Spuren eines "Seelenverderbers"

Spuren eines "Seelenverderbers"

Ein des Missbrauchs beschuldigter Franziskaner konnte 1971 noch sechs Jahre das St. Ludwig Kolleg leiten. Weiteres Licht ins dunkelste Kapitel franziskanischer Präsenz in Bonn bringen nun GA-Leser.

Bonn. Weiteres Licht ins dunkelste Kapitel franziskanischer Präsenz in Bonn bringen nun GA-Leser. Wie berichtet, sieht sich der Orden der Franziskaner-Minoriten derzeit gezwungen, die Würzburger Staatsanwaltschaft gegen ihren dort lebenden Diözesankaplan Damian Mai ermitteln zu lassen.

Der Pater, der bis 1977 als Rektor des damaligen St. Ludwig Kollegs in Bonn fungierte, soll in Würzburg 2000 und 2001 Schutzbefohlene sexuell missbraucht haben. Obwohl der 76-Jährige die Anschuldigungen als "Intrige" beschimpft, hat ihn der Orden zunächst beurlaubt.

Den Ablauf der, wie berichtet, ebenfalls schon von Missbrauchsvorwürfen begleiteten Bonner Jahre des Paters beschreiben nun Betroffene genauer. Der Gründer des Bonner St. Ludwig Kollegs sei nämlich nicht, wie bislang angenommen, sofort nach seiner erzwungenen Selbstanzeige wegen Missbrauchsvorwürfen an Endenicher Schülern in die Würzburger Jugendarbeit gewechselt.

"Das war anders. Schon 1971 hatten Bonner Eltern seine Versetzung gefordert, eben wegen dieser Ringkämpfe mit Schülern in Unterhose und weiterem", berichtet ein ehemaliger Franziskaner, der von 1964 bis 1974 unter Pater Damian "zweiter Mann" war. Der Zeuge hat sich inzwischen vom Orden entfernt, wirkt im Westfälischen in der Friedensarbeit.

Während der Ermittlungen der Bonner Staatsanwaltschaft 1971 sei Pater Damian höchstens zwei Monate weg gewesen, "um aus der Schusslinie zu kommen". Doch das Ganze sei wohl nicht ernsthaft verfolgt worden. "Und dann war er plötzlich wieder da, und der Laden ist weitergelaufen."

Die Justiz habe Pater Damian 1972 "für sauber erklärt", so der Ex-Pater aus Westfalen. Obwohl Eltern ihre Söhne vom Kolleg nahmen, konnte der von Vorwürfen belastete Pater bis 1977 in Bonn sowie bis vor kurzem in den Bistümern Würzburg und Bamberg ungehindert für Heranwachsende zuständig sein.

"Seelenverderber" habe dieser Tage eines der Opfer den Täter ihm gegenüber genannt, berichtet der ehemalige Kollege. "Ich weiß selbst, Pater Damian war schon in seiner Bonner Zeit völlig uneinsichtig - wie heute." Der Pater erhielt 2008 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Ein Opfer aus der Endenicher Zeit, das sich auf den Bericht im GA hin meldete, spricht von diesen erzwungenen halb nackten Rangeleien mit dem Franziskaner, davon, wie einer der Internatsjungen Damian Mai sexuell erregen musste.

Er selbst habe sich damals ganz nah vor den Pater stellen sollen, als der am Schreibtisch gesessen und ihn fordernd gefragt habe: "Liebst du mich?" Dann habe der Mann ihn links und rechts am Kopf gepackt und "abgeknutscht".

Er habe damals Angst gehabt und nur gedacht, sein Vater sage so etwas aber ganz anders als dieser Geistliche. Da er ein recht selbstbewusster Junge gewesen sei, habe er dem Pater später ausweichen können. "Ich bin aber 100 Prozent sicher, dass er es bei vielen Mitschülern, die schüchterner waren, immer wieder versucht hat", sagt der Mann, der wie die anderen Jungen morgens ins Beethovengymnasium ging.

Zumal, und das ist ebenfalls neu im dunklen Bonner Kapitel des Ordens, Pater Damian Mai ja auch schon Jahre zuvor Heranwachsende "fast zerbrochen" haben soll, wie es ein anderer GA-Leser berichtet.

Bevor der Neubau 1969 in Endenich bezogen wurde, hatte das Sankt Ludwig Kolleg seit Anfang der 60er Jahre am Kloster an der Brüdergasse bestanden. Der ehemalige Internatsschüler von 1965/66 erzählt nun von regelmäßigen drakonischen Strafaktionen des Rektors.

Mit den Knoten der Franziskanerkordel habe er die Jungen sadistisch geschlagen. Und dann habe er den Jungen, wenn sie zum Urinieren an der Rinne standen, immer zugeguckt. Beim Schwimmenlernen habe er ihnen permanent zwischen die Beine gegriffen. "Da hat man sich zwar gedacht, die Hand hat da nichts zu suchen. Aber welcher Elfjährige hat darüber gesprochen?"

Ihm sei erst jetzt richtig klar geworden, "was für ein ausgekochter Mistkerl das war. Wir dienten dem zum Vergnügen." Nach dem GA-Bericht habe er vor dem Ex-Kolleg gestanden. "Was da geprügelt und geschrien wurde. Das war eine geschlossene Welt."

Und wie kommt der Ex-Pater aus dem Westfälischen, über zehn Jahre die Nummer zwei in Sankt Ludwig, mit der Vergangenheit zurecht? Er habe damals mit seinem dominanten Chef auch seine liebe Not gehabt, sagt er. Aber dadurch, dass er sich rausgehalten habe und von Pater Damian "beruhigen" ließ, sei er selbst mit schuldig geworden, gibt er zu.

Vieles würde man heute zwar anders einschätzen als vor Jahrzehnten. "Aber ich bin selbst verstrickt, denn ich konnte meine Schüler nicht schützen. Das tut mir leid." Dass jetzt im Zuge der Missbrauchs-Diskussion ehemalige Bonner Schützlinge die Vergangenheit um ihren "Seelenverderber" wieder aufgedeckt hätten, dafür sei er bei allem Schrecken und dem Entsetzen auch über seine eigene "nicht astreine Rolle" dankbar.

Man dürfe heute vor allem eines nicht mehr: vertuschen, verschweigen und leugnen. "Denn wichtig sind allein die Betroffenen, denen Gerechtigkeit widerfahren muss."