50. Todestag des Altkanzlers

Adenauers letzte Reise über den Rhein

Tausende Menschen säumen die Ufer. Auf dem Rhöndorfer Waldfriedhof wird der Leichnam anschließend im engsten Familienkreis beigesetzt.

Tausende Menschen säumen die Ufer. Auf dem Rhöndorfer Waldfriedhof wird der Leichnam anschließend im engsten Familienkreis beigesetzt.

Bonn. Die Trauerfeiern für den am 19. April 1967 verstorbenen Konrad Adenauer gerieten unter großer Anteilnahme zu einem spektakulären Massenereignis, dem weltweit 400 Millionen Fernsehzuschauer beiwohnten.

Das Archiv der Stiftung Konrad-Adenauer-Haus in Rhöndorf verliert nichts. Und so bewahrt ein Regalfach in den Rollregalen im Keller neben Hüten, Aktentaschen und Mitgliedsausweisen des früheren Kanzlers auch eine Korrespondenz, die unweigerlich vom Ende einer 91-jährigen Lebensgeschichte kündet. Oben: Kartons voller Genesungswünsche. Darunter eine ganze Reihe Ordner mit der Aufschrift: "Weitere Kondolenzschreiben alphabetisch geordnet".

Als ihre Absender in aller Welt zum Füllfederhalter greifen, hat der Standesbeamte im Rathaus am Bad Honnefer Markt seine Pflicht bereits getan. Mit der Nummer 56/1967 und einer 50-Pfennig-Gebührenmarke ist die von ihm ausgestellte Urkunde versehen. Sie vermerkt, dass der Doktor ehrenhalber Konrad Hermann Joseph Adenauer, katholisch, Witwer von Auguste Amalie Julie Adenauer geb. Zinsser, am 19. April 1967 um 13.21 Uhr verstorben ist.

Drei Wochen lang hatte der Altkanzler mit dem Tod gerungen, seit ihn am 27. März ein Herzinfarkt ereilte. Bereits von einer Reise nach Frankreich und Spanien, wo er auch den spanischen Diktator Franco traf, war er angeschlagen heimgekehrt. Bis zum letzten Augenblick kämpften Hausärztin Dr. Ella Buch-Bebber und Professor Dr. Adolf Heymer von der Bonner Uniklinik um das Leben ihres berühmten Patienten. Schließlich blieben auch sie machtlos. Um 14 Uhr beginnt das Totengeläut der Rhöndorfer Pfarrkirche und der Alten Kapelle; auch die "Kanzlerglocke" von Sankt Johann Baptist erklingt.

Reaktionen auf den Tod

Ganz unvorbereitet kommt die Nachricht aus Rhöndorf vor diesem Hintergrund nicht. Und doch: Als die neben dem Kanzleramt zuerst informierte CDU-Bundestagfraktion im Bundeshaus an jenem Dienstagnachmittag bereits ihre turnusgemäße Sitzung zu einer Trauersitzung umwidmet, ahnen die Journalisten in eigens aufgestellten Containern am Rhöndorfer Zennigsweg noch nicht, dass die von ihnen erwartete Nachricht jetzt nur noch der Verbreitung harrt.

Das entspricht in beinahe übereifriger Weise dem Wunsche Adenauers, der im Krankenbett geäußert hatte, er wolle nichts Besorgniserregendes über sich in der Presse lesen. Es wird nicht zu verhindern sein. Denn bei der Plenarsitzung des Bundestages vernehmen die Abgeordneten stehend die Nachricht, die ihnen Parlamentspräsident Eugen Gerstenmaier verkündet: "Ich setze das Haus davon in Kenntnis, dass heute um 13.21 Uhr das älteste Mitglied des Deutschen Bundestages, Dr. Konrad Adenauer, verschieden ist."

Dann wird es still in der Bundeshauptstadt Bonn, sieht man von den "Extrablatt"-Rufen auf den zentralen Plätzen der Innenstadt ab. Denn, so werden Zeitzeugen ihre Gefühle später beschreiben: Man hatte gewissermaßen einen Vater verloren. "Es hat mich sehr berührt - die Menschen beteten, weinten, sie waren fassungslos. Es war nicht begreiflich, dass da ein Leben und eine Ära zu Ende gingen", erinnert sich später die Zeitzeugin Ursula Raths, die der Zufall später, als Erwachsene, selbst in die Dienste Adenauers stellt: als jahrzehntelange Mitarbeiterin der Stiftung.

Noch würdiger als ein "normales" Staatsbegräbnis

Im Regierungsviertel ist noch am selben Tag klar: Das Begräbnis des ersten Bundeskanzlers soll noch würdiger werden als ein "normales" Staatsbegräbnis. Und während sich in Rhöndorf die ersten Bürger in einer Mischung aus Anteilnahme und Neugier vor Adenauers Haus versammeln, ordnet Bundespräsident Heinrich Lübke "in Würdigung seiner überragenden Verdienste" einen Staatsakt und ein Staatsbegräbnis an. Noch am Abend gibt Regierungssprecher Karl-Günther von Hase bekannt, die Trauerfeier werde am 25. April im Kölner Dom stattfinden, der Staatsakt zuvor im Bonner Bundeshaus.

Um die letzte Ruhestätte hatte sich Adenauer bereits selbst gekümmert, als er die Grabstelle am Waldrand des Rhöndorfer Friedhofs für sich und seine Familie auswählte. Im Familienkreis zelebriert Kaplan Paul Adenauer am 20. April eine Messe für seinen Vater.

Die meisten anderen Ereignisse am Sterbeort finden vor den Augen der Rhöndorfer statt - und finden sofort ihre Kanäle in die Weltöffentlichkeit. Vielfach wird etwa beschrieben, wie der Kölner Kardinal Frings vor der Überführung ins Palais Schaumburg am 22. April am Wohnhaus eintrifft, um mit der Familie am Sarg zu beten. Ins Kanzleramt bringt den Toten die einzige Lafette, über die der Bundesgrenzschutz verfügt.

Letzte Reise über den Rhein

Adenauer nimmt denselben Weg wie zu seiner Amtszeit als Kanzler: Königswinter, Dollendorf, mit der Fähre über den Rhein und durch Plittersdorf zum Bundeskanzleramt. Tausende Menschen säumen die Strecke. Schulklassen, Sportvereine, Bergleute stehen Spalier. Schützen bilden unter Trommelwirbel die Ehrenwache an der Einfahrt zum Palais Schaumburg, wo der Leichnam übers Wochenende aufgebahrt und in der Nacht zu Montag über die Autobahn in den Kölner Dom überführt wird. Vor dem Vierungsaltar bleibt der Sarg stehen. Zehntausende Kölner nutzen dort die Gelegenheit, von ihrem Ehrenbürger Abschied zu nehmen.

Das Pontifikalamt zelebriert der fast blinde Kardinal Frings. Im Gedächtnis bleiben vielen Menschen seine Worte: "Wir waren darauf gefasst, dass die Nachricht vom Tode Konrad Adenauers ein weites Echo finden werde. Aber dass das Volk in solchen Scharen Anteil nimmt, dass eine halbe Welt in Bewegung geriet und ihre führenden Männer hierher nach Bonn und Köln sandte, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen und teilzunehmen an unserer Trauer, darauf waren wir nicht gefasst."

Die "führenden Männer", das sind beispielsweise der französische Staatspräsident Charles de Gaulle, US-Präsident Lyndon B. Johnson, Großbritanniens Premierminister Harold Wilson und der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko. Ihre Anwesenheit dokumentiert, welche Achtung sich die Bundesrepublik unter der Ägide Adenauers im Ausland erworben hat. Aus dem dunklen Dom strömt die riesige Trauergemeinde in die warme Frühlingssonne. Ein letztes Mal salutieren Soldaten der Bundeswehr. Ein Schnellboot der Marine nimmt den Sarg an Bord, das Passagierschiff "Deutschland" gibt Geleit rheinaufwärts nach Rhöndorf.

Das Fernsehen wirft - spontan, wie es später heißen wird - seine Programmplanung um und überträgt die gesamte Fahrt, obwohl der Akt im Dom eigentlich den Schlusspunkt der offiziellen Feierlichkeiten setzen sollte. Wieder säumen Tausende den Weg, diesmal in endloser Folge am Ufer zu beiden Seiten des Rheins aufgereiht. Erst gegen Abend erreichen die Schiffe die Insel Grafenwerth. Rhöndorf ist abgesperrt.

Begräbnis wie für einen König

Vor dem Eingang zum Waldfriedhof formieren sich die Männer der Hubertus-Schützengesellschaft und übernehmen den Sarg ihres Ehrenmitglieds von Offizieren. Denn hier endet das Staatsbegräbnis, das noch Jahre später manchen Vergleich zu bestehen haben wird.

Denn, so meinten manche, mutete die Prozession zu Wasser nicht an wie eine Wagner'sche Inszenierung der Nibelungensage? Näher als das Reich der Mythen lag für das Protokoll die Assoziation mit England. Dort hatte 1805 der gefallene Admiral Horatio Nelson seine letzte Reise auf der Themse angetreten. Später tat es ihm Winston Churchill nach, drei Jahre vor Adenauer. Einig war man sich in allen drei Fällen in einem Punkt: dass es ein Begräbnis war wie für einen König.