Großer Besucher-Andrang

Tag der offenen Tür in Bonns größter Kläranlage

Bonn. Hunderte Bonner haben an Führungen durch Bonns größte Kläranlage teilgenommen und waren von dem dort betrieben Aufwand beeindruckt.

Die ersten Kläranlagen in Deutschland sind schon Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Bis dahin wurden alle Abwässer ungereinigt in die Flüsse geleitet oder versickert. Vor allem ein großes hygienisches Problem. Erst etwa 120 Jahre ist es her, dass es in Hamburg eine letzte Cholera-Epidemie mit 10000 Toten gab. Vor 85 Jahren wurde in Bonn die erste Kläranlage gebaut. Damals ging es im Wesentlichen darum, alles im Wasser Schwimmende, auf verschiedene Weise herauszufiltern.

„Die ganze Abwasserentsorgung war von Anfang an kein Problem des Umweltschutzes, sondern der Hygiene“, sagt Hendrik Walter, Leiter der Bonner Stadtentwässerung im Tiefbauamt. Etwa 250 Mitarbeiter sind mit dem Thema der Bonner Abwässer in Verwaltung und den vier Kläranlagen Salierweg, Godesberg, Beuel und Duisdorf beschäftigt. Etwa 80 davon alleine in der größten Anlage am Graurheindorfer Salierweg, die am Samstag ihre Türen und Tore öffnete, um den Bonner Bürgern die aufwendige Prozedur der Abwassereinigung vorzuführen.

„Man kennt die Anlage ja nur von der Autobahnbrücke aus“, sagte Christian Hupe, Jurist aus Sankt Augustin, der mit seiner Familie einen Ausflug auf die linke Rheinseite gemacht hatte. Sein sechsjähriger Sohn Alexander fasste zusammen, was eine der Hauptaufgaben der Anlage am Rheinufer darstellt, die täglich mehr als 35 Millionen Liter Wasser aufbereitet: „Hier wird unser Klowasser saubergemacht.“ Der Aufwand, der dafür angestellt wird, ist immens. Betriebsleiter Achim Höcherl, der vom Salierweg aus die Kläranlagen Bonns leitet und überwacht, konnte sich über das große Interesse der Bonner, die bei sonnigem Frühlingswetter die Kläranlage besuchten, freuen.

Mitarbeiter der Stadtentwässerung führten bereits bis zur Mittagszeit mehr als 200 Interessierte über das Gelände. „Das ist auch wichtig“, so der promovierte Biochemiker Walther, „dass die Leute mal eine Vorstellung davon bekommen, wofür sie letztendlich die Abwassergebühr zahlen.“ Und man wolle dabei auch die Akzeptanz für die Kläranlagen erhöhen, ergänzt Höcherl. Er sieht eine besondere Herausforderung darin, dass seine Anlage unmittelbar an ein Wohngebiet grenzt. Das stellt höchste Ansprüche an Geruchs- und Geräuschvermeidung. So wird das Abwasser still, leise und aufwendig, statt laut plätschernd in die Klärbecken eingeleitet.

Riesig dimensionierte Absauganlagen über den aus diesem Grund geschlossenen Klärbecken sorgen dafür, dass kein unerwünschter Kloakengeruch nach außen dringt. Eine Vorstellung davon, wie es sein könnte, bekamen die Besucher in der Halle des Sandfangs, wo die Fließgeschwindigkeit des nur grob gesäuberten Wassers reduziert wird und sich dadurch weitere Feststoffe am Boden absetzen. Der Raum wurde meist schnell wieder verlassen. Ganz anders dagegen die beiden mit Gras bewachsenen Klärschlammkegel. Die Verschönerungsidee stammt noch aus Hauptstadtzeiten, wo auch diese Anlage vorbildlich sein sollte.

Aus Sicherheitsgründen darf dort jedoch weder ein Benzinrasenmäher noch eine Schafherde zum Einsatz gebracht werden. „Alles Handarbeit“, lacht Höcherl und freut sich, dass sein Betrieb immer noch so ansehnlich ist. Dort wird das aus dem Süden und dem Norden in Kanälen ankommende Kanalwasser in mehreren Stufen gereinigt. Zunächst mechanisch, indem die groben Verunreinigungen entfernt werden. Neben diesen Feststoffen machen jedoch die eher nicht sichtbaren gelösten Stoffe im Abwasser zwei Drittel der Verunreinigungen aus. Sie werden in der biologischen Reinigungsstufe entfernt. Mikroorganismen „fressen“ sie auf und wandeln sie in Körpersubstanz (Belebtschlamm) um.

Ablaufrohre unterhalb der Wasseroberfläche leiten dann das Wasser nahezu geräuschlos in die Filtration. Übrig bleibt der Schlamm aus dem Klärprozess. Er wird aus allen Bonner Kläranlagen kommend, am Salierweg in einem Wirbelschichtofen thermisch verwertet und in Asche umgewandelt. Aufwendige Reinigungsanlagen befreien die dabei entstehenden Rauchgase von Asche und Schadstoffen.

Das dabei entstehende Faulgas wird in der Kläranlage als regenerative Energiequelle genutzt. Insgesamt anspruchsvolle technische und biologische Vorgänge, die dem schlechten Image des Abwassertechnikers widersprechen. „Wir sollten uns Aquatroniker“ nennen, meint Höcherl scherzhaft. Dann gebe es vielleicht mehr Interesse an dem Beruf, über den Chef Höcherl, der ihn vor über zwanzig Jahren am Salierweg erlernte, sagt: „Ich liebe meinen Beruf.“

Wer Interesse an einem Praktikum, Ausbildung oder einem Dualen Studium als Abwassertechniker hat, kann sich an die Kläranlage am Salierweg 1 wenden. Telefon 0228 68350