Erste Hilfe in Bonn

Ausbilder Benjamin Fabry plädiert für häufigere Übungen

Benjamin Fabry ist Erste-Hilfe-Ausbilder beim ASB in Bonn.

Benjamin Fabry ist Erste-Hilfe-Ausbilder beim ASB in Bonn.

BONN. Erste Hilfe rettet Leben. Doch oftmals sorgen Angst, Unwissen und Hemmungen dafür, dass Laien im Notfall nicht eingreifen. Ausbilder Benjamin Fabry erlebt das immer wieder und plädiert für häufigere Übungen.

Wo muss der linke Arm bei der stabilen Seitenlage hin? Unter welcher Nummer erreiche in den Notruf? In welchem Rhythmus wechseln sich Beatmung und Herzdruckmassage ab, wenn ein Mensch wiederbelebt werden muss? Fragen, mit denen sich Benjamin Fabry täglich auseinandersetzt. Der Ausbilder des Arbeiter-Samariter-Bundes hat schon Tausenden Bonnern beigebracht, wie sie Erste Hilfe leisten können. Obwohl sie in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter vereinfacht wurde, sind viele Menschen in Notfällen überfordert. Mit Nicolas Ottersbach spricht Fabry darüber, wie wichtig Erste Hilfe ist, warum sie in Deutschland nicht oft genug angewandt wird und was man dabei alles falsch machen kann – oder auch nicht.

Herr Fabry, wann haben Sie zuletzt Erste Hilfe geleistet?

Benjamin Fabry: Das ist auf dem Weg zu einem der Erste-Hilfe-Kurse passiert. Eine Radfahrerin war gestürzt und lag mitten auf der Straße. Ich bin rechts rangefahren und habe gefragt, was passiert ist. Interessant war, dass ich trotz all dem, was ich gelernt hatte, angespannt war. Aber durch das Training ist eine gewisse Routine dabei. Diese Ruhe überträgt sich auch auf die Betroffenen. In diesem Fall waren es größere Schürfwunden, die ich verbunden habe. Ich habe auch den Notruf gewählt. In meiner Zeit im Rettungsdienst habe ich schon viel schlimmere Verletzungen erlebt.

Womit werden Ersthelfer im Notfall konfrontiert?

Fabry: Man malt in den Kursen immer sehr viel schwarz. Aber später im Alltag geht es meistens um Kleinigkeiten wie Schnittwunden oder Kreislaufprobleme. Die Wiederbelebung erlebt man nur selten. Im Erste-Hilfe-Kurs lernt man, mit all dem sicher umzugehen.

Was gehört zu m Erste- Hilfe-Kurs?

Fabry: Lebensrettende Maßnahmen wie Wiederbelebung, stabile Seitenlage, die Anwendung eines Defibrillators und der Druckverband. Auch das Absetzen eines Notrufs wird geübt. Fast alle wissen, dass man die 112 eintippen muss. Ich kann mit dem Handy auch die 911 wählen, was für Besucher aus Übersee und gerade für Bonn als UN-Standort gut ist. Leider glauben viele, dass sie ohne SIM-Karte den Notruf wählen können – was aber schon lange nicht mehr geht.

 

Sind Smartphones also keine Hilfe?

Fabry: Doch, sie übermitteln sogar den genauen Standort. Aber sie stellen uns vor neue Probleme. Bei den alten Nokias konnte man einfach bei gesperrten Tasten die 112 eintippen. Heute gibt es Fingerabdruckscanner und Gesichtserkennung, die umgangen werden müssen. Dafür haben die Hersteller einen Notfall-Button auf dem Sperrbildschirm platziert. Danach muss man aber noch die entsprechende Nummer wählen. Diese Möglichkeit kennen die meisten leider nicht oder vergessen das in der Aufregung.

Durch Zögern vergeht wahrscheinlich wichtige Zeit.

Fabry: Bis ich Bewusstsein und Atmung kontrolliert habe und der Notruf abgesetzt ist, vergehen etwa drei Minuten. Dann dauert es sieben bis zehn Minuten, bis der Rettungsdienst da ist – das hängt besonders davon ab, ob die Rettungsgasse gebildet wird. Diese Zeit muss der Ersthelfer überbrücken. In den ersten drei Minuten ohne Sauerstoff nehmen die Hirnzellen kaum Schaden. Nach zehn Minuten sind sie bereits unwiederbringlich zerstört. Bereits durch die reine Herzdruckmassage kann ich den Blutkreislauf aufrechterhalten und die Organe mit Blut versorgen. Allerdings ist das Beatmen auch wichtig, das Blut hat schließlich irgendwann keinen Sauerstoff mehr. Leider denken viele, dass sie gar nicht mehr beatmen müssen.

Muss man Erste Hilfe leisten?

Fabry: Man ist gesetzlich dazu verpflichtet. Ist eine Hilfebedürftigkeit oder eine Notlage erkannt, dann muss ich helfen. Und zwar so, wie es mir zuzumuten ist, im Rahmen meiner Möglichkeiten und ohne mich und andere zu gefährden. Ansonsten drohen eine Geldstrafe und sogar bis zu einem Jahr Gefängnis. Daraus leitet sich auch ab: Wenn ein Fremder mit einem blutverschmiertem Gesicht am Boden liegt, ist es rechtlich in Ordnung, die Beatmung wegzulassen. Das publiziert man sogar schon länger für den Laien in den USA und Japan, um die Hemmschwelle beim Eingreifen zu senken.

 

Sollte man das in Deutschland auch so regeln?

Fabry: Ich finde nein, denn ab einem bestimmten Zeitpunkt wird die Beatmung notwendig. Allerdings muss man dabei auch sagen, dass bei uns nur rund 30 Prozent der Ersthelfer die Laienreanimation starten. In anderen Ländern scheinen die Hemmschwellen niedriger. Die Quote ist dort besser – in Norwegen beispielsweise bei etwa 70 Prozent. Dort wird das schon einheitlich in den Kindergärten thematisiert.

Woran liegt das?

Fabry: Wir Deutschen sind etwas zu verkopft. Ganz oft kommt in den Schulungen noch die Aussage, dass man etwas falsch machen könnte.

Und was kann man falsch machen?

Fabry: Das Schlimmste ist, nichts zu tun. Wenn ich jemanden liegenlasse, nicht einmal den Notruf wähle, habe ich alles falsch gemacht.

Hat sich die Erste Hilfe nicht mit den Jahren verändert?

Fabry: Alles was vor 40 Jahren galt, gilt auch heute noch. Man hat mittlerweile nur andere Wege gefunden. Früher wurde fünfmal gedrückt und einmal beatmet, heute ist es 30 zu zwei. In den Kursen gibt es zudem weniger Theorie und mehr Praxis. Es muss darum gehen, dass die Laienreanimationsquote steigt, die früher bei 15 Prozent lag. Bis 2020 soll die Quote auf 50 Prozent steigen. Wenn man das hochrechnet, sind das pro zehn Prozent etwa 10 000 gerettete Leben.

In vielen Gebäuden hängen auch Defibrillatoren...

Fabry: Die Automatisierten Externen Defibrillatoren (AED) erhöhen die Chancen zu überleben um 75 Prozent. Es gibt eine Empfehlung: Wo in fünf Jahren ein Herz-Kreislauf-Notfall passiert, da sollte man ein sogenannten AED haben. An der Wache GABI direkt am Bonner Hauptbahnhof hängt so ein Gerät zum Beispiel. Hier kommt es auch öfter zum Einsatz. In den Kursen stellen wir die Geräte vor, sie erklären sich mit ihren Anleitungen aber auch von selbst.

Wovor haben die Ersthelfer am meisten Angst?

Fabry: Dass sie mehr Schaden verursachen, als vorher da war. Der Klassiker ist die Helmabnahme, die klar vorgesehen ist, wenn Personen bewusstlos sind. Ist der Helm noch auf dem Kopf, kann ich keine stabile Seitenlage und keine Beatmung machen. Die Angst ist immer, dass am Hals was kaputt geht – aber wenn man keine Luft bekommt, ist die Halsverletzung egal.

Wer sollte in der Lage sein, Erste Hilfe zu leisten?

Fabry: Jeder. Typisch deutsch wäre zu sagen, es ist Pflicht. Aber es ist auch eine moralische Sache. Menschen in Not muss geholfen werden. Was man nie vergessen sollte: Es kann einen auch selbst treffen. Viele kommen übrigens zu den Auffrischungskursen, weil es in der Bekanntschaft einen Fall gab, in dem man Erste Hilfe hätte beherrschen sollen. Ich würde sagen, dass jeder, der eine eigene Wohnung anmeldet, auch einen Erste-Hilfe-Kurs machen sollte.

Welche Grundlagen sollte jeder beherrschen?

Fabry: Erkennen, wann es ein Notfall ist. Den Notruf absetzen. Wünschenswert sind das Stillen einer stark blutenden Wunde, die stabile Seitenlage und Wiederbelebung. Diese Grundlagen sind schon innerhalb von drei Stunden erlernbar, so lange dauert bei uns ein individueller Auffrischungskurs.

Gibt es eine Faustregel für einen Auffrischungskurs?

Fabry: Die Berufsgenossenschaften geben Intervalle von zwei Jahren vor. Im privaten Bereich gibt es keine Vorgaben. Ich würde sagen, dass man bei jedem Wohnungswechsel und jedem Jobwechsel mal wieder einen Kurs machen sollte. Kostenpunkt für die eintägige Schulung sind etwa 40 Euro. Man kann sich auch im Internet oder in der App des ASB den Unterrichtsstoff angucken, da gibt es wirklich viele gute und kostenlose Angebote. Das Problem dabei ist, dass man nicht die Wiederbelebung an einer Puppe üben kann.

Wie gut kennen sich die Bonner mit Erster Hilfe aus?

Fabry: Tatsächlich gut. Das liegt auch daran, weil wir hier eine große Ämterdichte haben. Fünf bis zehn Prozent einer Belegschaft ab 20 Mitarbeitern muss regelmäßig Kurse machen. Was auffällt ist, dass viele Ältere mit großer Unsicherheit kämpfen. Woran es aber schon mangelt, ist das Erkennen eines Notfalls – und vielleicht oftmals auch nur mal zu fragen, ob jemand Hilfe braucht.