Wende im Fall Niklas: Augenzeuge soll im Prozess gelogen haben

Wende im Fall Niklas : Augenzeuge soll im Prozess gelogen haben

Eine 19-jährige Zeugin entlastet Walid S. und nennt einen 22-jährigen Tunesier als Täter. Dieser befindet sich wegen eines anderen Delikts bereits in Untersuchungshaft. Damit ist ein Ende der Wahrheitssuche nicht in Sicht. Denn immer mehr tritt zutage, dass Augenzeugen der Tat offenbar massiv eingeschüchtert werden.

Die Fassungslosigkeit steht Niklas' Mutter ins Gesicht geschrieben, als sie hört, was in den vergangenen Tagen passiert ist. Es ist der Verteidiger des laut Anklage für den Tod ihres Sohnes verantwortlichen Walid S., der am Freitagmorgen die Neuigkeiten präsentiert, die alle Zuschauer im Gerichtssaal sprachlos machen: Vor ein paar Tagen, so schildert Anwalt Martin Kretschmer, habe ihm eine 19-jährige Mandantin berichtet, sie habe von einem Zeugen gehört, wer die drei Tatbeteiligten in jener Nacht des 7. Mai in Bad Godesberg gewesen seien. Der Angeklagte Walid S. sei keiner der drei gewesen. Vielmehr sei ein 22-jähriger Tunesier der Haupttäter.

Der 21-jährige Walid S. zeigt keine Regung, sein Verteidiger hat ihn vor Verhandlungsbeginn mit der Nachricht von der Entlastungszeugin überrascht. Der 21-Jährige hat stets beteuert, mit der Attacke auf Niklas Pöhler nichts zu tun zu haben. Nun wird sich zeigen, ob die Aussage der 19-Jährigen für Walid S. die Wende bringt. Anwalt Kretschmer betont, die Zeugin mehrfach darauf hingewiesen zu haben, ihm nicht mit Gerüchten und Lügen zu kommen. Doch die 19-Jährige habe beteuert, sie berichte nur, was sie definitiv erfahren habe – und zwar zuerst vom Freund ihrer Freundin.

Dem habe sich der 26-jährige Augenzeuge der Tat anvertraut. Daraufhin habe sie diesen Augenzeugen, den sie auch kenne, kontaktiert und dazu gebracht, sich mit ihr zu treffen und ihr zu sagen, was er gesehen habe. „Ich habe ihr gesagt, wie wichtig ihre wahrheitsgemäße Aussage vor Gericht sei“, sagt Anwalt Kretschmer, und sie habe sich dazu bereit erklärt – im Gegensatz zu ihrer Freundin und deren Freund.

Der Verteidiger hat die 19-Jährige mitgebracht, und das Jugendschwurgericht bittet die junge Frau in den Zeugenstand. Sie kennt, wie sie versichert, Walid S. gar nicht. Und auch mit dem 22-jährigen Tunesier, der laut Aussage ihres 26-jährigen Bekannten der Haupttäter sein soll, habe sie nichts zu tun.

Hat der Zeuge aus Angst gelogen?

Als Grund für ihre Bereitschaft, vor Gericht auszusagen, erklärt sie: „Es darf doch nicht sein, dass ein Unschuldiger verurteilt wird, weil sich aus Angst keiner traut, die Wahrheit zu sagen.“ Tatsächlich hatte sich bei den vielen Vernehmungen vor Gericht zunehmend der Eindruck verstärkt, dass Zeugen aus der Bad Godesberger Szene übermäßig viele Erinnerungslücken hatten. Auch ihr 26-jähriger Bekannter, so schildert die Zeugin, habe ihr gesagt, aus Angst bei seinem Auftritt vor Gericht am 22. Februar gelogen zu haben, als er behauptete, weder Tat noch Täter gesehen zu haben. Denn der 22-jährige Tunesier, den er dabei beobachtet habe, wie er Niklas gegen den Kopf schlug und trat, habe ihm gedroht: Wenn er sage, was passiert sei, bekomme er eine Kugel zwischen die Augen.

Aus Angst wolle der 26-Jährige auch nicht noch einmal vor Gericht aussagen. Und auch ihre Freundin und deren Freund, dem der Augenzeuge alles anvertraut habe, wollten von allem nichts mehr wissen und behaupteten, sie habe das alles falsch verstanden. Das aber sei nicht der Fall. So sei sie auch ganz sicher, dass der 26-jährige Tatzeuge als zweiten Täter den ebenfalls im Fall Niklas angeklagten Roman W. benannt habe.

Der 21-Jährige saß die ersten Prozesstage neben Walid S. auf der Anklagebank, bis das Gericht das Verfahren gegen ihn aus prozessökonomischen Gründen abtrennte und nun eigenständig weiterführt. Und auch den dritten Tatbeteiligten, so erklärt die 19-Jährige nun, habe ihr Bekannter genau gesehen und benannt. Dessen Name ist bisher im Verfahren noch nie gefallen, und gegen ihn ist laut Staatsanwalt Florian Geßler bisher auch im Fall Niklas noch nie ermittelt worden.

Der 19-Jährigen zufolge hat ihr Bekannter ebenfalls erklärt, es gebe noch zwei weitere Zeugen, die die Tat gesehen hätten, aber nicht gegen den 22-jährigen Tunesier aussagen wollten. Der 26-jährige Augenzeuge habe gesagt: „Für Walid würde keiner lügen“, für den 22-Jährigen aber schon. Viele in Bad Godesberg wüssten, was passiert sei. Und: „Alle gehen davon aus, dass die Wahrheit ans Licht kommt.“ Aber keiner wolle „der Zinker“ sein.

Für Niklas Mutter könnte alles noch einmal von vorne losgehen

Ob auch sie bedroht worden sei, will Kammervorsitzender Volker Kunkel von der Zeugin wissen, bevor sie den Zeugenstand verlassen kann. Die 19-Jährige, die einen souveränen und selbstbewussten Eindruck macht, erklärt: Nein, und sie habe auch keine Angst. Zumal der 22-jährige Tunesier ja auch im Gefängnis sitze. Der 22-Jährige landete tatsächlich einige Wochen nach der Tötung von Niklas hinter Gittern, wo er seitdem wegen einer anderen Gewalttat eine Haftstrafe absitzt. Eigentlich hätte er bereits in seine Heimat abgeschoben sein sollen, doch dem stimmte die Staatsanwaltschaft bisher nicht zu, weil auch gegen ihn im Fall Niklas ermittelt worden war. Und aus dem neuen Abschiebetermin Ende diesen Monats wird nun sicher nichts.

Nach der Aussage der Zeugin möchte das Gericht sofort den 26-jährigen Augenzeugen hören. Doch die Polizei sucht ihn vergeblich und meldet: Der Mann ist nicht auffindbar. Nun wird er für den nächsten Prozesstag geladen. Wie auch einige andere Zeugen noch einmal gehört werden sollen.

Nach diesem Verhandlungstag ist die Aufregung im Landgericht groß, und jeder fragt sich: Hat Walid S. zehn Monate zu Unrecht in U-Haft gesessen? Vor allem Niklas Mutter ist sichtlich mitgenommen. Denn nun könnte alles noch einmal von vorne losgehen.