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Verschwundene Wahrzeichen Der Ippendorfer Wasserturm lieferte Quellwasser

GA-Serie Verschwundene Wahrzeichen : Der Ippendorfer Wasserturm war das einstige Wahrzeichen

In der neuen GA-Serie „Verschwundene Wahrzeichen“ geht es um Gebäude und Denkmäler, die die Orte im Bereich des heutigen Hardtbergs lange Zeit geprägt haben. In loser Reihenfolge stellt der GA sie vor.

Ein 37 Meter hoher Wasserturm hat das Ippendorfer Ortsbild mehr als 50 Jahre geprägt. Letztendlich aus Kostengründen beschloss der Gemeinderat vor 60 Jahren den Abriss. Heute würde er sicherlich unter Denkmalschutz gestellt. Lediglich das Logo des Ortsausschusses erinnert an das einstige Wahrzeichen – wären da nicht auch die Recherchen des 2004 verstorbenen Heimatforschers Bernhard Berzheim.

Bevor Ippendorf 1908 eine Wasserleitung bekam, versorgten sich die Bewohner hauptsächlich aus den Gemeindebrunnen. Weil die Pumpen bei wachsender Bevölkerung stark beansprucht wurden, waren sie störanfällig und mussten ständig repariert oder gar ausgetauscht werden. Wie Berzheim schildert, wurden, um die Rechnungen begleichen zu können, unter anderem Gemeindegrundstücke und Eichenwald verkauft.

Eine Vision moderner Zeiten erhielten die Ippendorfer Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Bonner Ingenieur Alfred Franke hatte eine Abhandlung über die Wasserversorgung der Zukunft veröffentlicht. Sie nahmen Kontakt mit Franke auf und begeisterten sich für seinen Vorschlag, eine gemeinsame Druckwasserversorgung für die Gemeinden Lengsdorf und Ippendorf zu bauen. Seine Idee war, am Katzenlochbach eine Turbine zur Energieerzeugung zu installieren, damit das Wasser nach Ippendorf hochgepumpt werden konnte. Die Ausführung des Gemeinschaftsprojekts scheiterte jedoch an der Realität – die Orte lagen zu weit entfernt und auf unterschiedlichen Höhen.

Dieses Foto vom Wasserturm stammt vermutlich aus dem Jahr der Außerbetriebnahme – vor dem Abriss 1959. Das Original war im Fundus von Theo Schüren zu finden, dessen Schwester den Kiosk betrieben hat. Foto: privat

Der Gemeinderat griff auf einen Plan von 1903 zurück, für die künftige Wasserleitung zwei neue Quellen zu fassen. Auch diese Sache hatte einen Haken. Der Eigentümer des Quellgebietes, Otto Böddinghaus von Gut Melb, stellte sich stur. Wie Heimatforscher Berzheim anhand der Aufzeichnungen aufdeckte, hatte der Gemeinderat allerdings ein Druckmittel in der Hand. Er drohte, Böddinghaus die Gemeindejagd zu entziehen. Sollte er aber verkaufen, würde man ihm „die Jagd unter der Hand für 300 Mark verpachten“. Die Kontrahenten wurden handelseinig; die Quellen „unter großen Opfern“ erworben.

Über die Verhandlungen war Zeit vergangen, aber schon aus hygienischen Gründen wurde der Bau einer Wasserleitung immer dringlicher. Ippendorf erhielt von der Königlichen Regierung 6000 Mark als Beihilfe. Das Projekt wurde ausgeschrieben – und es wurde teuer. Die Oberkasseler Firma Hüser & Co baute die Quellfassung für rund 6700 Mark. Der Sammelbehälter sollte rund 7300 Mark kosten. Den Zuschlag für das Pumpenhaus in der Kümpelsgasse erhielt die Ippendorfer Firma Carl Radermacher für rund 1600 Mark. Wie der Heimatforscher feststellt, wäre ein Lengsdorfer Anbieter eigentlich um 60 Mark günstiger gewesen. Um den Bau des Wasserturms – auf dem heutigen Bernhard-Berzheim-Platz – bewarben sich sogar fünf Unternehmen. Carl Radermacher erhielt zum Preis von rund 5700 Mark den Zuschlag. Eine Kölner Firma verlegte die Rohre; Kostenpunkt: rund 4600 Mark. Armaturen und Wasserbehälter kosteten 6440 Mark. Das Rheinische Wasserwerk in Köln hatte die Bauaufsicht und kassierte dafür 2500 Mark. Unterm Strich schlug die neue Wasserleitung mit 59 000 Mark zu Buche.

Handfesten Ärger gab es bei der Vergabe der Bauarbeiten, berichtet der Berzheim. Ippendorfer protestierten schriftlich, dass nicht genügend einheimische Firmen berücksichtigt worden wären, obschon „dass hier am Platze Unternehmer sind, die die weitaus größte Garantie und auch Kaution bieten können“. In einer Bürgerversammlung gaben sie zu bedenken: „Gerade im Herbst, Winter und Frühjahr, wo doch der weitaus größte Teil der Arbeiten zur Ausführung kommt, sind viele hiesige Bauhandwerker arbeitslos.“ Die beauftragten Handwerker hatten ihrerseits Anlass zur Beschwerde. Mancher wartete lange auf sein Geld oder bekam nicht die gesamte Rechnungssumme ausgezahlt. Der Streit wurde sogar bis zum Königlichen Landrat Graf Galen getragen.

Aber am 15. August 1908 hieß es dann: Wasser marsch. Frisches Quellwasser lief, in den Wasserturm hochgepumpt, durch eigenes Gefälle in die Rohre. Die chemische Untersuchung ermittelte einwandfreies Wasser; für eine bakteriologische war kein Geld mehr übrig. Immerhin war es so gut, dass die Poppelsdorfer Actien-Brauerei eine Leitung von Ippendorf zur Fabrik legte und ihr Bier mit Ippendorfer Wasser braute. Der jährliche Wassertarif wurde für jeden Haushalt plus Stückzahl an Vieh pauschal berechnet. Daneben gab es das Angebot, einen Zähler einbauen zu lassen. In dem Fall wurde der Kubikmeterpreis mit 20 Pfennig berechnet. Das Wasser an den gemeindlichen Pumpstationen war weiterhin kostenlos. „Die Leute waren arm“, berichtet der Heimatforscher. Viele verzichteten zunächst auf einen Hausanschluss. Aber „die meisten waren froh, endlich eine Wasserleitung im Haus zu haben und von der lästigen Lauferei zum Brunnen befreit zu sein.“ Damit fand allerdings auch der Dorftratsch am Brunnen ein Ende.

Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg funktionierte die Anlage einwandfrei. Unterdessen wuchs die Bevölkerung schnell und damit auch der Wasserverbrauch. Der Gemeinderat sucht nach Lösungen. Neue Quellen erschließen? Der Wünschelrutengänger Heinrich Henseler aus Lengsdorf wurde auf die Suche geschickt. Allerdings war das Ippendorfer Wasser durch „starke Bautätigkeit, übermäßige Düngung im Quellengebiet und fehlende Kanalisation“ nur noch abgekocht genießbar, stellt Berzheim fest. Seit 1958 bezieht Ippendorf das Wasser aus der Wahnbachtalsperre. Damit hatte der Wasserturm ausgedient. Zwar prüften die Politiker alternative Nutzungsmöglichkeiten, wie etwa ein Turm-Café, beschlossen dann aber den Abriss.

Als Quelle dient das Buch „Ippendorf“ von Bernhard Berzheim, Bonn 1990.

Wer Hinweise zu anderen verschwundenen Denkmälern hat, wende sich an hardtberg@ga-bonn.de.