Neue Lernplattform am Hardtberg-Gymnasium: Schul-Cloud demokratisiert den Unterricht

Neue Lernplattform am Hardtberg-Gymnasium : Schul-Cloud demokratisiert den Unterricht

Das Hardtberg-Gymnasium entwickelt eine Lernplattform des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) weiter. Jedem Schüler und Lehrer ist es möglich, mit seinem Handy auf komplexe Inhalte und Programme der Plattform zuzugreifen.

Mit Beginn des Schulhalbjahres ist die HPI Schul-Cloud in einer praktischen Erprobungsphase am Hardtberg-Gymnasium. Die 14- bis 15-jährigen Schülerinnen und Schüler der Medienklasse 9 c sind nun aufgefordert, ihre Smartphones oder Tablets mit in die Schule zu bringen (der GA berichtete). Entgegen dem allgemein dort (und an vielen anderen Schulen) geltenden Handyverbot, wird das ansonsten allgegenwärtige digitale Gerät nun zu Lernzwecken benutzt. Dem liegt die Idee der Schul-Cloud-Macher zugrunde, dass heute nahezu jeder Schüler über ein Handy verfügt, mit dem der Zugriff auf komplexe Inhalte und Programme in einer Cloud möglich ist.

Anders als die bisher an Schulen genutzten Computerräume, die schon aus Kostengründen dem technologischen Fortschritt kaum folgen können, ist die Schul-Cloud ein den meisten Schülern vertrautes Abbild ihres aktuellen digitalen Alltags. Mit dem Begriff der Cloud (deutsch = Wolke) wird das Zusammenspiel von Servern bezeichnet, auf denen Daten gespeichert werden oder Programme laufen können. Einer Wolke ähnlich, „schwebt“ die über das Internet erreichbare Cloud über seinem Nutzer. Egal, wo er sich befindet. Ob in der Schule, zu Hause oder in der Straßenbahn – überall wo es Internet gibt, ist der Zugriff auf Daten und Programme möglich.

Die HPI Schul-Cloud ist kein fertiges Produkt, sondern wird stetig mit den etwa 100 teilnehmenden MINT-EC-Pilotschulen fortentwickelt, zu denen auch das Hardtberg-Gymnasium (HBG) zählt. Dabei stellt die über Ländergrenzen reichende Schulplattform digitale Lerninhalte, Methoden und Werkzeuge verschiedener Anbieter für den Unterricht zur Verfügung. Darüber hinaus können Lehrer und Schüler auch eigene Daten und Programme in die Cloud laden. Selbst erstellte Unterrichtseinheiten können beispielsweise über einen browserbasierten Zugang online und von jedem mobilen Endgerät genutzt werden, solange der Nutzer registriert ist und die Datenschutzerklärungen gelesen und akzeptiert hat. Eigene Server braucht die Schule dafür nicht, auch eine Softwarewartung entfällt. Einzig notwendig ist ein Datenzugang zum Internet.

Das HBG verfügt über einen schnellen Breitbandanschluss, ist jedoch zurzeit noch durch nur zwei verfügbare Wlan-Access-Points in der kabellosen Nutzung innerhalb des Schulkomplexes eingeschränkt. „Technisch sind wir da auf jeden Fall auf dem richtigen Weg“, sagt Schulleiter Günther Schlag im Hinblick auf die niederschwelligen technischen Voraussetzungen für die Schüler. Die Schul-Cloud sei eine Lösung, die soziale Ungerechtigkeiten vermeide. Selbst wenn jemand nicht über ein Smartphone verfüge, könne die Schule aushelfen. „Es ist schon absehbar, dass auch im Digitalpakt das Geld nicht für Endgeräte ausgegeben wird“, ergänzt Deutsch- und Englischlehrer Philip Bracher, der die Mediengruppe am HBG führt.

Schon jetzt werden für ihn und seine Kollegen die Vorteile einer Schul-Cloud-Nutzung deutlich: Neben der ortsunabhängigen Nutzung, die Schüler bereits mit einem Arbeitsplatz der Zukunft vertraut macht, bei dem die physische Anwesenheit kaum noch notwendig sein wird, sieht er vor allem in der Möglichkeit, untereinander zu kommunizieren, einen positiven Aspekt der Cloud. Gerade hat er seiner Klasse die Hausaufgabe gestellt, ein Bewerbungsschreiben anzufertigen. Besprochen wurde das Thema im Klassenraum. Stoffsammlung und Vorgehensweise wurden dabei auf dem Whiteboard festgehalten und gleichzeitig digital in einer dafür angelegten Datei in der Cloud gespeichert. Jeder Schüler hat dabei die Möglichkeit, sich Anmerkungen einzutragen, bei denen er genauso wie der Lehrer entscheiden kann, ob sie öffentlich sichtbar oder nur für die eigenen Augen zugänglich sind. Der Lehrer bekommt dann die Option, den Fortschritt der Hausaufgabenerstellung zu verfolgen. Hat ein Schüler bereits seinen Text abgelegt, kann der Lehrer noch Anmerkungen dazu schreiben und damit dem Schüler die Gelegenheit geben, seine Arbeit zu verbessern.

„Natürlich bleibt der lebhafte Diskurs im Klassenraum das zentrale Element“, sagt Bracher. Doch er sieht mit der Cloud auch die Chance, Schüler anzusprechen und einzubinden, die im Unterricht etwas ruhiger sind oder sich in der Öffentlichkeit nicht äußern können und über die Cloud eine Stimme finden. „Auch das anonyme Feedback von den Schülern ist über eine Cloud einfacher und aufrichtiger zu bekommen als mit handschriftlich auszufüllenden Fragebögen“, so Bracher. Somit führe die Schul-Cloud auch ein Stück weit zur Demokratisierung des Unterrichts.

Sollten Schüler oder Lehrer krank sein, besteht durch die Cloud die Möglichkeit, trotzdem am Unterricht teilzuhaben oder ihn auch nachholen zu können. Zudem hat der Lehrer die Option, seine Unterrichtseinheit Kollegen an der eigenen Schule oder auch bundesweit zugänglich zu machen. Inhalte, die von anderen Schulen bereitgestellt werden, können für den Lehrer Arbeitserleichterung oder Zeitersparnis bedeuten – genauso, wie es möglich ist, sich über diesen „Kanal“ über neue Ideen auszutauschen.

Noch bezeichnen die Entwickler ihre HPI Schul-Cloud lieber als „Prozess“ anstelle eines „Projekts“. Noch weiß keiner, wohin die Reise geht, wo sie endet. Das Pilotprojekt wird bis Juli 2021 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Da Bildung nach wie vor Ländersache ist, tut man sich mit einer bundesweiten Lösung schwer. So läuft in NRW die Pilotphase zu „Logineo NRW“ parallel. Ebenfalls eine Cloud, in der Lehrkräfte kommunizieren, Termine in gemeinsamen Kalendern organisieren und auch Materialien austauschen können. HBG-Schulleiter Schlag fasst vorsichtig zusammen, „die HPI Schul-Cloud könnte schon der richtige Schritt in die Zukunft sein“.

Mehr Infos gibt es auf www.schul-cloud.org. Dort können Schüler und Lehrer einen Demo-Account anlegen und die Anwendung ausprobieren

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