Herbizide in der Stadt: Bahn spritzt Glyphosat im Gleisbett

Herbizide in der Stadt : Bahn spritzt Glyphosat im Gleisbett

Eine Familie in der Südstadt sorgt sich um ihre Gesundheit, denn gleich neben ihrer Gartenmauer geht die Deutsche Bahn mit dem Pflanzengift gegen das Unkraut vor. Das Unternehmen stellt Alternativen in Aussicht.

Am Sonntag, 23. Juli, hat die Deutsche Bahn auf der linksrheinischen Gleistrasse auch im Bonner Stadtgebiet mit einem Spritzzug Unkrautvernichter versprüht. Zum Einsatz kommen nach Auskunft der Deutschen Bahn das umstrittene Präparat Glyphosat und ein weiteres Herbizid mit dem Wirkstoff Flazasulfuron. Eher durch Zufall hat eine Anwohnerin der Südstadt von dem jährlichen Einsatz erfahren und Druck auf die Bahn ausgeübt, den genauen Termin zu nennen. Sie wohnt mit ihrem Mann und den Kindern (3 und 4 Jahre) nahe an den Gleisen.

Geschockt sei sie gewesen, dass die hochkonzentrierten Pestizide – Glyphosat steht im Verdacht, krebserregend zu sein – in unmittelbarer Nähe zu ihrem Garten eingesetzt werden. Die Familie fühlt sich den Giften schutzlos ausgeliefert. „Wir haben im Garten Nutzpflanzen angebaut und gegessen. Das Altholz haben wir verfeuert und darüber gegrillt“, sagt sie. Die Bonnerin befürchtet, dass die Pflanzengifte in den Organismus ihrer Kinder gelangt sein könnten und das gesundheitliche Folgen haben könnte.

Sie ärgert sich nicht nur darüber, dass die Bahn umstrittene Mittel einsetzt, um das Gleisbett frei von Unkraut zu halten. Sie fordert auch eine bessere Informationspolitik der DB. „Die Anwohner müssen wissen, wann die Bahn spritzt.“ Und sie müssten über die Gefahren für die Gesundheit erfahren. Überdies ist die Anwohnerin der Auffassung, der Bahnbetreiber müsste die direkten Anlieger beispielsweise mit Mauern davor schützen, dass die Unkrautvernichter über das Gleisbett hinaus verteilt würden. Immerhin konnte sie nun den genauen Termin bei der DB herausfinden. Zugleich hat sie sich in einem Brief an Oberbürgermeister Ashok Sridharan gewandt, der dem GA vorliegt und in dem sie im Namen weiterer Anwohner fordert, die Stadt solle für genaue Informationen sorgen. Sie spricht die Schutzmaßnahmen an und erläutert, warum sie Bodenproben in den Gärten für unabdingbar hält.

Alternativen würden derzeit geprüft

Markus Schmitz aus dem Bonner Presseamt sagte auf Nachfrage, die Stadt sei in diesem Fall nicht Herr des Verfahrens, sondern die Bahn. „Die Stadt Bonn ist grundsätzlich der Auffassung, dass der Einsatz von Pestiziden auf ein unbedingt notwendiges Maß minimiert werden muss.“ Die Untere Umweltbehörde der Stadt Bonn sei im Genehmigungsverfahren des Eisenbahnbundesamtes, das die Ausnahmegenehmigung für den Einsatz von Pestiziden an Gleisanlagen der DB Netz erteile, angehört worden. Dabei habe die Stadt den Einsatz nichtchemischer Bekämpfungsmaßnahmen angeregt. Schmitz: „Das Eisenbahnbundesamt muss die Stellungnahme jedoch nicht verpflichtend berücksichtigen.“

Für die Deutsche Bahn erklärte eine Sprecherin: „Wir würden lieber heute als morgen auf Glyphosat verzichten, auch wenn die Zulassungsbehörden es als unbedenklich einstufen.“ Derzeit würden Alternativen geprüft. Dazu zählten der Einsatz von Heißwasser, der allerdings möglicherweise Kleintiere das Leben kosten könnte, ein Verfahren mit elektrischem Strom und der Einsatz von UV-Licht zur Verbrennung der Pflanzen. Sie müssten allerdings zunächst auf die Verträglichkeit der Gleisinfrastruktur mit Gleisen, Kabeln und die elektrischen Antriebe getestet werden. Nach jetzigem Stand sei „die Vegetationskontrolle unverzichtbar für einen sicheren Bahnbetrieb“. Thermische und mechanische Verfahren stellten bislang keine Alternative dar. Aus Sicht der Südstädterin wäre es geboten, in dicht besiedelten Gebieten wie in Bonn das Unkraut beispielsweise händisch zu entfernen. Schließlich greife die DB, wie sie selbst einräumt, auf Brücken und in Landschaftsschutzgebieten nicht zu Herbiziden. Die Bonnerin hat auch erhebliche Zweifel an den Angaben der Bahn, die Gifte würden lediglich in einem Radius von sieben Meter versprüht. Die Grenze zum Garten liegt nach ihren Angaben bei 7,50 Meter: „Aber es ist ja möglich, dass die Mittel abdriften.“ Die DB verweist darauf, dass eine Abdrift kalkulierbar sei. Bei Wind und Regen werde der Spitzzug nicht fahren.

BUND sieht Glyphosat-Einsatz der Bahn kritisch

Unterstützung findet die Familie beim BUND. Die Pestizidexpertin des Naturschutzvereins, Corinna Hölzel, erklärt: „Den Glyphosat-Einsatz der DB sehen wir sehr kritisch und fordern die Bahn bereits seit mehreren Jahren auf, den Einsatz von Herbiziden wie Glyphosat zu stoppen und auf nichtchemische Alternativen umzusteigen.“ Hölzel sieht wie Liesegang die Gefahr des Abdriftens „von Pestiziden über das eigentliche Zielgebiet hinaus“.

Die Bahn müsse besser über die genauen Einsatzzeiten informieren. „Am Tag der Ausbringung empfehlen wir, Türen und Fenster geschlossen zu halten und sich nicht im Garten aufzuhalten“, so Hölzel. Als flüchtiger Stoff sei die größte Gefahr nach einem Tag vorüber. Laut Anwohnerin habe sie bei einem Toxikologen die Information erhalten, dass problematische Netzstoffe im Glyphosat allerdings länger wirken. Für das Anliegen der Bürgerin hatte die Bonner Bundestagsabgeordnete Katja Dörner (Grüne) im Bundesverkehrsministerium und bei der DB Informationen verlangt. „Dass potenziell massiv schädliche chemische Keulen überhaupt innerstädtisch ausgebracht werden, muss schnellstmöglich beendet werden“, sagt Dörner.

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