Kommunale Neugliederung in Bonn: Über Nacht wurde Duisdorf zur Beamtenstadt

Kommunale Neugliederung in Bonn : Über Nacht wurde Duisdorf zur Beamtenstadt

Vor 50 Jahren kam es zu einschneidenden Veränderungen: Das Amt Duisdorf konnte sich der kommunalen Neugliederung nicht entziehen. Der Stadtbezirk Hardtberg war geboren.

Hätte Bonn nicht dankend abgelehnt, wären Duisdorf und Lengsdorf auf eigenen Antrag bereits 1901 eingemeindet worden. Die selbstständigen Gemeinden wollten unter die Fittiche der damals reichen Universitäts- und Rentnerstadt. In den 1920er und -30er Jahren stellte die inzwischen verarmte Stadt Bonn ihrerseits Versuche an, bei den Nachbarn zu arrondieren.

Daraus wurde nichts. Ebenso nichts aus dem Plan, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg einen Teil des Amtes Duisdorf einzugemeinden. Wie die Kölner Rundschau 1947 berichtet, lehnten die 120 Amts- und Gemeindevertreter das Ansinnen „einmütig“ ab. Die Aufgabe ihrer Selbstständigkeit schien ihnen „nicht geeignet, bestehende Bonner Probleme zu lösen“.

Doch zwei Jahre später, 1949, hatte sich die Ausgangslage schlagartig gewendet. Bonn war provisorische Hauptstadt und Regierungssitz, hatte aber zu wenig freie Flächen und Schwierigkeiten, die erforderliche Infrastruktur so schnell wie möglich zu stellen. „Und weil es eben nur Provisorium bleiben sollte, wollte der Bund so wenig Geld wie möglich ausgeben“, erläutert Stadtarchivar Norbert Schloßmacher. „Ein Ausspruch machte die Runde: Jede Mark für Bonn ist ein Verrat an Berlin.“

Regierungssitz Bonn verändert auch Umland

Wie Schloßmacher schildert, veränderte die Wahl Bonns zum Regierungssitz nicht nur das Stadtbild, sondern auch das Umland. „Fast alle Gemeinden des Amtes Duisdorf haben in den Nachkriegsjahren einen tiefgreifenden, in seinen Ausmaßen nicht vorhersehbaren Strukturwandel erlebt.“ Noch zu Anfang des Jahrhunderts sei das Gebiet überwiegend landwirtschaftlich geprägt, die Bevölkerung ausschließlich katholisch gewesen. Wenige Jahrzehnte später, 1950, arbeitete allein von den 6800 bei Bundesbehörden Beschäftigten ein Drittel in Duisdorf. Die beiden unzerstörten Kasernen konnten zu einem Verwaltungsschwerpunkt ausgebaut werden. Dieser Vorteil zählte.

In Frankfurt am Main, das mit Bonn um den Regierungssitz konkurrierte, hätten Büros angemietet werden müssen. „Dem heutigen Stadtbezirk Hardtberg fällt damit ein wichtiger Beitrag zu, dass Bonn Bundeshauptstadt werden konnte“, bilanziert der Stadtarchivar. In die ehemalige Troilo-Kaserne zogen Landwirtschafts- und Arbeitsministerium; in die Gallwitzkaserne das Wirtschafts- und Wohnungsbauministerium des Bundes. Neugebaut wurde zwischen 1956 und 1960 das Verteidigungsministerium auf der Hardthöhe.

Eines der größten Probleme der Nachkriegsjahre war die Wohnungsnot. Die Stadt Bonn war stark zerstört. Evakuierte, Flüchtlinge und Vertriebene strömten in die Stadt. Zugleich suchten die Bundesbeamten Wohnungen. Ein Bauboom setzte ein, der auch die Nachbarorte erfasste. In Ippendorf, Lessenich und Röttgen verdoppelte sich die Bevölkerung in den 1950er Jahren. Die Einwohnerzahl in der Gemeinde Duisdorf stieg von 4630 (1950) auf 17 000 (1963), in Lengsdorf von 2300 (1950) auf 7750 (1963).

Erstmals bekam Duisdorf evangelische Gemeinde

Schloßmacher: „Den Forderungen und Bedürfnissen der rapide gewachsenen Bevölkerung mussten das Amt Duisdorf und die Gemeinden Rechnung tragen.“ Neben der Aufgabe, die Wasserversorgung sicherzustellen, Strom und Gasleitungen zu legen, war der Bau von Straßen, Schulen, Sportplätzen und Kindergärten dringend erforderlich. „Weil sich auch die konfessionelle Struktur veränderte, kam es erstmals in der Geschichte Duisdorfs zur Bildung einer evangelischen Gemeinde“, sagt Schloßmacher.

Schon vor 1969 waren Duisdorfer Ortsteile durch die Neubürger ein Teil der Bundeshauptstadt geworden, ehe das Bonn-Gesetz Fakten schuf. Im Oktober 1967 schrieb ein Redakteur des General-Anzeigers: „Duisdorf – ländliches Randgebiet von Bonn wurde über Nacht zu einer Beamtenstadt. Zehn Jahre genügten, das äußere Gesicht und die bestimmenden inneren Merkmale des Amtes Duisdorf mit seinen elf Gemeinden völlig umzuwandeln.

In dieser entwicklungsgeschichtlich ungewöhnlich kurzen Zeitspanne wurde im Raum von 80 Kilometern die älteste Form des menschlichen Zusammenlebens, die landwirtschaftlich-dörfliche Gemeinschaft, nahezu übergangslos in das Kleid der großstadtnahen Wohn-Schlaf-Siedlungen gesteckt.“

Prognose für Duisdorf lag bei 70.000 Einwohnern

Für das Amt Duisdorf war in naher Zukunft eine Einwohnerzahl von mindestens 70.000 prognostiziert. Amtsdirektor Johannes Janssen registrierte mit Bedauern, „dass das Gros der Neubürger am Gemeindeleben kaum Anteil nimmt.“ Andererseits seien gerade die Bundesbediensteten „sehr empfindliche Bürger“ (General-Anzeiger vom 6. Oktober 1967).

Von den Ereignissen überrollt, musste das Amt Duisdorf über eine Umstrukturierung nachdenken. Die Verwaltung konnte ihren Aufgaben kaum noch nachkommen. Die meisten Arbeitsvorgänge mussten für jede der elf Gemeinden getrennt ausgeführt werden. Die Kämmerei beispielsweise erstellte für jede der elf Gemeinden und die verschiedenen Zweckverbände einen Haushaltsplan. Im Terminkalender des Amtsdirektors standen rund 400 Sitzungen.

Gar nicht zu reden von den Niederschriften, die anschließend abzuliefern waren. Der Gedanke, Verwaltungen und damit Gemeinden zu effizienteren Einheiten zusammenzufassen, war naheliegend. Janssen propagierte die „Gegenstadt“ zu Bonn. Die SPD ging mit dem Vorschlag, die Stadt Hardtberg zu bilden, in die Öffentlichkeit, wie der General-Anzeiger 1966 berichtete.

Protestmarsch zusammen mit Beuel und Bad Godesberg

Parallel wurde in der Landesregierung an einer kommunalen Neugliederung mit Bonn als Mittelpunkt gearbeitet. „Wir schrecken nicht vor Düsseldorf zurück“, konterten Duisdorfer und Lengsdorfer und verabredeten sich mit Beuel und Bad Godesberg zu einem Protestmarsch in der Landeshauptstadt.

Am 5. März 1968 billigte die Landesregierung den Plan von Innenminister Willi Weyer zur Neugliederung. Aus Düsseldorfer Sicht sprach einiges dafür: „Der bisherige höchst unbefriedigende Zustand in der Stadt Bonn mit einer ständig sinkenden Einwohnerzahl und einer ungewöhnlich ungesunden und einseitigen Wirtschaft, einer starken Zersiedelung des Umlandes und einer nicht aufeinander abgestimmten Planung und zahlreichen Fehlinvestitionen macht eine kommunale Neuordnung dieses Gebietes dringend erforderlich.

Örtliche Interessen müssen gegenüber dieser Aufgabe zurückstehen.“ Am 13. Mai beschloss der Düsseldorfer Landtag das Bonn-Gesetz mit Stichtag 1. Juli. In letzter Minute versuchten der Landkreis Bonn und seine Städte und Gemeinden das Inkrafttreten mit einem Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung beim nordrhein-westfälischen Verfassungsgerichtshof in Münster aufzuschieben. Er wurde am 30. Juli 1969 abgelehnt, tags darauf, am 1. August, war das Bonn-Gesetz Tatsache – und das Amt Duisdorf Geschichte.

„Mancher erwartete, dass die Stunde Null für das neue Bonn am 1. August 1969 mit Blitz und Donner daherkommen würde“, weiß Stadtarchivar Norbert Schloßmacher von Zeitzeugen. Beuel, Bad Godesberg und das Amt Duisdorf gaben Punkt 24 Uhr ihre Eigenständigkeit auf.

"Hardt" bedeutet "bewaldet"

Donnergrollen ist heute noch hin und wieder bei Beuelern und Bad Godesbergern zu hören. Weniger in Hardtberg. Der kleinste und jüngste Stadtbezirk Bonns firmierte neu unter einem Kunstnamen, angelehnt an den gleichnamigen, 156 Meter hohen Berg südlich von Medinghoven. „Hardt bedeutet so viel wie bewaldet“, erläutert Schloßmacher. „Mit der Namensgebung konnten sich auch Ur-Lengsorfer und Ur-Duisdorfer identifizieren.“

Das Stadtarchiv hat 1988 eine facettenreiche Pressedokumentation zum „Das Amt Duisdorf 1945 -1969“ – also bis zur Raumordnung – herausgegeben. Auch die folgenden Bände geben über den Werdegang des Stadtbezirks einen guten Aufschluss.

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