Viktoriakarree

Restaurieren statt Abreißen und Neubauen

BONN. "Putzen und benutzen" anstelle von Abreißen und Neubauen lautet die Devise Alexander Kleinschrodts. Er ist Mitglied der "Werkstatt Baukultur Bonn", die am Mittwochabend im Rahmen der letzten Demonstration gegen die geplante Einkaufsmall eine Führung durch das Viktoriaviertel organisierte.

Kleinschrodt plädierte für Restauration und alternative Nutzung von bereits Bestehendem und erklärte, warum ehemalige Schwimmbäder, sind die Stöpsel einmal gezogen, nicht etwa unbrauchbar werden, sondern durchaus zur atmosphärischen Mehrzweckhalle taugen.

"Die Mosaiksteinchen, die den Ladeneingang umgeben, fallen auf den ersten Blick gar nicht auf", deutet Kleinschrodt auf die andere Straßenseite. Die bunten Muster seien typisch für die Gebäudegestaltung in den 50er und 60er Jahren. "Die Ästhetik vieler Bauten aus dieser Zeit ist oft nicht gleich auf den ersten Blick erfassbar", erläutert Kleinschrodt, sondern entfalte sich erst bei genauem Hinsehen. Auch die Rastergliederung im Obergeschoss sei ziemlich besonders. "Sehen Sie? Alle Fenster sind von einem großen braunen Rahmen umgeben. "

Im großflächigen Innenhof des Viktoriaviertels ist es ruhig, neugierige Anwohner schauen von ihren Balkonen auf die gut 30-köpfige Gruppe, die zwischen den geparkten Autos über eine kreative Alternativ-Erschließung der Fläche diskutiert. "Ein Biergarten fürs Zebulon" beispielsweise stößt auf schmunzelnde Zustimmung.

"Der Bereich ist offen für Ergänzungen", findet Kleinschrodt und zeigt auf, wie und wo man anbauen könnte, ohne die Begehbarkeit des Innenhofes einzuschränken. "Oder vielleicht einen Archivturm hier in die Mitte, mit ausreichend Freiraum drum herum." Immer wieder proklamiert er das "Bauen im Bestand", also mit dem zu arbeiten, was bereits da ist. "Erster Schritt ist das Freilegen und Restaurieren der Gebäude", danach könne man zusätzliche Baukörper addieren oder das Bestehende zu etwas anderem umfunktionieren.

"Da hätten wir das Viktoriabad", sagt Kleinschrodt. Und nennt erfolgreiche Beispiele aus Wuppertal und Wolfsburg. "Die Wuppertaler Schwimmoper, ein Baudenkmal aus den Fünfzigern, wurde im Laufe der Zeit durch Erweiterungen ergänzt, die sich sehr am alten Stil orientieren." Details am Bestandsbau seien sorgsam bewahrt worden. Aus dem Wolfsburger Hallenbad am Schachtweg sei ein Kulturzentrum geworden, in dem regelmäßig, vor bunt angestrahltem Sprungturm, Jazzkonzerte stattfinden.

Auf den Einwand einer Zuhörerin, das Viktoriabad sei jetzt nun keine Augenweide, verwies Kleinschrodt auf die von der Witterung gezeichneten Außenwände und den Leitsatz "putzen und benutzen". "Fällt Ihnen im Übrigen im Vergleich zum Sparkassen-Neubau am Friedensplatz etwas auf? Bei beiden Gebäuden wurde mit hochwertigen Travertin-Fliesen gearbeitet." Teilnehmerin Uta Friedrich lobte den Rundgang: "Es wurden Perspektiven aufgezeigt, ein Viertel zu verändern und gleichzeitig Bestehendes zu bewahren." Eine Shoppingmall fände sie schlichtweg unpassend.

Werkstatt Baukultur

Die Kulturgruppe wurde 2011 am Kunsthistorischen Institut gegründet; Studierende und Absolventen der Kunstgeschichte befassen sich mit Architektur, Städtebau und Denkmalpflege. Insbesondere bei den Führungen gehe es darum, der Öffentlichkeit das Potenzial jüngerer Bauten zu vermitteln, sagt Alexander Kleinschrodt. Dabei werden verschiedene Bonner Viertel unter die Lupe genommen. Das aktuelle Programm gibt es auf www.baukultur-bonn.de.