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Städtisches Projekt in Medinghoven: Projekt soll Jugendlichen demokratische Werte vermitteln

Städtisches Projekt in Medinghoven : Projekt soll Jugendlichen demokratische Werte vermitteln

Das städtische Projekt „Champs Bonn – Für Demokratie und Menschenrechte – Gegen extremistische Ideologien“ vermittelt Jugendlichen aus Medinghoven Verständnis für demokratische Werte. Eines der Ziele ist, Extremismus vorzubeugen.

Was „uncool“ ist, bewerten junge Leute aus ihrer Sicht auf die Welt. Sehr wahrscheinlich, dass sie ein Projekt, das unter der Überschrift „Für Demokratie und Menschenrechte – gegen extremistische Ideologien“ vergangenen September in Medinghoven gestartet ist, eher „mega-uncool“ finden und als Erwachsenensprech abtun. Allerdings können sie sich von Trainern zu „Champs“ ausbilden lassen, das hat dann wieder was. Bislang haben sich zehn Jugendliche angesprochen gefühlt und sind der Einladung der Stabsstelle Integration der Stadt in Kooperation mit dem Kölner Verein „HennaMond“ gefolgt.

Es hat sich eine bunt gemischte Gruppe, junge Frauen und Männer, einige Deutsche, andere mit Migrationshintergrund, zusammengefunden. „Und sehr schnell konnten die beiden Projekttrainer den Jugendlichen klarmachen, dass die Themen bei den regelmäßigen Treffen sehr wohl mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun haben“, berichtet der Projektverantwortliche der Stabsstelle Integration, Frank Vallender. Er hofft, dass sich das Angebot in Medinghoven herumspricht und noch mehr Interessenten findet. Denn innerhalb eines Jahres werden die Jugendlichen zwischen 16 und Anfang 20 zu Multiplikatoren, sogenannten Champs, ausgebildet, um in ihrem Stadtteil und in ihren Schulen mit Gleichaltrigen ins Gespräch zu kommen: über Themen wie Extremismus und Gewalt, über traditionelle Rollenbilder von Männern und Frauen sowie über Religion und demokratische Werte.

„Bei dem Projekt sollen Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund miteinander ins Gespräch kommen. Sie können und sollen sich vorurteilsfrei über ihre Herkunft, ihren familiären Hintergrund austauschen. Sie diskutieren Fragen der Identität, die gerade bei Jugendlichen eine wichtige Rolle spielen“, erläutert Vallender. Die Grundthematik – Demokratie, Menschenrechte, Extremismus – ist vielschichtig, die politische Bildung ein wichtiger Aspekt, wobei sich die jungen Menschen auch kritisch mit Traditionen der Herkunftsländer ihrer Eltern auseinandersetzen. Dazu braucht es auch Mut.

Nicht von ungefähr wurde Medinghoven für das Projekt ausgewählt: Dort liegt der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bei 54 Prozent. Der Anteil junger Menschen ist mit 57 Prozent der stadtweit höchste. Überdurchschnittlich hoch ist auch die Arbeitslosigkeit. „Das Angebot in Kooperation mit ,HennaMond’ soll der schwierigen Situation von Jugendlichen in dem Stadtteil Rechnung tragen“, erläutert Vallender.

Zwei Trainer von „HennaMond – Mut, Rat und Lebenshilfe für Menschen mit Migrationshintergrund“ begleiten die Projektteilnehmer: Sonja Fatma Bläser, Gründerin und Leiterin des Vereins, kam mit neun Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Internationale Aufmerksamkeit erregte ihre 1999 anonym veröffentlichte Lebensgeschichte „Hennamond – Mein Leben zwischen zwei Welten“. Sie erzählt von ihrer eigenen Zwangsverheiratung und Fällen von Ehrenmord in einem anatolischen Dorf zwischen 1964 und 1973. Bläser berät vor diesem Hintergrund seit vielen Jahren Mädchen und Frauen, aber auch Männer, die selbst unter patriarchalischen Strukturen leiden. Jaouad Hanin hat marokkanische Wurzeln. Er arbeitet als interkultureller Trainer mit jungen Menschen aus vielen Nationen.

In Köln war „HennaMond“ gut fünf Jahre Partner des bundesweiten Projektes „Heroes“, das sich vor allem an junge Männer aus dem türkischen und arabischen Raum richtete und sich kritisch mit Fragen von Tradition und Ehre auseinandersetze, die im Widerspruch zu Normen und Werten der deutschen Gesellschaft stehen. „Champs“ ist ein eigenes Projekt des Vereins. Gespräche, Filme, Rollenspiele und – je nach finanziellen Möglichkeiten – Exkursionen, beispielsweise nach Auschwitz, sind Teil des Trainings der „Champs“. „Bei geschlechterspezifischen Themen arbeiten die Trainer jeweils getrennt mit den jungen Männern und Frauen“, erläutert Vallender. In der Anfangsphase ging es darum, sie in ihrer Lebenswirklichkeit „abzuholen“. „Wichtig ist es, einen geschützten Raum zu haben und Vertrauen aufzubauen, dass jeder tatsächlich über alles sprechen kann, auch oder gerade weil er oder sie es sich sonst nicht traut“, so Vallender.

Die Corona-Schutzvorschriften schränken das Training allerdings ein. Die Gruppe kommuniziert deshalb zurzeit per Videochat und tauscht sich beispielsweise über die vorübergehende Einschränkung von Grundrechten aus, die auch die Religionen betrifft. Nach den Sommerferien geht es dann hoffentlich wieder in direkten Treffen im Medinghovener Stadtteilbüro der Diakonie weiter – „denn die „Champs“ haben noch viele, spannende Themen zu erörtern“, so Vallender.

Wer sich am Projekt in Medinghoven beteiligen möchte, kann sich per E-Mail an die zuständigen Personen unter integrationsbeauftragte@bonn.de oder telefonisch unter 0228/77 31 01 melden.