte, sondern vor allem auch das nutzlos erscheinende Stück Land, das der Vater pachtete, um es mit Hilfe seines Sohnes wieder urbar zu machen. Während die Altersgenossen spielten, schuftete Josef tagein tagaus bis zur Erschöpfung und wurde bei der leisesten Verfehlung „grün und blau“ geschlagen, getreten, eingesperrt oder mit Essensentzug bestraft.

Erst als Josef Lubig am 1. April 1954 seine Lehrzeit an einer Tankstelle begann, konnte er von montags bis freitags ein wenig Freiheit genießen. Erst am Samstag und Sonntag stand er wieder unter dem Einfluss des Vaters, der ihn bis zu dessen Tod nicht verließ.

Josef Lubig: „Keine 50 Pfennig wert… – Jugend in Dransdorf“, Rhein-Mosel-Verlag, 225 Seiten, 12 Euro