Serie "Bonn baut" - Endenicher „west.side"

Die Geburt eines neuen Stadtteils

Bonn. Wo früher die Chemiefabrik Arkema stand, starten in diesem Jahr die Erschließungsarbeiten für das Endenicher „west.side“-Projekt. Dort und direkt nebenan sollen mehr als 800 Wohnungen entstehen.

Es ist, als hätte sich die Kälte in den Stahlbeton gekrallt. Sie fällt einen an, wenn man das leere Silogebäude auf dem früheren Arkema-Gelände betritt. Auf dem Weg nach oben, sieben Stockwerke durch ein schrundiges Treppenhaus, wird es trotzdem warm, Stufe um Stufe. Auf dem Flachdach ein grandioser Rundumblick unter schweren Wolken, der zeigt, in was für einer Gegend man hier ist: im Norden die alten Hallen des Sirius Business Parks, nebenan die Büroriegel der Generalzolldirektion, im Osten die Autobahn 565 und die Müllverbrennungsanlage, im Südosten der Uni-Campus Endenich, im Südwesten ein Fußballplatz sowie Wohnblocks der Vebowag und im Westen die neue Bahnhaltestelle Endenich-Nord.

Und mittendrin: ein riesiges Gelände. 5,2 Hektar, große Erdhaufen, planierte Flächen, tiefe Gruben. Bis zu sieben Meter haben die Investoren den Boden auskoffern lassen, um Altlasten zu beseitigen. Es ist der Geburtsort eines ganz neuen Stadtteils. Bis zu 550 Wohnungen plus Büro- und Gewerberäume plant die formart GmbH mit dem „west.side“-Projekt auf dem Areal – und weiter westlich, wo heute noch der kaum genutzte Sportplatz liegt, sieht die Stadt Bonn auf 4,7 Hektar weitere 300 bis 350 neue Wohnungen vor.

„Solche Potenziale in Zentrumsnähe gibt es kaum noch“, sagt Stefan Dahlmanns, NRW-Niederlassungsleiter des „west-side“-Projektentwicklers (siehe „Zahlen und Fakten“). Das und der unverwechselbare Charakter der Arkema-Liegenschaft seien Gründe für die Investitionsentscheidung mit einem „namhaften dreistelligen Millionenbetrag“ gewesen. Zehn Fabrikgebäude sind abgerissen, fünf stehen. „Wir prüfen noch ihre Beschaffenheit, wollen aber gern einen Mix aus Alt und Neu, möchten die Industriearchitektur erlebbar machen“, so Dahlmanns.

Das gilt besonders für das frühere Laborhaus mit Backsteinfassade und den Pförtnerflachbau an der Siemensstraße. Dort soll der Hauptzugang ins neue Stadtquartier entstehen, mit Gastronomie und einem bis zu 800 Quadratmeter großen Lebensmittelmarkt. Daran schließen sich im Konzept des Bonner Stadtplanerbüros Ulrich Hartung bis zu fünf Stockwerke hohe Wohnblocks und Büros sowie Flächen für nicht störendes Gewerbe an (siehe Grafik).

 

Westlich zum Sportplatz hin plant formart reines Wohnen. Ein neuer Kindergarten ist auf dem Areal ebenfalls vorgesehen. Architektenentwürfe gebe es noch nicht, berichtet Dahlmanns. „Urban“ werde sich das Quartier anfühlen, mit einer Farb- und Formenwelt, die sich mit dem Industriebestand auseinandersetze. Geheizt wird mit Fernwärme von den Stadtwerken. Jeweils die Hälfte der Neubauten soll als Eigentumswohnungen verkauft oder vermietet werden – jeweils im „mittleren Preissegment“.

Anfang Februar hat die Ratsmehrheit gegen den Bürger Bund Bonn der notwendigen Änderung des Flächennutzungsplans für die „west.side“ zugestimmt. Der städtebauliche Vertrag mit formart steht kurz vor der Unterschrift. Dahlmanns rechnet damit, dass 2017 die Erschließungsarbeiten beginnen und Bauanträge gestellt werden. Der erste Spatenstich könnte bis Sommer 2018, der letzte Stein bis 2022 gesetzt sein.

Dann drehen sich im Westen wahrscheinlich noch die Kräne. Am Vogelsang entsteht eine weitere Gruppe von vier- bis fünfgeschossigen Blocks mit insgesamt bis 350 Wohneinheiten. Je ein Drittel sollen Sozialwohnungen (6,25 Euro/Quadratmeter), mietpreisgedämpft (sieben bis acht Euro) und frei finanziert werden. Die Vebowag setzt vor allem auf kleine Zwei- bis Dreizimmerwohnungen, wie Geschäftsführer Michael Kleine-Hartlage erläutert: „Die werden von Ein- bis Zwei-Personen-Haushalten besonders stark nachgefragt.“ Das städtische Unternehmen will am Vogelsang rund 20 Millionen Euro investieren.

Zum Plangebiet gehört auch die Kindertagesstätte an der Kolpingstraße, die wahrscheinlich durch einen Neubau ersetzt wird. Zwischen Vogelsang und „west.side“ fließt der Endenicher Bach durch ein unterirdisches Rohr. Er darf nicht überbaut werden, um die Chance zu wahren, das Gewässer in ferner Zukunft wieder ans Tageslicht zu holen.

Wie das Vebowag/Wohnbau-Quartier aussehen wird, entscheidet sich in den nächsten Tagen. Dann wird aus den drei besten Entwürfen eines NRW-Landeswettbewerbs, an dem die Stadt sich beteiligt hat, der Sieger ausgewählt. Im Rennen sind Planerbüros aus Köln und Berlin. Sie haben auch Mobilitätskonzepte für die künftigen Neu-Endenicher entworfen. Denn wie an der „west.side“ drängt die Stadtverwaltung darauf, den Autoverkehr möglichst gering zu halten – also ausreichend, aber nicht zu viele Stellplätze zu bauen. Stattdessen sollen die Bewohner Radabstellanlagen, Angebote für E-Mobilität und die nahe Bahnhaltestelle nutzen. „Die Wettbewerbsbeiträge haben hohe Qualität“, lobt Jens Bräutigam. Er ist Geschäftsführer der Wohnbau GmbH, einer bundesweit aktiven Firma mit Sitz in Bonn, die Bauherrin der frei finanzierten Wohnflächen am Vogelsang werden soll. „Man merkt schon, dass sich in diesem Gebiet etwas bewegt“, sagt Bräutigam. „Und das ist gut für die Stadt.“