Sternstunde der Liedgestaltung: Kammlers Debüt bei der Beethoven-Woche

Sternstunde der Liedgestaltung : Kammlers Debüt bei der Beethoven-Woche

Eine Sternstunde der Liedgestaltung war bei der Beethoven-Woche im Kammermusiksaal zu erleben mit dem offiziellen, da nach seinem Studium erfolgten, sensationellen Debüt des 26-jährigen Baritons Johannes Kammler als Liedsänger und mit Roger Vignoles, Gerald Moore inspirierter "Liedpianist", als dessen kongenialer Partner.

Beethovens 1816 entstandener Liederzyklus "An die ferne Geliebte" op. 98, dessen Autograf im Archiv in der Bonngasse liegt, bildet im zweiten Jahr dieses künstlerisch prosperierenden Kammermusikfests unter der Ägide von Tabea Zimmermann den thematischen Schwerpunkt.

Gleich zweimal ist dieser Archetypus von konzeptionell in einen Kontext gesetzten Liedkompositionen zu hören, zum einen, wie zuvor, "modern" auf dem Steinway, zum anderen, wie an diesem Abend, von einem Pianoforte aus dem Hause Graf, "historisch" begleitet.

Das technisch exzellent beherrschte, nuancenreiche, weit tragende Spektrum von Kammlers Bariton erinnert an die intellektuell eingesetzte Ausdrucksintensität eines Fischer-Dieskaus, glücklicherweise allerdings ohne dessen latent "fahlen" Unterton.

Faszinierend, wie sensibel Kammler den literarischen Text bis ins Detail durchdrungen zum musikalischen Text werden lässt, was seiner Interpretation anrührende Authentizität verleiht. Exquisit war im übrigen das Programm dieses zweiten Abends zusammengestellt: Neben Beethovens Zyklus gab es mit Schumanns Liederkreis op. 39 nach Eichendorff ein Pendant im Genre, das Kammler auch im Hinblick auf das Phänomen der romantischen Ironie exemplarisch ausdeutete.

Vor allem aber ließ das weltweit erste "Kurzschließen" von Mörikes "Peregrina"-Vertonungen durch Hugo Wolf und Othmar Schoeck aufhorchen. Enthusiasmus allenthalben! (Fritz Herzog)

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