Erdbeben vor 25 Jahren: Als die Erde in Bonn und der Region bebte

Erdbeben vor 25 Jahren : Als die Erde in Bonn und der Region bebte

Vor 25 Jahren erlebte das Rheinland die bislang schwersten Erdstöße der neueren Geschichte. Um 3.20 schreckten die Menschen aus dem Schlaf. In Bonn starb eine Seniorin vor Aufregung an einer Herzattacke.

Um zwanzig nach drei ist für viele Rheinländer die Nacht zu Ende. Denn in den frühen Montagmorgenstunden knirscht es plötzlich mächtig im Gebälk. Unter vielen Älteren werden spontan Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wach. Der aber ist seit 47 Jahren vorbei. Gleichwohl wird sich der 13. April 1992 in den Erinnerungen festsetzen. Als "der Tag, an dem das Erdbeben war".

Wie lebendig das Erlebnis für viele Menschen der Region auch ein Vierteljahrhundert später ist, zeigt die enorme Resonanz auf der Facebookseite des General-Anzeigers. Binnen kürzester Zeit reagierten mehr als 150 Menschen auf die Einladung, die Eindrücke von damals zu schildern. Eine kleine Auswahl findet sich links und rechts auf dieser Seite.

In Bonn gibt es am 13. April das einzige Todesopfer des Bebens: Eine 79-jährige alleinlebende Frau stirbt vor Aufregung an einer tödlichen Herzattacke. Insgesamt zählen die Behörden im Rheinland rund 40 Verletzte. Ansonsten kommen vor allem Häuser zu Schaden. Besonders Altbauten und der filigranen Architektur der Kirchen haben die Erdstöße zugesetzt. Die Pfarrkirche Sankt Pankratius in Oberpleis beispielsweise muss geschlossen werden: akute Einsturzgefahr.

Statiker gehen in Bonn von Haus zu Haus

So schlimm kommt es dann zwar nicht. Doch in vielen Vierteln Bonns gehen die Statiker aufs Geratewohl von Haus zu Haus. Beratungsbedarf gibt es angesichts zahlreicher tiefer Risse nahezu überall. Zugleich etablieren sich die Begriffe Richterskala, Plattentektonik und Elementarschadensversicherung für Tage und Wochen im Sprachgebrauch.

Und: Das niederländische Städtchen Roermond gewinnt an Bekanntheit. Dort nämlich, genau gesagt 16,8 Kilometer unter der Erde, liegt am 13.April 1992 das Epizentrum des Bebens, dessen Ausläufer seine Ausläufer reichten über Belgien bis nach Nordfrankreich im Süden und über das Rheinland hinaus bis nach Westfalen im Osten reichen.

Knapp 100 Kilometer südöstlich, in Bonn, zieht um 3.20 ein donnerndes Grollen durch die Straßen. "Was ist los? Was soll ich machen", durchfährt es schlagartig die schlafende Bevölkerung. Als rattere ein Güterzug durch den Keller des Hauses, während ein Riese gleichzeitig am Dachstuhl rüttelt - etwa so und unterlegt von entsprechender Geräuschkulisse präsentierte sich der nächtliche Spuk in der Bonner Südstadt nahe dem Juridicum. Der dauert 15 Sekunden. Zu Hunderten laufen Bonner, teils nur in Schlafanzügen und Bademänteln bekleidet, vor ihre Häuser.

In den Schränken klirren Gläser und Tassen

In den Leitstellen von Polizei und Feuerwehren stehen für Stunden die Telefone nicht mehr still. Auch bei den Dienststellen der Bundeswehr gehen viele Anrufe ein. Viele Leute denken nicht an ein Erdbeben, sondern gehen von einer schweren Explosion aus. Doch selbst Bonns Polizeipräsident Michael Kniesel erlebt das Geschehen mit zitternden Knien: "Ich dachte, mein Bett sei zusammengebrochen", sagt er gegenüber dem General-Anzeiger.

Geschichten von klirrenden Gläsern und Tassen in den Schränken, von herabfallenden Bildern und Büchern und rieselndem Putz hat fast jeder zu erzählen. Fast jeder, weil manche statt dessen am Morgen unbedarft berichten, sie hätten von einem Schaukeln und Schütteln geträumt. Bonner Nachtschwärmer bestätigen hingegen das Phänomen eines tierischen Frühwarnsystems: So seien bereits Minuten vor dem Erdbeben Elstern und Krähen mit lautem Geschrei aufgeflattert.

Im Laufe des Tages beginnen Polizei und Feuerwehr mit der Aufnahme der Schäden. "Wir sind mit Mann und Maus unterwegs", heißt es in der Leitstelle, bei der die Informationen von den Brennpunkten zusammenlaufen. Von der Marienkirche in Bad Godesberg droht ein massives Steinkreuz von einem Meter Länge und Breite auf die Straße zu stürzen. Es wird mit Hilfe eines Kranwagens einer Schwertransportfirma geborgen. Am Alten Rathaus in Oberkassel sind Dachaufbauten und steinerne Ziertürme brüchig geworden. Auch hier hilft die Feuerwehr.

In der Innenstadt drohen Kamine abzustürzen

Am Bertha-von-Suttner-Platz und am Konrad-Adenauer-Platz in Beuel drohen lockere Kaminteile von den Dächern zu stürzen, weshalb beide Verkehrsknotenpunkte zeitweise gesperrt werden. Ähnlich ist die Situation am Bonner Talweg, was das Verkehrschaos verschärft. In der Wolfstraße krachen in der Nacht Ziegelsteine auf ein geparktes Auto. Ein Haus in der Goebenstraße ist so schwer beschädigt, dass zumindest eine Wohnung unbewohnbar wurde. Die Inhaberin kommt unter Schock ins Krankenhaus.

Schwer trifft es auch die ehemalige Neurochirurgie an der Wilhelmstraße, wo ein kompletter Kamin durch das Dach ins Gebäude gestürzt ist. Leichtere Schäden an Häusern werden aus allen Teilen der Stadt gemeldet. So auch aus dem Alten Rathaus am Markt, wo Treppenhaus, Gobelinsaal und Sternzimmer plötzlich von Rissen durchzogen werden, die vorher nicht da waren. Ebenso wirkt das Erdbeben in der gerade neu gestalteten Aula im Universitäts-Hauptgebäude, wo sich ein Riss durch die Empore zieht.

Im Rohbau des neuen Bundestages verschiebt sich ein Träger

In vielen Seminaren herrscht Chaos, weil Bücher wie von Geisterhand aus den Regalen geschleudert wurden. Fingerdicke Risse weisen auch Turm und Glockenstube der Doppelkirche in Schwarzrheindorf auf. Im Frankenbad landen Stücke der Deckenverkleidung im Wasser. Und selbst die Bühne der Bonner Republik ist von den Erdstößen in den Grundfesten erschüttert worden: Auf der Baustelle des neuen, von Architekt Günter Behnisch geplanten Plenarsaals, wurde ein Träger verschoben, was der ohnehin schwelenden Diskussion um den Fertigstellungstermin eine ganz neue Wendung gibt. Nahezu unversehrt bleibt hingegen das 72 Meter hohe Stadthaus.

Doch Bonn ist nur eine Stadt, die vom Erdbeben getroffen wird. Von der Spitze des Kölner Doms beispielsweise stürzen mehrere große Kreuzblumen aus Naturstein in die Tiefe; eine reißt ein großes Loch in das Dach der Kathedrale, die anderen schlagen auf der Domplatte auf. Im niederländischen Herkenbosch gleich hinter der Grenze ist eine Kirche abbruchreif.

So erinnern sich die GA-Facebook-User

Im Kreis Ahrweiler sind die meisten Schäden im Raum Remagen-Oberwinter-Rolandseck entstanden. Auch hier: Risse im gesamten Bau bis in den Keller, von den Wänden abgeplatzter Putz, eingestürzte Kamine, Scherben im Wohnzimmerschrank, Stromausfall. Auf der dem Plateau der Landskrone zwischen Heppingen und Heimersheim ist zudem die markante Nase, der weithin sichtbare Pfeiler der Burgruine, eingestürzt. Besonders Betroffen ist allerdings der Kreis Heinsberg.

Allein dort werden 25 Menschen, die sich auf die Straße geflüchtet hatten, durch herunterfallende Dachziegel verletzt und mehr als 150 Häuser stark beschädigt. Einzelne Gebäude so stark, dass sie später abgerissen werden müssen. Tragikomik entfaltet da beinahe schon die Geschichte einer Familie aus der Nähe von Erkelenz, die gerade Urlaub auf Mallorca macht. Dort ist vor der Erfindung von Mobiltelefon und Internet vielfach die "Bild"-Zeitung die einzige Quelle von Informationen aus der Heimat.

Verbogene Zeiger in der Erdbebenstation Bensberg

Das große Boulevardblatt denkt überhaupt nicht daran, das Thema zu vernachlässigen. In dicken Lettern und mit den typischen konzentrischen Kreisen lesen die Rheinländer im fernen Spanien, dass ihre Heimat von einer verheerenden Katastrophe heimgesucht worden sei. Dramatische Fotos von den wenigen abrissreifen Häusern vermitteln blatthoch erste Eindrücke aus dem Erdbebengebiet an Rur und Niers.

Am Ende kann ein mit zitternden Fingern erledigter Anruf daheim dann doch Erleichterung schaffen: Nicht nur darüber, dass überhaupt noch jemand lebt; auch angesichts der Erkenntnis, dass die gewaltige Aufmachung wohl doch eine Schriftgröße zu hoch eingestellt gewesen war. Gleichwohl: Unterm Strich steht eine Schadenssumme von knapp 300 Millionen Mark.

Auch an der Erdbebenstation im bergischen Bensberg geht das Beben nicht spurlos vorüber: Einige Zeiger der hochempfindlichen Instrumente werden verbogen, aus dem Drucker schwappt die Tinte über. Seit den Fünfziger Jahren erfassen und analysieren dort Wissenschaftler Erdbewegungen im Rheinland.

Im April 1992 sind sie gefragte Gesprächspartner und haben vor zig Fernsehkameras zu erklären, warum Erdbeben eben nicht nur in Anatolien oder Kolumbien passieren, sondern auch in der heimeligen Kölner Bucht. Und so veranschaulichen sie unermüdlich, wie sich die auf glutheißem Magma schwimmenden Erdplatten verschieben, aneinander reiben oder auch verhaken.

Dabei können sich Spannungen und Energien aufbauen, die sich abrupt und ohne Vorwarnung entladen, wenn eine Erdscholle nachgibt oder bricht. Und die niederrheinische Bucht gilt seither als so genannte tektonische Schwächezone. Zwei Erdplatten, die Venloer und die Rur-Scholle, hatten vor dem 13.April 1992 offenbar ausgiebig gegeneinander gedrückt.

2000 Erdbeben im Rheinland seit den 50er Jahren

Von Bensberg aus beobachten die Forscher mehr als 40 Messpunkte im ganzen Rheinland. Forschungsmaterial gibt es hier reichlich. Denn seit Beginn der Registrierungen wurden allein im nördlichen Rheinland mehr als 2000 Erdbeben registriert. "Wir leben in einem Gebiet, wo natürliche tektonische Bewegungen vorkommen", sagt Iris Schwellenbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstation.

Dass die tektonischen Regungen in der Region besonders ausgeprägt sind, hat nach Auskunft der Geophysikerin eine Hauptursache in der Ausdünnung der Erdkruste. "Spreizungszone" nennen das die Wissenschaftler. In Teilen der Eifel könne der Vulkanismus dazu führen, dass die Wahrscheinlichkeit für Erdbeben steigt. Auch der Bergbau im Ruhrgebiet und in der Kölner Bucht führe immer wieder zu kleineren Erdbeben.

"Die Risiken durch Erdbeben werden durch die Bevölkerung unterschätzt", mahnte erst kürzlich in dieser Zeitung der Bonner Geograf Lothar Schrott. Der Professor lehrt seit 2013 an der Universität Bonn. Er fordert, bereits in Schulen müsse das richtige Verhalten in Katastrophenfällen wie Erdbeben vermittelt werden.

Der Geograf Schrott hat diesen Aspekt in zahlreichen Aufsätzen für Fachzeitschriften thematisiert. Zwar sei das Risiko in Deutschland deutlich geringer als in anderen Ländern. Doch sei eine Naturkatastrophe nach 30 Jahren in der Regel nicht mehr im Gedächtnis verankert," sagt er - für Erdbebenforscher ist dies ein lächerlich kurzer Zeitraum.

Entsprechend nah sind Wissenschaftlern somit noch jene Beben, die 1640, 1756, 1759 und im darauffolgenden Jahr die Menschen in Bonn gleich mit mehreren Erdstößen erschütterten. Auch 1812 meldete der Vilicher Bürgermeister Leonard Stroof dem Präfekten in Düsseldorf, ein Erdbeben habe die Einwohner in "Furcht und Schröcken" versetzt.

Institut gibt praktische Tipps für Bürger

Und auch nach 1992 bebte in Bonn und der Region noch mehrfach die Erde: So etwa am 23. Juli 2002, als - ebenfalls an einem Montagmorgen - das Geschirr in vielen Bonner Schränken zu tanzen begann. Das letzte deutlich spürbare Beben in der Bonner Region gab es am 3. August 2007.

Doch was tun, wenn die Erde bebt? Auch fernab der Universitätsinstitute gibt es Einrichtungen in Deutschland, die für diesen Fall praktische Ratschläge bereit hatten. So empfiehlt etwa das Geoforschungszentrums (GFZ) Potsdam, in Häusern Schutz unter einem schweren Tisch oder stabilen Türrahmen zu suchen oder sich so weit ab wie möglich vom Fenster auf den Boden zu legen.

Auf keinen Fall solle versucht werden, Gebäude während eines Bebens zu verlassen, da man von herabstürzenden Teilen im Treppenhaus erschlagen oder selbst abstürzen könne. Nur wer sich bei Beginn der Erschütterungen im Erdgeschoss nahe einer Außentür befinde, solle sich so schnell wie möglich nach draußen auf eine große Freifläche begeben.

Viele praktische Tipps zum Verhalten bei Erdbeben gibt es auf der Internetseite des Geoforschungszentrums Potsdam unter http://bib.gfz-potsdam.de/pub/schule/merkblatt_erdbeben_0209.pdf

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