Wohnungen für Obdachlose in Bonn: Protestaktion im Freiluftwohnzimmer

Wohnungen für Obdachlose in Bonn : Protestaktion im Freiluftwohnzimmer

Sozialverbände beklagen immer mehr Obdachlose in Bonn und fordern kommunalen Wohnungsbau.

Ein frisch bezogenes Bett, ein gemütliches Sofa mit Stehlampe und auf dem Couchtisch eine Thermoskanne mit dampfendem Kaffee: So stellt man sich ein heimeliges Zuhause vor.

Doch was der Johannesbund, der Verein für Gefährdetenhilfe (VfG) und die Caritas am Donnerstag auf dem Münsterplatz unter freiem Himmel aufgebaut hatten, ist für rund 700 Menschen in Bonn keineswegs häusliche Realität. Mit ihrer plakativen Aktion machten die drei Sozialverbände auf die akut gestiegenen Fallzahlen wohnungsloser Menschen in der Stadt aufmerksam.

Nach einer Erhebung der Landesregierung aus dem Jahr 2015 ist die Zahl nirgendwo im Land im Verhältnis zur Einwohnerzahl höher als in Bonn. Rund 90 Personen suchen selbst in diesen kalten Tagen nachts in Hauseingängen, Unterführungen und Stationen der Stadtbahn Unterschlupf.

"Das sind doppelt so viele wie noch vor einem Jahr", sagte Nelly Grunwald vom VfG. Man habe schon vor Jahren vor dieser Situation gewarnt. Etwa 680 Personen sind in Heimen untergebracht. Dazu komme eine Dunkelziffer von Leuten, die bei Bekannten Schutz suchten.

Gründe für eine Obdachlosigkeit gibt es viele: Arbeitslosigkeit, Beziehungsprobleme, Schwierigkeiten im Umgang mit Geld und oft auch eine psychische Störung. Dass die Fallzahlen so deutlich anwachsen, ist aus Sicht der Sozialverbände allerdings fast ausschließlich ein Versäumnis der Politik. "Viele Menschen suchen unsere Hilfe und nehmen sie auch an. Es gibt aber einfach keine Wohnungen, die wir ihnen vermitteln könnten", erklärt Elisabeth Bergmann vom Johannesbund, der sich ausschließlich um wohnungslose Frauen kümmert.

Die Folge: Selbst Schwangere oder Alleinerziehende mit mehreren Kindern müssten oftmals bis zu zwei Jahre in den Heimen des Johannesbundes bleiben. Für Männer sei die Situation nicht besser. Dabei begleiten die Verbände die Betroffenen seit einigen Jahren auch über den Umzug hinaus und konnten damit die Rückfallquote nach eigenen Angaben erheblich verringern.

Für Vermieter seien die Verbände deshalb gute Ansprechpartner, so Ricarda Miebach, Leiterin der Ambulanten Dienste bei der Caritas. Was den Mitarbeitern angeboten werde, sei dennoch häufig nicht menschenwürdig. Schimmel, Wohnungen ohne richtige Türen und Fenster und ein Mindestmaß an Privatheit seien auf dem Bonner Wohnungsmarkt keine Ausnahme, so die Verbandsvertreter einhellig.

In der Folge gebe es beim Johannesbund inzwischen eine ganze Station mit Frauen im Alter von 65 bis 75 Jahren, die aus ihren bisherigen Wohnungen gekündigt worden seien, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten oder aus Scham und Angst vor der Belastung von Kindern oder Angehörigen Hilfe nicht in Anspruch nähmen. Die Stadt müsse deshalb sozial geförderten Wohnraum selbst schaffen, fordern die Verbände.

Hilfe in Bonn erhalte vonseiten der Kommune nur, wer in der Stadt - etwa mit seiner alten Anschrift - gemeldet sei oder bei den Sozialverbänden registriert worden sei. Dass Nachbarkommunen in der Region andererseits wohnungslose Bonner aufnähmen, sei nicht zu erwarten.

Schließlich wachse das Problem in allen Städten und Kreisen. Nach einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. soll die Zahl der Betroffenen von aktuell 335.000 Menschen bundesweit bis 2018 auf 553.000 ansteigen.