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Firmen reagieren mit flexiblen Arbeitszeiten: Auf dem "JobRad" am Stau vorbei

Firmen reagieren mit flexiblen Arbeitszeiten : Auf dem "JobRad" am Stau vorbei

Am Morgen und abends ist Geduld gefragt. Quälend langsam geht es momentan durch Bonn. Mit den angespannten Verkehrsverhältnissen, die die Sanierung der Nordbrücke und die dadurch bedingte Reduzierung auf eine Fahrspur in beiden Richtungen nach sich zieht, müssen sich jedoch nicht allein Pendler arrangieren. Auch Kunden, die auf einen Handwerker warten oder mit dem Taxi fahren wollen, müssen mehr Zeit mitbringen haben.

"Wir können nicht einfach auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen", sagt Kreishandwerksmeister Thomas Radermacher. "Ein Installateur kann schließlich nicht mit einer Badewanne unter dem Arm im Bus fahren." Er empfiehlt seinen Kollegen nicht nur mehr Zeit als sonst für Kundenbesuche innerhalb Bonns einzuplanen, sondern auch die Arbeitszeiten flexibler zu gestalten. "Da muss sich der Kunde schon mal darauf einrichten, dass der Handwerker früher oder später als üblich an der Tür klingelt."

Auf dieses Rezept setzt auch die Deutsche Post. "Wir haben die Dienstpläne in unserem Briefzentrum in Spich geändert", berichtet Sprecher Achim Gahr. Für die Kunden - von Troisdorf-Spich aus wird die Verteilung der Briefpost für das Postleitzahlgebiet 53 organisiert - ändert sich trotz der veränderten Arbeitszeiten nichts. "Sie finden ihre Post nach wie vor zur gleichen Zeit im Hausbriefkasten", versichert Gahr. "Bis jetzt hat alles reibungslos funktioniert. Sollte sich die Verkehrssituation ändern, werden wir sofort reagieren."

Auf die halbseitige Sperrung der Nordbrücke hat auch der Paketdienst GLS reagiert, der ein Logistikzentrum in Bornheim-Roisdorf betreibt. "Wir hatten überlegt, in der Ferienzeit später mit der Sortierung zu beginnen", sagt Niederlassungsleiter Michael Fetten. Dann wären auch die Fahrzeuge später gestartet. Man habe sich dann doch dagegen entschieden. Laut Fetten fahren täglich 25 kleine und vier große GLS-Fahrzeuge über die Brücke. Hätte man morgens später begonnen, wären die Fahrer noch stärker vom Verkehr betroffen als sowieso schon. Eigentlich sei geplant gewesen, dass die Fahrzeuge um 8.15 Uhr starten. Nun sei man bei 7.30 Uhr geblieben. "Diese 45 Minuten machen schon einiges aus", sagt Fetten.

Eine bis anderthalb Stunden verliert die Spedition Hoss täglich pro Fahrzeug. So lange stehen die 25 Lastzüge des Siegburger Unternehmens derzeit rund um Bonn im Stau. "Wir unterliegen zeitlichen Zwängen", sagt Speditionsleiter Lothar Klatt. Die Palette aus Meckenheim müsse pünktlich am Umschlaglager sein, sonst bleibe sie dort liegen. Durch Stau verlorene Zeit versuchen die Fahrer zu kompensieren, indem sie die Waren früher als sonst bei den Kunden abholen. "Das ist natürlich ein großer Wettbewerbsnachteil", findet Klatt. Auch finanziell schlägt sich das Umfahren der Nordbrücke, etwa über die Rodenkirchener Brücke, nieder: "Die Tour kostet dann 100 Euro mehr als sonst." Kosten, auf denen die Spedition sitzen bleibt. "Das Riesenchaos ist aber zum Glück ausgeblieben. Wir bewegen uns, da müssen wir nun eben sechs Wochen durch."

Fahrgemeinschaften bilden, Umsteigen auf den ÖPNV, flexible Arbeitszeiten anbieten - diese Empfehlung gibt die Industrie- und Handelskammer (IHK) ihren Mitgliedsbetrieben. "Wir wissen alle, wo das Nadelöhr ist. Spätestens nächste Woche sind auch die Schleichwege verstopft. Es macht keinen Sinn, dass jeder allein in seinem Privatwagen zur Arbeit fährt", appelliert Michael Pieck von der IHK. Zudem sollte jeder die Informationsangebote der Stadt nutzen und sich per Handy-App über die aktuelle Verkehrslage informieren.

Wenn alle stehen, dann stehen auch die Taxen. "Ich weiß nicht, was ich unseren Fahrern raten soll", gesteht Claus Lenz von der Taxizentrale Bonn. Für Fahrten zum Flughafen seien selbst Empfehlungen, in Köln den Rhein zu passieren, keine Alternative mehr. "Dort steht man ebenso wie hier." Bisher hätten die Fahrgäste meist verständnisvoll reagiert. Die Fahrt zum Airport würde in der Regel über die Südbrücke führen. "Ob man den kleinen Umweg nimmt oder im Stau steht, die Taxiuhr läuft weiter." Allerdings sind Krankenfahrten derzeit ein großes Verlustgeschäft. Denn die Pauschalen, die Kassen dafür zahlen, haben sich nicht geändert. "Auch wenn die Fahrt jetzt doppelt so lange dauert und oft doppelt so teuer ist, zahlen die Kassen den gleichen Preis wie vorher", weiß Lenz.

Neue Wege geht die Gemeinnützige Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe (GFO), zu der unter anderem das Sankt-Josef-Krankenhaus in Beuel und das Marienhospital auf dem Venusberg gehören. "Einige unserer Mitarbeiter haben sich ein JobRad angeschafft", erzählt Sprecherin Vera Schweizer. Mittlerweile bieten rund 300 Unternehmen und Organisationen aus ganz Deutschland ihren Mitarbeitern das Job-Rad, ein neues Fahrradleasing-Konzept, an. "Wer das Angebot nutzen will, der wird dabei von unserer Personalabteilung unterstützt", berichtet Schweizer. Auch wenn es wichtig ist, dass Ärzte, Krankenschwestern und Therapeuten pünktlich auf den Stationen sind, die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten hat absolute Priorität. Von Spich aus werden die GFO-Krankenhäuser mit Arzneimitteln versorgt. "Wenn es ganz besonders eilig ist, dann fahren wir über die Südbrücke", sagt Franz-Paul Braun. Allerdings würden die Medikamentenschränke auf den Stationen regelmäßig aufgefüllt. "Arzneimittel, die im Notfall benötigt werden, lagern sowieso in den Krankenhäusern. Die müssen nicht extra bestellt werden. Darauf müssen Ärzte ja sofort Zugriff haben."

Zur Staulage

Während am Donnerstagmorgen die Verkehrslage auf den Straßen links- und rechtsrheinisch der Bonner Brücken aus Sicht von Experten erstaunlich ruhig blieb und der mobile Plan der Stadt Bonn (www.bonn.de) kaum Rot für Stau auswies, kam es ab dem frühen Nachmittag dann doch wieder zu den seit Beginn der Bauarbeiten auf der Nordbrücke üblichen langen Staus auf den Autobahnen und Straßen in und rund um Bonn im Zuge des Feierabendverkehrs. Feuerwehr und Polizei sprachen am Abend dennoch von einer relativ ruhigen Verkehrslage in Bonn und der Region, besondere Vorkommnisse habe es keine gegeben. "Ich glaube, die Leute gewöhnen sich langsam an die Baustelle auf der Nordbrücke mit all ihren Folgen", meinte ein Polizeibeamter.

Zahlen und Fakten

Der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg gehören rund 56.000 Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung aus Bonn und der Region an. In der Kreishandwerkerschaft Bonn-Rhein-Sieg sind etwa 9200 selbstständige Handwerksbetriebe organisiert. Unter dem Dach der Bonner Taxizentrale fahren aktuell 321 Taxen in Bonn.