Tagsüber Kaufmann, abends Wirt: 50 Jahre Bonner Kneipengeschichte mit Helge Klassen

Tagsüber Kaufmann, abends Wirt : 50 Jahre Bonner Kneipengeschichte mit Helge Klassen

Im „Zartbitter“ in der Südstadt feierte Helge Klassen am 24. Dezember den 50. Geburtstag seines Lokals an der Argelanderstraße. Wir blicken mit ihm zurück auf 50 Jahre Bonner Kneipengeschichte.

Wäre es nicht wenige Tage vor Heiligabend 1942 inmitten des Zweiten Weltkriegs gewesen, als Helge Klassen in der Hausmeisterwohnung des Bonner Uni-Hauptgebäudes zur Welt kam, hätte man von dem Beginn eines märchenhaften Lebens sprechen können. So, wie Märchen oft mit dem Unvorstellbaren faszinieren und Gut und Böse gleichermaßen ins Spiel bringen, lässt sich auch das Leben des gerade 76 Jahre alt gewordenen Bonners betrachten.

Die frühe Scheidung seiner Eltern sowie seine fünf und zehn Jahre älteren Brüder zwangen ihn früh zur Selbstständigkeit. „Für meine Familie war ich immer derjenige, der nichts konnte und nichts wollte“, sagt er. Auf welche Schule er auch ging, seine Brüder waren schon da. Immer wurde ihm vorgehalten, dass alle alles besser machten als er. Als ein Bruder schon Studienrat war und der andere seine Karriere als Kaufmann bei der Bonner Magnetfabrik begann, war Helge 16 Jahre alt und zog zu Hause aus.

Schon mit 18 Jahren Konzerte organisiert

Die Mittlere Reife erwarb er in der neu gewonnen Freiheit, war jedoch in seinen Gedanken und Taten bereits beim Geldverdienen. Fünf Jahre später stand er bei Opel Bachem und wollte das Prachtstück der Ausstellung, einen Commodore Coupé mit schwarzem Kunstlederdach, kaufen. Etwas hämisch habe sich der Verkäufer erkundigt, wie der junge Mann denn zu zahlen gedenke. „Bar“, war Klassens kurze Antwort. Das Geld hatte er bereits mit dem verdient, was ihn bei vielen 68ern in Bonn bekannt machte: Helge Klassen organisierte schon als kaum 18-Jähriger Konzerte und Veranstaltungen. „Und damals sprach ja noch keiner vom Finanzamt. Das waren großartige Zeiten“, sagt er über die Anfänge seiner Konzert- und Kneipenkarriere. „Ich hätte Tagebuch schreiben müssen.“ Denn ihm seien nur noch wenige Geschichten aus dieser Zeit präsent.

Wäre es nach seinem ersten Schwiegervater gegangen, Ministerialdirektor im Wirtschaftsministerium, hätte Klassen trotz schlechter Schulnoten eine Beamtenlaufbahn begonnen. Ein Praktikum machte ihm jedoch schnell klar, dass er so nicht glücklich werden würde: „Da ging alles so langsam, dass man denen im Gehen die Hosen flicken konnte.“ Klassen bekam mit der Tochter des fürsorglichen Beamten sein erstes Kind. Seine beiden ersten Ehen hielten nur wenige Jahre, bis er seine heutige Frau kennenlernte, mit der er seit über drei Jahrzehnten verheiratet ist und einen Sohn hat.

Mit 16 Jahren beschloss Klassen, Speditionskaufmann zu werden. Bis dahin als schlechter Schüler bekannt, gelang ihm der zweitbeste Lehrabschluss der IHK in NRW. Gleichzeitig nahm auch sein Doppelleben Fahrt auf. Während er tagsüber mit der Klingenberg-Spedition weltweite Umzüge organisierte und bis zum Prokuristen aufstieg, die Bonner Filiale des Hamburger Unternehmens leitete und wochenlang in der Welt unterwegs war, hatte er sich bereits als „Charly“ einen Namen in Bonns Clubszene gemacht. Als Mitinhaber des legendären Club 1600 im Keller des damaligen Bürgervereins, der später dem Hotel Bristol an der Prinz-Albert-Straße wich, traten bei ihm die angesagten Bands auf. Zur Sperrstunde ertönte zum Abkühlen der überall verschlungenen Paare der Radetzky-Marsch.

Von der Disko zum Bier- und Weinlokal

Der Heiligabend 1968 wurde dann zur Geburtsstunde des Au Chateau, der Diskothek, die Klassen bis 1989 nebenher betrieb. „Ich brauchte das zum Ausgleich: Tagsüber zehn Stunden arbeiten und abends im eigenen Laden mit netten Leuten ein Bier an der Theke trinken“, erzählt er. Doch nach über 20 Jahren gefiel ihm sein Publikum nicht mehr. Und die Konkurrenz der Großdiskotheken in Bonn tat ein Übriges: Klassen baute seine Disco zum „Zartbitter“ in der Südstadt um.

Mit dem Zartbitter feiert er nun den 50. Geburtstag seines Lokals an der Argelanderstraße. In aller Stille. „Die meisten wussten bis jetzt nicht, dass ich nicht nur Kneipier bin“, sagt Klassen, der sich nie über Disco oder Kneipe definierte. Er war mit Leib und Seele Speditionskaufmann: „Sie glauben gar nicht, wie interessant der Beruf ist.“