Nachruf auf Jan Loh

Der "Alle-mal-malen-Mann" war Kult in Bonn

Bonn. Der Name Jan Loh ist vielen Bonnern nicht geläufig. Seine Frage, ob er "alle mal ein wenig malen" darf, hat ihn zum Kult gemacht. Jetzt ist das Bonner Original im Alter von 86 Jahren gestorben.

Es ist ein warmer Sommertag im Juli 2015. "Hört mal, darf ich euch mal ein bisschen malen?", fragt der ältere Mann in viel zu großem Anzug mit seinen zerzausten Haaren. Die Resonanz der Gruppe an dem Biertisch am Alten Zoll ist überschaubar. Die Frage, die Jan Loh dem jungen Publikum stellt, ist Kult. Es gibt nur wenige Menschen, denen das Arbeitsgesuch in einer der zahlreichen Bonner Kneipen noch nicht gestellt worden ist. Jan Loh, der nach GA-Informationen unter einem anderen Nachnamen gemeldet war, ist so zu einem Bonner Original geworden. Am vergangenen Donnerstag ist der gebürtige Gladbecker an den Folgen eines Sturzes gestorben. Loh wurde 86 Jahre alt.

Über drei Jahrzehnte lang hat er für das Bundesministerium Informationen über Entwicklungsländer eingeholt. Seit Anfang der 90er Jahre zog Loh dann abendlich von Kneipe zu Kneipe, in seiner Anzugstasche stets Tesafilm-Rollen, ein Dutzend Bleistifte sowie einen Spitzer. Stundenlang stellte er die legendäre Frage: "Alle mal malen hier?". Die Frage, die ihn in Bonn zu einer Art Wahrzeichen gemacht hat. Sein Konterfei blickt von zahlreichen Stromkästen. Loh wurde für Geburtstagsfeiern gebucht, malte sogar 2014 das Wahlplakat der Linken mit dem Slogan "Alle mal wählen" und war für die Gestaltung eines Ladens in der Bonner Innenstadt zuständig.

Hoher Bekanntheitsgrad in der Stadt

"Durch seinen unermüdlichen Einsatz und seine Dauerpräsenz in der Bonner Kneipen- und Biergartenszene hat Herr Loh einen sehr hohen Bekanntheitsgrad erreicht", sagte der Kulturdezernent der Stadt Bonn, Martin Schumacher, in einem Interview von 2015. "Noch vor Beginn meiner Amtszeit war ich mit Herrn Oberbürgermeister Nimptsch zusammen in einer Bonner Gaststätte, um Details über die Arbeit in Bonn auszutauschen. An diesem Abend wurde ich dann auch von Herrn Loh porträtiert."

 

In all den Jahren muss Loh zig Tausend Menschen porträtiert haben.  Auf einer Facebook-Seite, einer Homepage sowie einem Twitter-Profil bewerben Fans die "Gemälde" des Bonners, die sich doch alle irgendwo ähnlich sehen. "Die Leute kennen sich ja nicht von der Seite. Sie gucken ja immer gerade in den Spiegel", verteidigte sich Loh bei einem Gespräch mit dem General-Anzeiger 2015. Um eine passende Antwort war er nie verlegen, antwortete mitunter sympathisch trotzig, gerne auch mit Ruhrschnauze. Auf Ablehnung seines Angebots reagierte er zunächst mit Werbemaßnahmen wie "Meine Gemälde sind billiger als am Montmatre" oder "in Sachen Liebespaar-Malen bin ich einsame Spitze", dann aber mit einer aus seiner Sicht logischen Erklärung: "Viele Menschen mögen sich selbst nicht. Die wollen sich nicht malen lassen. Die Leute glauben immer, sie sollen nach Schönheit streben", philosophierte Loh. "Alle Menschen sind schön. Der Geschmack ist nur verschieden."

Loh war ein nachdenklicher Mensch

Über seine Familie und seine Geschichte wollte er nie wirklich viel erzählen. Das sei privat, hat er für eine Reportage gesagt. Vielleicht auch deswegen das Pseudonym "Loh". Viel mehr wollte er über Dichter und Schriftsteller philosophieren und rief Wochen nach unserem Gespräch an, um eine Kleinigkeit eines Zitats seines Lieblingsdichters zu korrigieren. "Das habe ich noch einmal nachgelesen." Loh war ein nachdenklicher Mensch. An diesem Abend im Juli zieht er hinkend, müde von Bierbank zu Bierbank. In der Hand eine schwere Ledertasche. Dann bleibt er abrupt stehen, setzt sich auf eine verlassene Bierbank und blickt zufrieden auf ein Feuerwerk über dem Rhein. Ein kurzer Moment der Ruhe.

Ihre Erinnerungen an Jan Loh

Hat Jan Loh auch Sie bei einem abendlichen Kneipenbesuch gemalt? Welche Erinnerungen haben Sie an den "Alle-mal-malen-Mann"? Senden Sie uns gerne die Zeichnung von Ihnen und ein paar Worte, wann und wo sie entstand, an online@ga-bonn.de.