Ausstellung: „Lichtspuren – Blüten und Blätter“ : Fotograf zeigt besonderen Blick auf die Welt der Pflanzen

Fotograf Hans-Martin Schmidt zeigt im Haus der Natur seinen außergewöhnlichen Blick auf die Welt der Pflanzen. „Lichtspuren – Blüten und Blätter“ heißt die Ausstellung, die bis Mitte Juli zu sehen ist.

„Lebensinhalt wäre vielleicht übertrieben“, sagt der emeritierte Anatomie-Professor Hans-Martin Schmidt inmitten der Fotografien seiner soeben im Haus der Natur eröffneten Ausstellung „Lichtspuren – Blüten und Blätter“. „Aber die Fotografie hat mich von oben bis unten gepackt“, so Schmidt. Vermutlich wird es dem Betrachter in den Räumen der Wechselausstellung in dem Museum an der Waldau nicht anders ergehen.

Es braucht einen Moment, bis man die Vielfalt der dargestellten Blüten und Blätter im Detail wahrnehmen kann. In den meist etwa 50 mal 60 Zentimeter großen Rahmen reihen sich serielle weißgrundige Bilder aneinander, die jedes für sich genommen den Blick auf unsere Natur schärfen. Dass das Äußere einer Pflanze nur die Hälfte ihres Wesens zeige, wie es Johann Wolfgang von Goethe in seinen Naturbetrachtungen festhielt, ist nicht nur ein Zitat, dem Schmidt in Gänze zustimmt, sondern kann sich auch dem Betrachter der Schmidtschen Fotografien offenbaren.

Ehemals rote, weiße oder lila Tulpen entfalten in den präzisen Nahaufnahmen ihrer Blüten – oder auch nur Teilen davon – eine Faszination, die der Nationalblume der Türkei, Kirgis-
tans, Ungarns und der Niederlande ansonsten kaum noch zuteil wird. Nach der Ausstellung wird man die „Allerweltsblume“, deren Ursprung im Himalaya liegt, anders anschauen.

Erst seit etwa vier Jahren hat Schmidt die fotografische Arbeit mit dem Leuchttisch für seine Kunst entdeckt. Seitdem scheint kein Blatt, keine Blüte oder Stängel vor ihm sicher zu sein. „Wenn meine Frau einen Blumenstrauß auf den Kompost wirft, dann gehe ich noch mal hinterher und finde immer noch etwas“, lacht Schmidt. So wird aus der Abbildung einer verwelkten Pfingstrosenblüte ein Kunstwerk.

Kongenial vereinen sich dabei die Schönheit der Natur mit der Kunst einer Darstellungsweise, die sie von ihrem Umfeld befreit, auf einzigartige Weise in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt. Zusammen mit den Fundstücken auf ausgedehnten Spaziergängen, die bei Schmidt selten ohne eine Botanisiertrommel stattfinden, entstehen durch ihn Bilder, in denen die Fragmente der Natur in einen nahezu aseptisch cleanen Raum gestellt werden.

Die puristische Darstellung entbehrt dabei jedoch keineswegs einem künstlerischen Ausdruck. „Mich interessieren die feinen Strukturen ebenso wie die Ästhetik“, sagt der Pathologe, der ein Berufsleben lang sezierend und analysierend unterwegs war. Ein medizinisches Standardwerk, „Die chirurgische Anatomie der Hand“, stammt von Schmidt und seinem Co-Autor Ulrich Lanz. Zu der Forschungstätigkeit des heute 79-Jährigen gehörte schon immer die wissenschaftliche Fotografie dazu.

2007 endete seine Zeit als Uni-Professor in Bonn

Mikro- und makroskopische Aufnahmen anatomischer Präparate von Menschen waren Teil seiner Tätigkeit am Bonner Anatomischen Institut, an das er 1986 berufen wurde. 1952 kam er durch die Flucht seiner Familie aus Posen nach Bremerhaven. Während sein Vater dort als Diplomgärtner für das Stadtgrün verantwortlich war, verließ Schmidt die Nordsee, um in Würzburg Medizin zu studieren. 20 Jahre war dort sein Lebensmittelpunkt. „Aber das unterfränkische Idiom hat mich nie wirklich erreicht“, sagt Schmidt mit seinem immer noch gut wahrnehmbaren norddeutschen Akzent. 2007 endete mit dem Erreichen der Altersgrenze seine Zeit als Universitätsprofessor in Bonn. Jetzt hatte er Zeit, sich seiner Fotografie noch weitaus umfassender zu widmen, als je zuvor.

Es entstanden neben seinen botanischen Untersuchungen nun auch Landschafts- und Sachaufnahmen sowie Porträts von Menschen. So lernte er auch Alina Schröder als Bonner Studentin kennen, die ihn auf das Konzept des Hamburger Spendenparlaments aufmerksam machte, was Schmidt bald darauf auch nach Bonn brachte. Die satzungsgemäß möglichen acht Jahre lang schrieb er als Vorsitzender mit an der Erfolgsgeschichte der bürgerschaftlichen Spendeninitiative.

Schmidts Begeisterung für die unendliche Vielfalt und Schönheit der Natur kommen in der aktuellen Ausstellung zum Ausdruck. Auch wer weniger botanisches Interesse für Hopfen, Waldreben, Wicken, Glocken- oder Elfenblumen, Tulpen und Pfingstrosen oder Maiglöckchen und Krokusse mitbringt, wird an den Fotografien als einem fein komponierten grafischen Werk Freude haben können. Farbenreichtum, Strukturen und das Können, im richtigen Augenblick den Kameraauslöser zu drücken, machen die Ergebnisse von Schmidts Forscherauge zu einem Erlebnis.

Man wird die Faszination für das nur noch als Gerippe vorhandene Maiglöckchenblatt nachempfinden können, bei dem Schmidt sich über einen roten Fleck freut, von dem er beteuert, ihn nicht nachträglich per Photoshop hinein gezaubert zu haben („Das könnte ich gar nicht“). „Da muss unter dem Blatt etwas Eisenhaftiges gelegen haben, was die roten Rostspuren hinterlassen hat“, so der Fotograf. Bei all seiner zum Ausdruck gebrachten Bescheidenheit, nur das fotografiert zu haben, was sowieso schon da ist, vermittelt sich vielleicht auch beim Betrachter der Wunsch, es auch entdecken zu können.

Die Ausstellung „Lichtspuren – Blüten und Blätter“ ist bis zum 12. Juli dieses Jahres jeweils mittwochs bis sonntags sowie feiertags von 12 bis 17 Uhr im Haus der Natur, Waldaustraße 48, zu sehen. Der Eintritt zur Fotoausstellung ist frei. Die Dauerausstellung bleibt zunächst weiterhin geschlossen, da die Exponate zum Ausprobieren, Erkunden und Anfassen gedacht sind und eine ständige Desinfektion diese zerstören würden, teilte die Stadt mit.