Vereinte Nationen in Bonn

Bis zu drei Meter dicke Mauern im Alten Abgeordnetenhaus

BONN. Sicherheitskontrollen wie am Flughafen: Wer auf den UN-Campus in Bonn will, muss durch das zentrale Personeneingangsgebäude an der Hermann-Ehlers-Straße beziehungsweise am Platz der Vereinten Nationen. Das Gebiet hinter der Einzäunung, zwischen Deutscher Welle und Plenarsaal, zwischen WCCB und Rheinufer ist UN-Gebiet.

Zum Gelände gehören auch das neugotische Alte Wasserwerk, von wo aus die Bonner ab 1875 mit Uferfiltrat versorgt wurden und die Bundestagsabgeordneten während der Bauphase des neuen Plenarsaales von 1986 bis 1992 tagten. Sehr hübsch auch das Pumpenhaus von 1892, das vor allem für Empfänge genutzt werden kann und in das man vom Wasserwerk aus über den sogenannten Löwen-Gang gelangt.

Das neue Glanzstück auf dem Areal aber ist wohl das Alte Abgeordnetenhaus, in dem die Klimaschützer noch dabei sind, sich einzurichten. Bei einem Rundgang wird klar, warum sich der Umbau verzögerte. Schon während der Bauphase hatten sich die mit der Sanierung und dem Umbau beauftragten Architekten immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert gesehen, tauchten Mauern auf, die in keinem Plan verzeichnet waren.

Dass sich ein Bunker unter dem Haus befand, das wusste man. Aber in welchen Dimensionen? "Dort gibt es Wände, die teilweise bis zu drei Meter dick sind. Das war eine enorme Herausforderung, dort die ganze Computertechnik unterzubringen. Allein die Lüftung war ziemlich aufwendig", erklärt Hans Holl von der Liegenschaftsverwaltung der UN. Doch der Rest des Gebäudes macht einen geradezu lichten Eindruck. Dafür sorgt das große sonnendurchflutete Atrium im Herzen des mehrgliedrigen Gebäudes.

Auf dem Weg dorthin imponiert die reliefartige Installation des Amsterdamer Künstlers Wafae Ahalouch el Keriasti. An drei Wandflächen hat er mit schwarz-weißen Linien unser Sonnensystem stilisiert, ein ausgesparter Kreis symbolisiert die Erde, am Ende der Lichtbox, die sich um die Ecke fortsetzt und den Blick ins Atrium öffnet, leuchtet die Sonne - dumpf wie ein Eidotter.

Die humorvolle Auseinandersetzung mit dem Klimawandel hatte die Jury, die die Kunstobjekte für den Bau aussuchte, überzeugt. Ebenso das "Nest" des in Frankreich lebenden japanischen Künstlers Tadashi Kawamata: eine Konstruktion aus sägerohen Lärchenholzbrettern, die wie ein gigantisches Schwalbennest in der nordwestlichen Ecke unter dem Dach des Atriums hängt.

Die Halle ist an diesem Tag leer. Trotz der kalten Witterung herrschen in diesem "definierten Außenraum" angenehme Temperaturen. Die Lamellen der gläsernen Dachkonstruktion lassen sich je nach Bedarf öffnen und schließen. Natürlich erfüllt der gesamte Bau alle modernen energetischen Anforderungen. Hochwertige Dämmung und Fenster sorgen dafür, dass mehr als 60 Prozent der sonst für solch ein Haus nötigen Energie eingespart werden können. Das angenehme Klima wird durch weitere Be- und Entlüftungsanlagen sowie die Nutzung des Rhein-Uferfiltrats für Kühlung und Erwärmung geschaffen. Strom erzeugt eine Photovoltaikanlage auf dem Dach.

Links des Atriums führt die Tür zum Fitnessbereich, wo den Mitarbeitern auf rotem Gymnastikboden Kurse in Pilates, Yoga oder Tai Chi angeboten werden. Duschen gibt es für die Mittagsjogger und Radfahrer im Langen Eugen. Am Kopfende des Atriums befindet sich Konferenzraum 2. Er sowie der darüber liegende wurden einst als Fraktionsraum genutzt. Hier unten haben etwa 120 Konferenzteilnehmer an Tischen Platz, der obere ist etwas tiefer und höher.

Seitlich begrenzen Säulen den Raum, deckenhohe Fenster erlauben einen herrlichen Blick auf die alten Gebäude und den Rhein. Die Dolmetscherkabinen sind dunkel verglast. Eine unglaublich schwere Tür müssen die Übersetzer und Techniker öffnen, um dorthin zu gelangen. In den schalldichten Räumen herrscht unwirkliche Stille, die Dämmung schluckt jeden Satz. In den Pausen können Konferenzteilnehmer auf eine großzügige Terrasse treten und haben von dort aus einen Panoramablick bis zum Posttower.

Auf der Galerie ist hinter Glas die Bibliothek untergebracht. Dort gibt es gemütliche Sitzecken und Arbeitsplätze. Dahinter befindet sich ein weiterer Zugang zum Haus: Die Wendeltreppe steht unter Denkmalschutz und musste integriert werden, die eigentlichen Erschließungen inklusive Fahrstühle befinden sich an den Kopfenden des Gebäudes.

Aber dort liegt das historische Herz des Ensembles: der vertraute Schriftzug "Deutscher Bundestag" am Eingang und vis-à- vis Odo Tattenpachs Wandrelief "Phoenix aus der Asche". Der Hoffnungsvogel des einst von den Nazis verfemten Künstlers hat die grauen Flügel geöffnet, die Augen sind auf den Himmel über der WCCB-Baustelle gerichtet, und er entflieht den Flammen. Sein Ziel liegt in ungewisser Ferne.

UN-Campus Bonn

Der Lange Eugen wurde den Vereinten Nationen als erster Realisierungsschritt des UN-Campus Bonn im Sommer 2006 durch Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben. Als zweiter Schritt wurde das Alte Abgeordnetenhochhaus hergerichtet. Fast anderthalb Jahre länger als geplant hat der Umbau gedauert, und mit 92 Millionen Euro sind auch die Kosten um 37 Millionen Euro gestiegen.

Von Oktober an sind dort endlich die rund 260 Mitarbeiter des UN-Klimasekretariats eingezogen, die restlichen fast 300 arbeiten noch in Plittersdorf im Haus Carstanjen und warten darauf, dass die sogenannte Campusphase III umgesetzt wird: der 17-geschossige Erweiterungsbau in einer Linie mit dem Wasserwerk und dem alten Pumpenhaus.