Augenarzt in Bonn klagt: Termine immer öfter von Patienten nicht eingehalten

Bonner Augenarzt beklagt sich : Jeder zehnte Patient kommt nicht zum Termin

Fachärzte beklagen mangelnde Termintreue der Patienten. Ein Bonner Augenarzt berichtet aus der Praxis. Jeder zehnte Termin platzt.

Manchmal muss Marcia Moreira sich förmlich auf die Zunge beißen, um sich nicht im Ton zu vergreifen. Etwa dann, wenn Patienten in der Augenarzt-Praxis ihres Chefs Karsten Paust anrufen und einen neuen Termin haben möchten, weil sie den alten verpasst haben. „Manchmal werden die richtig ärgerlich, wenn sie dann etwas länger warten müssen“, sagt sie.

Noch schwerwiegender sind einige Notfälle: Am Telefon schildern Patienten eine schwere Entzündung, aber zum Akut-Termin kommen manche trotzdem nicht. „Manchmal müssen wir sie regelrecht überreden, dass der Arztbesuch in dieser Situation wichtiger ist als die Fußpflege oder der Friseur“, sagt Moreira. Da könne einiges ins Auge gehen.

„Die Politik legt uns die Daumenschrauben an“

2003 hat Paust sich als Augenarzt in Bonn niedergelassen. Seit 2010 betreibt er mit einer Kollegin eine Gemeinschaftspraxis im ehemaligen Johannes-Hospital an der Kölnstraße. Dem Sprecher der Bonner Augenärzte sowie einigen Kollegen in der Stadt fällt seit einigen Jahren auf: Die Termintreue der Patienten nimmt ab. „Oft wird über die langen Wartezeiten auf Facharzttermine geklagt. Die Politik legt uns die Daumenschrauben an“, sagt Paust.

Aber auch die Patienten müssten ihren Beitrag leisten. Etwa jeder zehnte der etwa 80 bis 100 Patiententermine am Tag fällt bei Paust aus, zeigt ein Blick in seinen Kalender. Bei den Terminen, die seit 2016 über die Service-Stelle der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVN) bei Fachärzten und Psychotherapeuten verabredet werden, seien es etwa 15 Prozent, erklärt deren Pressesprecher Heiko Schmitz.

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Dabei hat Paust durchaus Verständnis dafür, dass einzelne Termine nicht wahrgenommen werden können. „Manche älteren Leute haben keine Transportmöglichkeit, oder das Kind ist plötzlich krank“, sagt er. Aber absagen könne man doch. Seine Mitarbeiterin Moreira wirbt auch dafür: „Jede Absage hilft uns, auch kurzfristig.“ Es gebe genügend Notfälle, die dann reinrutschen könnten.

Bei manchen Patienten scheint das Methode zu sein

Nachlässig sind die Patienten nicht nur bei Kontrollterminen. „Das kommt im gesamten Leistungsspektrum vor“, sagt Paust. Gerade bei längeren, aufwendigeren Untersuchungen sei das ärgerlich, ergänzt Schmitz. Da könne der betroffene Arzt leicht einen wirtschaftlichen Schaden erleiden. Den geltend zu machen, sei bislang allenfalls zivilrechtlich in Form einer Säumnisgebühr möglich, die bei der Terminvergabe vereinbart werde. „Am Nordrhein sind uns aber keine Fälle bekannt, in denen es zwischen Ärzten und Patienten in diesem Zusammenhang zu Rechtsstreitigkeiten gekommen ist“, sagt Schmitz.

Reines Versehen kann es wohl nicht sein, das gerade einige Eltern, die ihre Kinder anmelden, mehr als fünf Termine vergessen lässt. Moreira könnte einige solcher Fälle nennen: „Wir haben da ein paar spezielle Kandidaten.“ Bislang habe die Praxis aber trotzdem niemanden abgewiesen.

(Dieses Video gehört zu einer Kooperation von GA und WDR.)

Ab Anfang August möchte Paust unzuverlässige Kunden auf die offene Sprechstunde verweisen, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den Kassenärzten von da an abverlangt. Fünf Stunden in der Woche sollen sie dann auch ohne Termin jeden versorgen, der kommt. Moreira warnt: „Allerdings kann es dann zu langen Wartezeiten kommen, denn wir können die Behandlungen dann nicht planen. Wir wissen ja nicht, wie viele kommen – und mit welchem Bedarf.“

Begrenzte Ressourcen im Gesundheitswesen

Grundsätzlich, glaubt auch Paust, seien feste Termine eine gute Sache für beide Seiten. Allerdings müsse wieder stärker ins Bewusstsein treten, dass die Ressourcen im Gesundheitswesen ihre Grenzen hätten. „Auch wenn wir niemanden unversorgt lassen. Irgendwann kommt eine Praxis an ihre Leistungsgrenze“, sagt Paust, der im Urlaub zusätzlich ehrenamtlich Patienten in Afrika behandelt. Daher kennt er auch eine andere Perspektive. In keinem Land der Welt gebe es so viele Arztbesuche wie in Deutschland. „Im Zweifelsfall immer zum Arzt“, rät er trotzdem. Aber niemand solle das System dann auch noch zusätzlich belasten, indem er gleich mehrere Facharzttermine bei unterschiedlichen Kollegen abschließe und nur den angenehmsten nehme. Genau das scheint nach den Beobachtungen der KVN derzeit ein Trend zu sein.

Bei der Termin-Servicestelle funktioniert das indes nicht: Wer da seinen Termin sausen lässt, braucht für eine neue Vermittlung erst eine neue Überweisung vom Hausarzt.