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Das "Beethovenpültchen": Bezahlten Beethovens ihre Schulden mit einem Sekretär?

Das "Beethovenpültchen" : Bezahlten Beethovens ihre Schulden mit einem Sekretär?

Eine Bonner Familie ist überzeugt, ein möbelhistorisches Kleinod zu besitzen. Sie vermutet, dass die Familie Beethoven seinerzeit mit dem Sekretär ihre Brotschuld beglichen hat.

Es gibt Geschichten, die sind einfach zu schön, um unwahr zu sein. Ein Beispiel gefällig? Bonn, um 1800. Wie viele andere Familien in der Altstadt gehört auch die Familie Beethoven zu den Stammkunden der nahe gelegenen Bäckerei Radermacher am Alten Sterntor an der Kreuzung von Stern- und Kasernenstraße. Wenn die Haushaltskasse knapp war, konnte dort unter Nachbarn auch mal angeschrieben werden.

Einmal aber sollen die Beethovens finanziell derart in der Bredouille gewesen sein, dass sie ihre Brotschuld mit einem Möbelstück beglichen: einem Sekretär mit fünfzehn Schubladen und Schreibfläche. Das Möbelstück gibt es noch heute. „Es steht bei meinem Sohn im Wohnzimmer“, sagt Henriette Hültenschmidt.

Die Großeltern der 82-jährigen Urbonnerin, Josef und Getrud Jacobs, betrieben das legendäre und seit 1845 bestehende Weinhaus Jacobs an der Friedrichstraße. Dort hatte Gertrud Radermacher um das Jahr 1900 eingeheiratet, als nämlich der elterliche Betrieb – besagte Bäckerei und gleichzeitig ebenfalls Gastwirtschaft – wegen des Sterntor-Abrisses aufgegeben werden musste.

Der Bäcker Radermacher war übrigens nicht nur für seine Brötchen berühmt, sondern hatte sich seinen Ruf nicht zuletzt durch „Radermachers Salbe“ erworben, mit der sich die Bonner seit 1831 – und bis nach dem Zweiten Weltkrieg – eindeckten, wenn sie von Furunkeln geplagt wurden. Mit der ehelichen Verbindung der Familien Radermacher und Jacobs und der Schließung der Bäckerei muss wohl auch der Sekretär den Weg in die Friedrichstraße gefunden haben, wo die heute 82-jährige Enkelin Getruds sich noch lebhaft an die vielen Stunden bei den Großeltern erinnert. „Seit der Zeit meines Urgroßvaters stand das Pültchen in den Geschäftsräumen an der Friedrichstraße“, erzählt Henriette Hültenschmidt. Immer wenn nach etwas gesucht wurde, habe es geheißen: „Schau im Beethovenpültchen nach.“ Und weil auch das Klavierspiel im Hause Hültenschmidt gepflegt wurde, sei man sich stets einig gewesen: Der Sekretär bleibt, wo er ist.

Doch handelt es sich bei dem zweifellos schicken Möbelstück tatsächlich um ein Familienstück der Beethovens? Einen handfesten Beweis in Gestalt einer Urkunde oder einer Gravur hat Henriette Hültenschmidt nicht. Insofern dürfte es schwierig werden, die Geschichte mit Fakten zu belegen. Aus dem Bonner Beethoven-Haus sind da eher skeptische Töne zu hören.

Keinen Hinweise in Biografie

Die Geschichte mit den Brotschulden jedenfalls hält Kustos Michael Ladenburger für „gut erfunden“. Auch sei im Werk von Alexander Wheelock Thayer, dem ersten wichtigen Beethoven-Biografen, von einer Anekdote wie jener nichts zu lesen, obwohl Thayer um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch Bonner Zeitzeugen befragt habe. Seine – später von Hermann Deiters und Hugo Riemann fortgeführte – Biografie umfasst rund 3000 Seiten.

„Er hat in Bonn frühzeitig sehr viel recherchiert“, sagt Michael Ladenburger, der die Geschichte vom „Sekretär der Beethovens“ naturgemäß auch nicht gänzlich ausschließen kann. Möglicherweise könnte ein Ortstermin mit Experten für historische Möbelstücke dabei helfen, das Geheimnis abschließend zu lüften.