Streit um vertrauliche Mail: Beethovenfest-Intendantin Nike Wagner unter Druck

Streit um vertrauliche Mail : Beethovenfest-Intendantin Nike Wagner unter Druck

Die Bonner Beethovenfest-Intendantin verteidigte den verurteilten Sexualstraftäter Siegfried Mauser als angebliches Opfer einer "Intrige" – und nimmt nichts davon zurück.

Ihre Nähe zu einem Sexualstraftäter wird zum Problem für Nike Wagner. Die Intendantin des Beethovenfestes hat eine vertrauliche Mail weitergeleitet, die von Siegfried Mauser – dem wegen Nötigung verurteilten Ex-Präsidenten der Hochschule für Musik und Theater in München – genutzt worden ist, um eine einstweilige Verfügung gegen einen Kontrahenten zu erwirken. Der Absender der Mail, der Komponist Moritz Eggert, wirft Wagner eine Datenschutzverletzung vor.

Der Pianist Siegfried Mauser war bis zu seinem tiefen Fall eine große Nummer in der deutschen Musikszene – eine Figur, die „unfassbar gut vernetzt war und bei Sloterdijks 70. ebenso aufspielte wie sie länderauf, länderab in Gremien, Jurys und Beiräten saß“, wie die „Zeit“ schrieb. Von 2003 bis 2014 leitete Mauser die Hochschule, danach war er bis 2016 Rektor der Universität Mozarteum in Salzburg. Es war das Jahr, in dem Mauser vom Amtsgericht München wegen sexueller Nötigung einer Kollegin zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt wurde. Die Berufungsinstanz reduzierte die Strafe später auf neun Monate.

Im Mai 2018 sprach das Landgericht München Mauser zwar vom Vorwurf der Vergewaltigung einer Stellenbewerberin frei, verurteilte ihn aber in drei Fällen der sexuellen Nötigung einer Opernsängerin zu zwei Jahren und neun Monaten Haft. Die Entscheidung ist nicht rechtskräftig, weil sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung Revision am Bundesgerichtshof eingelegt haben. Mausers Anwälte halten die Beweise für nicht ausreichend, da Aussage gegen Aussage stehe. Außerdem sei das Strafmaß zu hoch.

Mausers geplanter Auftritt in Bonn fand im Herbst 2018 nach aufkommenden Protesten nicht statt. „Die Internationale Beethovenfeste Bonn gGmbH hat auf die Verurteilung reagiert“, so Sprecherin Barbara Dallheimer. „Ein Auftritt im Beethovenfest 2018 wurde einvernehmlich zwischen Frau Wagner und Herrn Mauser aufgehoben.“

Doch am 22. November sprang Nike Wagner dem befreundeten Musikwissenschaftler öffentlich zur Seite. Bei einer Veranstaltung der Rhein-Neckar-Zeitung im Heidelberger Theater erklärte sie laut Medienberichten, Mauser sei das Opfer einer Hexenjagd und einer „böswilligen Intrige aus dem Inneren der Musikhochschule“. Außerdem habe sie geäußert: „Frauen, die einen Job wollen, sind auch nicht immer nur Engel.“

Darauf schickte der Komponist Moritz Eggert, ein ehemaliger Kollege Mausers, der Intendantin eine empörte Nachricht an ihre private Mailadresse. „Sie müssen die andere Seite kennen“, schrieb Eggert, „bevor Sie seine Schutzbehauptungen wiederholen, ohne ihren Wahrheitsgehalt wirklich überprüft zu haben.“ Am 17. Dezember leitete Wagner die Mail an Mauser von ihrer dienstlichen Adresse weiter und schrieb: „Lieber Sigi, wie ausgemacht. Ich habe Eggert nicht geantwortet. Herzlich, Nike“. Absender: „Nike Wagner, Intendantin“.

Eggert will Eilentscheidung im Hauptsacheverfahren kippen

Aufgrund der Mail erwirkten Mausers Anwälte im Februar am Landgericht München eine Verfügung gegen den Komponisten, der vorerst mehrere Vorwürfe aus seiner Mail nicht wiederholen darf. Eggert will die Eilentscheidung aber im Hauptsacheverfahren kippen. „Ich bin zuversichtlich, in allen Punkten Recht zu bekommen“, sagte Eggert, der für das Beethoven-Jubeljahr 2020 im Auftrag des Bonner Theaters eine Jugendoper schreibt und früher schon für das Beethovenfest komponiert hat. Ärgerlich seien aber die Anwaltskosten. „Dass Nike Wagner zu ihrem Freund Mauser steht, ist in Ordnung“, so Eggert. Dass sie die Mail von ihrer Dienstadresse weiterleitete, habe aber Neutralität und Integrität verletzt, die man von einer Intendantin verlangen müsse. Er droht mit einer Strafanzeige gegen Wagner, deren Eingang die Bonner Staatsanwaltschaft allerdings bislang nicht bestätigen konnte. Wagners Anwalt betonte am Mittwochabend gegenüber dem GA, die Weiterleitung der Mail stelle in keiner Weise eine Straftat dar.

Nike Wagner selbst äußert sich nicht zu Eggerts Mail. Auch die GA-Frage, ob sie weiter zu ihren Aussagen in Heidelberg stehe, ließ sie offen und veröffentlichte stattdessen eine Pressemitteilung. Oberbürgermeister Ashok Sridharan, der für die Stadt im Aufsichtsrat der gemeinnützigen Internationale Beethovenfeste gGmbH sitzt, teilte zur Mailaffäre mit: „Frau Professor Wagner hatte mich selbst angerufen und über die Sache informiert. Wir haben vereinbart, dass sie künftig einen privaten Account nutzt. Damit halte ich das für erledigt. Im Übrigen ist für mich mit der Stellungnahme von Frau Wagner in der Sache Mauser alles gesagt.“ Die Deutsche Welle als weiterer Gesellschafter des Beethovenfestes, gab „zu von Frau Wagner privat getätigten Äußerungen keinen Kommentar ab“. Nike Wagners Vertrag als Intendantin läuft noch bis zum nächsten Jahr. Ob bereits über eine Verlängerung verhandelt wird, verrät die Stadt Bonn nicht.

Mausers Nachfolger als Präsident der Hochschule in München reagierte auf Wagners Aussagen in Heidelberg mit einem offenen Brief. Mit Relativierungsversuchen dieser Art, kritisierte Bernd Redmann, „diskreditieren Sie alle Betroffenen von sexueller Belästigung und Gewalt“.

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