Remigiusplatz in Bonn

Gerhard Schröder und Jürgen Nimptsch enthüllen sechs Meter hohe Skulptur

BONN. "Ich bin ein Bonner", sagte er laut und deutlich. Und wollte es doch nicht gesagt haben. Er, Gerhard Schröder, habe nämlich nicht nur gute Erfahrungen in Bonn gemacht. "Hier in Bonn begann vor 34 Jahren meine politische Karriere", räumte Schröder anlässlich der Enthüllung von Tony Craggs Skulptur "Mean Average" am Freitagmittag auf dem Remigiusplatz ein.

"Als Jusovorsitzender habe ich damals jene Revolution geplant, die ich dann als Kanzler verhindern musste." Dass er Henry Moores "Large Two Forms" vor dem Bonner Bundeskanzleramt gerne mit nach Berlin genommen hätte, daraus machte Schröder keinen Hehl. Und erntete gefährliches Raunen von den rund hundert Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur - sogar Ex-Generalintendant Klaus Weise und Ex-Bundeskunsthallenchef Wenzel Jacob waren dabei. Letzterer hatte 2003 auf dem Dach der Bundeskunsthalle unter den "Signs of Life" 20 riesige Werke von Cragg in einerherausragenden Ausstellung gezeigt.

So gerne Schröder Moores Plastik mit ins Berliner Kanzleramt genommen hätte, der Plan scheiterte. Und man fand einen Mäzen und einen Künstler: Die "Großform Berlin" von Eduardo Chillida sei eines der meist fotografierten Motive in Berlin. Nach Bonn sei er nun als Kunstfreund gekommen, um Craggs Werk "zu einer freundlichen Aufnahme zu verhelfen".

Der Ex-Kanzler monierte noch launig, der General-Anzeiger habe Craggs abstrakte Arbeit (mit Hinweis auf von Schröder favorisierte gegenständliche Künstler wie Immendorff, Baselitz und Lüpertz) als "Schröder-untypisches Werk" bezeichnet. Er klärte dann über seine Beziehung zum Werk des britischen Künstlers und ehemaligen Rektors der Düsseldorfer Kunstakademie auf und ordnete die Skulptur ein: "Sie übersteigt die Werke, die ich von Tony Cragg gesehen habe."

Das tut die Skulptur "Mean Average" mit ihren sechs Metern Höhe in der Tat. Von einer breiten Basis aus schrauben sich organische, goldfarbene Bronzemassen gewissermaßen in die Höhe. Es entsteht eine bizarre, zerklüftete Silhouette, die vor dem Hintergrund der Häuser auf dem Remigiusplatz sich aus jedem Blickwinkel anders zeigt. Ein Werk, das wie permanent in Bewegung zu sein scheint - und auch die Bewegung des Betrachters einfordert. Einen "tiefen Eindruck" habe das Werk bei ihm hinterlassen, sagte Schröder.

Und auch Jürgen Nimptsch, Bonner Oberbürgermeister, hält viel von diesem Werk, das dank der Initiative der Bonner "Stiftung für Kunst und Kultur e.V." und mit Unterstützung des Mäzens Jörg Blömer realisiert wurde. In seiner Rede rieb sich Nimptsch etwas am Titel der Arbeit: "Mean Average" heißt so viel wie mittlerer Durchschnitt. Was er als OB für die Bundesstadt nicht akzeptieren könne. Wobei, wie Nimptsch räsonierte, "mittlerer Durchschnitt" auch Auf-dem-Teppich-bleiben bedeuten könne. "Das passt zu Bonn, Bescheidenheit steht uns gut an", sagte der OB. Und in punkto Mittelfeld: Bei den Schulden läge man gerne dort.

Nimptsch sieht in der Skulptur nicht nur eine "kulturelle Aufwertung" der Stadt, sondern auch ein weit sichtbares Zeichen für kulturelles Engagement. "Herr Smerling, wir haben in Bonn noch weitere Plätze", sagte der OB an Walter Smerling, den Geschäftsführer der Stiftung, gerichtet. Der hat mit seinem "Kunstprojekt Bonn" eine ambitionierte Initiative gestartet, die nach dem Beispiel des bereits seit über zehn Jahren laufenden Skulpturenprojekts Salzburg, das ebenfalls von der "Stiftung für Kunst und Kultur e. V." realisiert wird, hochkarätige Kunst in den öffentlichen Raum bringen will. Start für Bonn war die umstrittene Skulptur "Hommage an Beethoven" von Markus Lüpertz - er war Tony Craggs Vorgänger im Rektorenamt in Düsseldorf.

Für "Mean Average" fand Smerling in dem Bonner Geschäftsmann Jörg Blömer einen passenden Partner. Oder war es umgekehrt? Blömer erinnert sich, wie er auf einer Golf-Reise in die Provence erstmals auf Skulpturen Tony Craggs stieß, ohne zu wissen, von wem sie seien. "Ich habe mich sofort in das Werk verliebt", gesteht er.

Und dann sei er zu Smerling gegangen und habe gefragt: "Wer ist das?" Er erfuhr, dass es sich bei Cragg um einen Weltstar der Bildhauerei handelt. "Das schlägt sich im Preis nieder", sagt Blömer Beifall heischend, verrät ihn aber nicht. Er wolle Bonn etwas zurückgeben, sagt Blömer, dessen Familie seit 1886 in der Stadt Handel treibt. "Im Jahr 2000 habe ich den Laden zugemacht", sagt er, "zur rechten Zeit." "Blömer Haus" steht oben auf der Fassade der "Zara"-Filiale vis-à-vis von Craggs Werk. Ein doppeltes Denkmal.

Der Künstler

Nur wirklich gute Bildhauer können sich auf diesem Terrain behaupten. Das gilt für den Remigiusplatz, wo Tony Cragg seine Sechs-Meter-Skulptur "Mean Average" aufgestellt hat. Das galt aber auch für den Dachgarten der Bundeskunsthalle, wo Cragg vor zehn Jahren präsentiert wurde, in einer Bonner Ausstellung, die Craggs Bedeutung zementierte und ihn in ganz Deutschland bekannt machte. Der Dachgarten war ein schwieriges Feld, für Skulptur denkbar ungeeignet - wie der Remigiusplatz.

"Schauen Sie aus dem Fenster. Beinahe alles in unserer Umgebung ist in der formalen Erscheinung allenfalls mittelmäßig, dient ökonomischen Zwecken und ist überhaupt eine Konsequenz der Ökonomie", sagt Cragg zum Platz. Und dann zur Arbeit: "Die Bildhauerei kann hier eine besondere Rolle wahrnehmen. Sie kann neue, nie vorher gesehene Formen in die Welt bringen und damit auch neue Gedanken. Und so erfüllt sie auch eine politische Funktion."

Der in Wuppertal lebende Liverpooler Tony Cragg (Jahrgang 1949) ist ein sehr sensibler, vorsichtiger Bildhauer, ein Beobachter, Formtüftler. Mit perforierten, hohlen, weit aufragenden, gefäßartigen Körpern wurde er berühmt, Skulpturen, die expressiv in die Höhe wachsen. Bei den "Early Forms" verschränken sich Konkav- und Konvexformen miteinander, geraten in eine Drehung um eine imaginäre Achse, erinnern bisweilen an riesige Maschinenteile.

Bei "Mean Average" ist von technoiden Anspielungen keine Rede mehr. Es geht um Wachstum, um Entwicklung, um das Spiel mit Perspektiven. Ein Standpunkt allein genügt nicht, will man das Werk erfassen. Man muss es umschreiten, immer wieder neu betrachten. Am besten zu unterschiedlichen Tageszeiten.

Manchmal scheint es, die aufgetürmten Massen könnten stürzen, mal bilden sich Höhlen, bizarre Auswüchse. Elementare Formen, einfache Fragestellungen und Prozesse prägen sein Werk: "Ich will nichts verkomplizieren", meint der bescheidene Künstler, der den Turner-Prize bekommen hat und mit dem Praemium Imperiale für Skulptur ausgezeichnet wurde.

Wie sich "Mean Average" auf dem Bonner Remigiusplatz behaupten wird, wird sich weisen. Es ist ein schwieriges Feld. Craggs Kunst ist leichtere Gegner gewohnt: In Craggs wunderbarem Skulpturenpark "Villa Waldfrieden" in Wuppertal konkurriert sie nur mit der Natur.