„Die Stadt muss Zukunft entwickeln“: Architektin Iney Knye fordert Flächenkonzepte für Bonn

„Die Stadt muss Zukunft entwickeln“ : Architektin Iney Knye fordert Flächenkonzepte für Bonn

Die Vorsitzende des Bundes Deutsche Architekten, Ines Knye, fordert Flächenkonzepte, um Bonn gezielt baulich nachzuverdichten und Freiflächen zu erhalten. Vor allem das Bundesviertel soll entwickelt werden, weil es Unternehmen gebe, die Wert darauf legten, nahe der Rheinaue einen Standort zu finden.

Derzeit diskutiert die Politik über ein städtebauliches Langzeitkonzept für das ehemalige Regierungsviertel: die Rahmenplanung Bundesviertel. Darüber und über Ideen für die künftige Entwicklung der Stadt sprach die Vorsitzenden des Bundes Deutsche Architekten (BDA) in Bonn, Ines Knye.

Frau Knye, ist der Ansatz des mit der Rahmenplanung Bundesviertel beauftragten Planungsbüros Cityförster, Hochpunkte in der Fläche zu setzen, aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Ines Knye: Vorab: Der BDA begrüßt, dass die Stadt Rahmenpläne initiiert. 2011 legte die Stadt den Masterplan Innere Stadt vor, das war nach langer Zeit wieder einmal ein Vorstoß, langfristige Ziele und Strategien zu entwickeln. Wir müssen weg von Einzelmaßnahmen, die einzelne Investoren peu á peu entwickeln. Es ist Aufgabe der Stadt, also von Verwaltung und Politik, Konzepte zu entwickeln, wohin es mit der Stadt in Zukunft gehen soll und welche Szenarien sich für einzelne Stadtteile daraus ableiten lassen. Eine Planungswerkstatt in Kooperation mit Verwaltung und Politik in die Wege zu leiten, war ebenfalls richtig. Uns hätte noch etwas besser gefallen, wenn die Stadt die Büros nicht selbst benannt, sondern ein freies Bewerbungsverfahren ermöglicht hätte.

Wie bewertet der BDA den Rahmenplan inhaltlich?

Knye: Von den vier Entwürfen erscheint uns der von Cityförster aus Hannover am besten geeignet, weil der Entwurf in mehreren Schichten durchgearbeitet ist. Stadtplanung macht aus, dass erkennbar ist, wo die Nachverdichtung sinnvoll ist und wo beispielsweise Hochpunkte vorgesehen sind. Das ist es aber nicht allein. Ebenso wichtig ist auch die Nutzungsmischung mit Arbeitsplätzen, Wohnungen und Plätzen des öffentlichen Lebens. Die Schaffung von monofunktionalen Quartieren kann nicht das Ziel sein, wie wir in der Zukunft miteinander leben wollen. Im ehemaligen Regierungsviertel existiert die Büromeile an der B9, und dann gibt es das Villenviertel Richtung Rheinaue. Unterzentren fehlen komplett und Bereiche, die das Gefühl vermitteln, man befinde sich in der Stadt.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist der Blick auf den Nahverkehr.

Knye: Der einzig mögliche Weg, ein solches Viertel auszubauen ist es, Mobilitätskonzepte mitzudenken. Wer das Mobilitätsverhalten der Menschen verändern möchte und verhindern will, dass die Stadt im Verkehrschaos versinkt, kommt darum nicht herum.

Die Entwurf sieht deutlich mehr neue Arbeitsplätze als neue Bewohner vor. Teile der Politik sehen ein Missverhältnis. Kann das verkehrstechnisch so funktionieren?

Knye: Wenn man nichts tut, sicherlich nicht. Die Rahmenplanung sieht einen inneren und einen äußeren Ring mit Mobilitäts-Drehkreuzen für Nahverkehr, Räder, Mietautos vor. Der Vorschlag, Cityhubs mit einem Angebot vom Supermarkt bis zur Gastronomie zu installieren, ähnelt der alten Bahnhofsidee aus dem 19. Jahrhundert. Zudem werden Unternehmen stärker noch als bisher Parkraumbewirtschaftung betreiben und mehr mit Jobtickets arbeiten müssen. Die Politik kann dazu nur einen Anstoß geben und die Infrastruktur des Nahverkehrs weiter ausbauen, beispielsweise mit dem Bau einer Seilbahn auf den Venusberg und über den Rhein. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum die Verlängerung der S13 nicht über die Südbrücke auf die linke Rheinseite fahren kann. Eine S-Bahn-Verbindung zwischen dem Bundesviertel, Ramersdorf und dem Flughafen Köln/Bonn wäre aus meiner Sicht ideal.

Braucht es auch neue Straßen für Autos?

Knye: Nach meiner Auffassung nicht. Wenn die Straßen voll sind, sind sie voll. Hinter dem Steuer sitzt oft eine einzelne Person. Zukünftige Stadtplanung muss darauf ausgerichtet werden, vorhandene Verkehrsräume gerechter zu verteilen und Bahnen, Bussen, Fahrrädern mehr Raum geben. So kann man eher erreichen, dass die Menschen umdenken. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Investoren, Unternehmen und Handwerker erfinderisch werden, wenn sie einen gewissen Handlungsdruck verspüren. Dafür muss man auch Anreize schaffen, dass die Menschen vor Ort Einkäufe erledigen, mal ins Fitnessstudio gehen können oder auch die Kinder in der Betreuung nah bei sich wissen.

Die Bürgerinitiative Bonner Baukultur, hinter der als treibende Kraft der Bonner Bauinvestor Marc Asbeck steht, sammelt Unterschriften gegen die Rahmenplanung. Hochhäuser in der Fläche gäben ein chaotisches Bild ab. Was halten Sie davon?

Knye: Die Aktion sehen wir kritisch, zumal Herr Asbeck als Besitzer von Grundstücken Eigeninteressen verfolgt. Die Idee, Hochhäuser entlang städtischer Achsen zu verteilen, erscheint mir deutlich besser zu sein als ein „Rheinhattan“ an geballter Stelle.

Das ehemalige Landesbehördenhaus liegt im Bundesviertel. Käme es als Ersatz für das alte Stadthaus infrage?

Knye: Sicherlich, das Gebäude liegt ja praktisch mitten in der Stadt und ist gut erreichbar. Ein Problem wäre vielleicht, dass die Innenstadt bei einem Umzug wohl etwas an Publikumsverkehr verlieren würde. Wir haben uns in unserer BDA-Gruppe das Landesbehördenhaus vor etwa drei Jahren mal näher angeschaut. Es könnte erhalten bleiben, müsste allerdings auf den Rohbau zurückgebaut werden. Wenn es als Bürohaus neu gebaut würde, sähe es vermutlich später nicht viel anders aus als heute die Neubauten entlang der B9. Und ein Abriss wäre mit Sicherheit sehr teuer. Möglich wären alternative Wohnformen wie Studentenwohnungen oder eine Hotelnutzung, ein Supermarkt oder eine Nutzung durch die Universität.

Hätten Investoren an solchen Ideen Interesse?

Knye: Wir haben als BDA damals Gespräche geführt und hatten den Eindruck, man hätte die Liegenschaft so auf den Markt bringen können. Wenn ich nun aber höre, der Standort komme als reiner Bürostandort für Unternehmen infrage, konterkariert das doch den Ansatz der Rahmenplanung einer Nutzungsmischung.

Der BDA hat ein Zukunftspapier zur Nachhaltigkeit veröffentlicht. Wann ist Gebäudesubstanz erhaltenswert, wann lohnt ein Neubau?

Knye: Pauschal lässt sich das nicht sagen. Eine Entscheidung ist von mehreren Faktoren abhängig. Der BDA hat bereits geäußert, dass er die Oper am Rhein für erhaltenswert hält, weil sie eine gute Architektur hat und die Rheinsilhouette prägt. Aber natürlich muss vorweg die Entscheidung der Nutzung stehen. Wenn dort in Zukunft doppelt so viel Publikum erwartet würde, wäre das mit dem derzeitigen Bau nicht möglich. Die Intention sieht aber ja wohl so aus, dass über ein Zweispartenhaus nachgedacht wird. Es fragt sich aber, ob das so sinnvoll ist. In Bad Godesberg würde dann ja mit den Kammerspielen ein wesentlicher Kulturstandort wegfallen.

Wird in der Stadt zu viel abgerissen und zu wenig erhalten?

Knye: Bundesweit wird viel zu viel abgerissen. Für Bonn kann ich es eigentlich nicht sagen, obwohl der Begriff auch hier zu leichtfertig diskutiert wird. Es war beispielsweise sinnvoll, das Bonn-Center abzureißen. Die Neubauten werden an dieser Stelle einen neuen städtischen Raum abbilden, mit höheren Aufenthaltsqualitäten. Und es gibt ja rege Diskussionen, ob Bausubstanz erhaltenswert ist. Man sollte sich vorab intensiv mit dem Bestand auseinandersetzen und auch die einmal verbaute „graue“ Energie miteinkalkulieren. Die Ausgaben sind mit den zu erwartenden Qualitätsverbesserungen abzuwägen. Bei der Beethovenhalle hat die Stadt so entschieden, auch wenn der BDA sich seinerzeit für den Bau eines Festspielhauses stark gemacht hatte.

Sie sprachen eingangs davon, dass sie sich mehr Rahmenpläne wünschen. Ist eine Nachverdichtung im staugeplagten Ballungsraum eigentlich sinnvoll? Warum nicht andere Viertel entwickeln?

Knye: Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Eine Entwicklung des Bundesviertels ist sinnvoll, weil es Unternehmen gibt, die Wert darauflegen, beispielsweise nahe der Rheinaue einen Standort zu finden und die Nähe zu anderen Unternehmen suchen. Dem sollte sich eine Stadtgesellschaft nicht verschließen. Aber sicherlich verfügt Bonn über andere Viertel, die ebenfalls eine Nachverdichtung vertragen, um auf der anderen Seite die bestehenden, ökologisch wichtigen Freiflächen zu erhalten. Ein Beispiel wäre das Viertel um das Neubaugebiet Westside an der Siemensstraße, von dem Impulse ausgehen können, den angrenzenden Stadtteil weiterzuentwickeln. Oder auch der Ausbau des Universitätscampus’ Endenich. Ein Rahmenplan kann Ideen liefern, wie das Umfeld später einmal aussehen soll, und Leitlinien für die Politik abstecken.

Die Politik hat die Verwaltung beauftragt, Vorschläge für eine eigene Stadtentwicklungsgesellschaft vorzulegen. Ist das der richtige Weg?

Knye: Ja, auch wenn eine Gründung angesichts der wenigen verfügbaren Flächen längst hätte passieren müssen. Wenn die Stadt über eine Stadtentwicklungsgesellschaft in der Lage wäre, eine Bodenvorratspolitik zu betreiben, Grundstücke selbst zu kaufen und zu entwickeln, könnte sie die Stadtentwicklung stärker steuern und dem drängenden Angebot an gefördertem Mietwohnraum selbst nachkommen. Sie könnte auch Parzellen für alternative Wohnformen wie Genossenschaften bereitstellen und bei niedrigem Grundstückspreis eine Vergabe nach dem besten Konzept realisieren.

Wäre es nicht wünschenswert, eine solche Entwicklungsgesellschaft für die Region an den Start zu bringen?

Knye: Grundsätzlich schon. Aber wir sehen als BDA nicht, dass die Stadt Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis zügig so zusammenarbeiten würden, wie es eigentlich erforderlich wäre, um bereits bestehende Wohnungs-, Stadtentwicklungs- und Verkehrsprobleme gemeinsam zu lösen. Erkennbar ist das beispielsweise am öffentlichen Nahverkehr und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Eine Stadtentwickungsgesellschaft für Bonn wäre zumindest ein Anfang, alles weitere könnte folgen.