Das ganze Interview mit Pfarrer Wolfgang Picken

"Für Frau Pöhler ist es eine unvorstellbare Belastung"

Die Mutter des Opfers Niklas Pöhler und Nebenklägerin, und der Bad Godesberger Pfarrer Wolfgang Picken.

Die Mutter des Opfers Niklas Pöhler und Nebenklägerin, und der Bad Godesberger Pfarrer Wolfgang Picken.

BAD GODESBERG. Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft auf Freispruch für den Angeklagten Walid S. hat Denise Pöhler ohne Vorwarnung getroffen. Ihr Glaube an die Gerechtigkeit wankt. In einem Interview mit dem GA hat sich Pfarrer Wolfgang Picken im Namen der Mutter jetzt an die Öffentlichkeit gewandt.

Denise Pöhler ist Picken zufolge nicht in der Verfassung, selbst mit den Medien zu sprechen. Es sei ihr aber wichtig, der Öffentlichkeit mitzuteilen, was sie jetzt bewege. Die Fragen stellte Ayla Jacob, die Antworten sind laut Wolfgang Picken mit der Mutter abgestimmt.

Sie begleiten als Seelsorger die Mutter von Niklas. Was können Sie uns über die Situation von Frau Pöhler sagen?
Wolfgang Picken: Ich begleite seit Niklas Tod seine Mutter als Seelsorger und habe beinahe täglich mit ihr Kontakt. Ich erlebe eine Mischung von Trauer, Schmerz und Fassungslosigkeit, aber auch Verlangen nach Gerechtigkeit, Wahrheit und Aufklärung. Mit bewundernswerter Tapferkeit und Kraft geht sie ihren Weg. Sie sieht sich aber gegenwärtig nicht in der Lage, sich öffentlich zu äußern. Vor ihr liegt der Tag der Urteilsverkündung. Unmittelbar danach steht eine Serie schmerzlicher Jahrestage bevor. Der Tag der Prügelattacke, die Tage in der Intensivstation, der Todestag. Dennoch ist es ihr ein Anliegen, dass ich an ihrer Stelle ein paar Dinge sage. Zum einen möchte sie der Öffentlichkeit für die große Unterstützung und die unveränderte Anteilnahme danken. Zum anderen will sie aber auch, dass man weiß, was sie gerade bewegt, und dass das Geschehene zur Nachdenklichkeit anregt.

Wie geht es Denise Pöhler jetzt?
Picken: Für die Mutter von Niklas war der Dienstag ein schwerer Schlag. Das Freispruch-Plädoyer der Staatsanwaltschaft traf sie überraschend. Sie fragt sich, ob es nötig war, sie damit erst im Gerichtssaal vor der Öffentlichkeit zu konfrontieren. Noch belastender ist, dass sie annehmen muss, dass der Tathergang nicht mehr hinreichend rekonstruiert werden kann und es zu keiner Verurteilung kommt. Die Vorstellung, dass derjenige, der ihrem Kind das Leben genommen hat, nicht bestraft werden wird, zermürbt sie und erschüttert ihr Verständnis von Gerechtigkeit. Unter solchen Voraussetzungen ist es schwer, zu trauern und zu innerem Frieden zu finden.

Wie hat sie den Prozess erlebt?
Picken: Die Ermittlungen und der Prozess waren für Frau Pöhler eine unvorstellbare Belastung. Allein dem Angeklagten jedem Prozesstag gegenüberzusitzen, war eine Herausforderung. Die Art, was und wie viele der Zeugen im Gerichtssaal ausgesagt haben, diese Fülle an bewussten Erinnerungslücken und Halbwahrheiten, hat sie fassungslos gemacht. Wenn das Interesse an der Wahrheit und der Aufklärung so rücksichtslos in den Hintergrund tritt, ist es ein wenig so, als würde das eigene Kind ein zweites Mal sterben.

Gab es Dinge, die für die Mutter in der Zeit des Verfahrens besonders belastend waren?
Picken: Es gibt manche Belastungen, die man ihr vielleicht hätte ersparen können. Sie hat sich oft gefragt, warum im Verfahren so wenig Rücksicht auf sie als Mutter genommen wird. Frau Pöhler erfuhr immer wieder Details der Ermittlungen erst aus den Medien. Muss das sein? Tage nach der Beerdigung von Niklas wurde ihr mitgeteilt, dass man das Gehirn ihres Sohnes in der Gerichtsmedizin einbehalten hatte. Wir mussten es nachträglich bestatten. Ich kann kaum in Worte fassen, was das bedeutet hat. Besonders aber beschäftigt Frau Pöhler, wie es möglich sein konnte, dass der Tatort erst Stunden nach der Attacke gegen ihren Sohn gesichert wurde. Bereits kurz nach der Tat war ihr, den Ärzten und offenbar auch der Polizei bekannt, dass hier eine Gewalttat vermutlich mit Todesfolge geschehen war. Es hätten sofort Spuren gesichert werden müssen. Dann gäbe es vielleicht DNA-Spuren, die zu Aufklärung der Tat beitragen könnten.

Wie beurteilt sie den Ausgang des Prozesses?
Picken: Frau Pöhler hat versucht, sich objektiv ein Bild von der Tat zu machen. Vor ein paar Tagen noch hat sie mit dem Freund von Niklas gesprochen, der Augenzeuge und Betroffener der Attacke am Rondell war. Er hat ihr nochmals versichert, dass der Angeklagte der Täter sei. Sie kennt ihn seit vielen Jahren als glaubwürdig und ernsthaft. Aus der Gerichtsverhandlung wissen wir, dass er den Angeklagten in den Tagen nach der Tat zunächst nicht wiedererkannt hat. Das führt zu Zweifeln an seiner Aussage vor Gericht. Frau Pöhler hat in ihrer Suche nach Wahrheit Kontakt zu einem anerkannten Psychologen der Universität aufgenommen, um für sich zu klären, welche Gründe es für diese Widersprüche geben kann. Dabei hat sie erfahren, was man auch als Seelsorger weiß: Dass sich bei traumatisierten Gewaltopfern oft erst nach Wochen das vollständige Erinnerungsvermögen wieder einstellt. Das wäre eine nachvollziehbare Erklärung. Was soll Frau Pöhler also denken, wenn der beste Freund ihres Sohnes versichert, dass er den Täter eindeutig identifizieren kann, und es einen weiteren Augenzeugen gibt, der die gleiche Aussage macht? Für sie ist schwer nachvollziehbar, dass die Staatsanwaltschaft jetzt offenbar die Glaubwürdigkeit beider Zeugen bezweifelt und Freispruch fordert.

Wie nehmen Sie die Situation in Bad Godesberg derzeit wahr? Hat sich die Situation beruhigt?
Picken: Für die Bevölkerung in Godesberg ist, glaube ich, klar, dass nur dann ein Urteil gesprochen werden darf, wenn sich das Gericht sicher sein kann. Das ist das Grundprinzip unseres Rechtsstaates. Für die Bürger wird es aber schwer sein, zwei Dinge zu akzeptieren. Zum einen konnte das Leben von Niklas nicht wirksam geschützt werden, und viele fragen sich, ob das hätte vermieden werden können. Zum anderen wird es vermutlich zu keiner Verurteilung kommen. Das führt zu einer zweifachen Frustration hinsichtlich der Ohnmacht staatlicher Autorität. Wie sich das auswirken wird, bin ich mir nicht sicher. Es ist aber der „Worst Case“. Das auch, weil es mit Blick auf eine Prävention gegen Gewalt die schlechtesten Signale setzt. Täter könnten sich ermutigt und Bürger verunsichert fühlen.

Was würden Sie sich als nächste Schritte erhoffen?
Picken: Für die nächsten Wochen würde ich mir Ruhe für die Familie wünschen. Der Todestag von Niklas steht bevor. Dann werden wir in Bad Godesberg überlegen müssen, wie wir eine angemessene Erinnerung an dieses trostlose Ereignis und an Niklas bewahren. Es ist an der Zeit, dass wir das Rondell gestalten. Auch wird es eine Aufgabe sein, dass wir im Miteinander von Staat und Gesellschaft alles tun, jedweder Form von Gewalt vorzubeugen, und alles daran setzen, dass Bad Godesberg wieder auch mit dem in Verbindung gebracht wird, was es ist: Ein wundervoller Ort zu leben.