Kellerschätze in Bonn ans Licht geholt

Haustürflohmarkt unter Kirschblüten in der Altstadt

Bonn. Weder Rheinauenflohmarkt noch Frühlingsfest auf dem Bonner Marktplatz schienen eine Konkurrenz für den Haustürflohmarkt unter Kirschblüten in der Bonner Altstadt zu sein. Am Samstag drängten sich die Besucher durch die Nordstadt.

Nach rheinischer Lesart kommt man nicht umhin, den nun bereits zum dritten Mal unter der Blütenpracht der Kirschbäume in der Bonner Altstadt abgehaltenen Haustürflohmarkt, zur „Tradition“ zu erklären. Weder der ebenfalls am Samstag stattgefundene Rheinauenflohmarkt, noch das Frühlingsfest auf dem Bonner Marktplatz schienen eine Konkurrenz für den Flohmarkt unter Kirschblüten zu sein. Bereits am frühen Vormittag drängten sich Hunderte von Besuchern durch die Straßen der Nordstadt.

„Das Tollste an unserem Flohmarkt ist“, sagte Linda (24), Anwohnerin der Paulstraße, „dass man nicht so früh aufstehen muss.“ Wie viele ihrer Nachbarn war auch sie noch gegen 11 Uhr dabei, ihre Kellerschätze ins rechte Licht zu rücken. Die kühlen fünf Grad Außentemperatur taten der guten Stimmung, die bei nahezu allen Altstädtern zu beobachten war, keinen Abbruch. Man hatte sich schon weit vor dem Termin zum Flohmarktverkauf verabredet. So kamen auch vor Katjas Haustür in der Heerstraße die Freunde Stephan, Katrin und Moritz aus der Georgstraße zusammen.

Gemeinsam brachten sie ein buntes Angebot an Trödel, Büchern und alten Landkarten auf die Tapeziertische. „Das geht auch alles richtig gut“, freute sich Stephan. Er habe als leidenschaftlicher Flohmarktbesucher auch schon selber in der Rheinaue gestanden, die ihm jedoch inzwischen zu kommerziell geworden sei. „Hier ist es authentischer und familiärer“, so sein positives Resümee. Die Ansicht, dass sich mit der Gentrifizierung in der Altstadt alles verändert habe, vertrat Stephan Werner (63). Er hatte sich schon Ende der Siebzigerjahre für den Erhalt des Flohmarktes am Hofgarten eingesetzt.

„Das war ja die Zeit, wo die ‚normalen Menschen‘ noch keine Sachen auf Flohmärkten gekauft hatten“, sagte er. Trotzdem fürchteten damals die Geschäftsleute der Innenstadt die billige Konkurrenz, was dazu geführt habe, dass man den Flohmarkt in die entfernte Rheinaue verlegte, so Werner. Aber damals seien das ja auch alles eher die Freaks und Hippies gewesen, die auf Flohmärkten unterwegs gewesen wären. Das sehe jetzt in der Altstadt anders aus. Er schätze vor allem die angenehmen Gespräche mit den Leuten, die sich für die alten Bücher und Kuriosa interessierten.


Den neunjährigen Gustav interessierten dagegen die selbstgebackenen Schoko-Muffins von Camille (18), die an kleinem Tisch an der Ecke zum Im Krausfeld saß. „Wie teuer sind die denn?“, fragte er und bekam die überraschende Antwort, dass der Preis in seinem Ermessen läge. Er kramte in seinen Taschen und wollte Camille zwei Euro für einen ihn anscheinend verführerisch anlächelnden Muffin geben. Diese winkte jedoch ab und überließ ihm das Gebäck für 50 Cent. Vielleicht ein typisches Beispiel für den kommerzfrei familiären Umgang auf dem Haustürenflohmarkt. Die japanische Aufräumexpertin und Bestsellerautorin Marie Kondo könnte mitverantwortlich dafür sein, dass manch eine Bluse zum Verkauf auf der Kleiderstange von Katrin Andino landete.

Kondos Mantra, „behalte nur, was dir auch Freude bereitet“, hat nicht nur bei Andino dafür gesorgt, sich von dem ein oder anderen noch neuwertigen Teil zu trennen. „Ist doch schön“, sagte sie, „wenn sich noch jemand darüber freut.“ Auch Jamil Balga, der vor dem Heerstraßen-Büro von Amnesty International ein Schild mit „Kaffee, Kuchen, Petitionen“ hochhielt, freute sich über die Aufmerksamkeit der Menschen für die Anliegen seines Vereins. „Auf dem Münsterplatz sind immer alle in Eile, hier hat man Zeit, miteinander zu sprechen“, sagte er und sammelte erfolgreich Unterschriften zur Freilassung von vier politischen Gefangenen im Iran.