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GA-Serie Verschwundene Wahrzeichen: Im Gasthaus „Mahler“ verliebte sich die Region

GA-Serie Verschwundene Wahrzeichen : Im Gasthaus „Mahler“ verliebte sich die Region

Das verschwundene Wahrzeichen von Ippendorf: Im Saal vom „musikalischen Wirt“ fanden sich Paare aus nah und fern. Heute ist dort ein Balkan-Restaurant.

Nicht nur für Ippendorfer ist die Gaststätte „Beim Mahler“ an der Lückingstraße seit vielen Jahrzehnten ein Ort mit Geschichte und Geschichten. Manch ein Paar hat sich beim Tanz im damals weit über die Grenzen Bonns hinaus bekannten Saal kennengelernt. „Einige der Jubiläumsehepaare, die ich als Bürgermeisterin in ganz Bonn besuche, sind sich dort nähergekommen“, sagt Ippendorfs Stadtverordnete und Bonner Bürgermeisterin Gabriele Klingmüller. Auch wenn der heutige Name immer noch auf den früheren Inhaber Eduard Edi Mahler hinweist, der in seiner Dorfkneipe an den Wochenenden auf Akkordeon oder Klavier spielend zum Tanz einlud, hatte Edi sein Lokal damals „Zum musikalischen Wirt“ genannt.

Acht Jahre lang hatte Mahler zuvor in Bonn Musik studiert, wo man ihn den Notenfresser nannte. Das musikalische Talent war ihm von seinem Vater Eduard in die Wiege gelegt worden, der 1920 das damals schon historische Gasthaus an der ehemaligen Ippendorfer Kümpelgasse von Gastwirt Heinrich Gaue übernommen hatte. Das im fränkischen Stil vor mehr als 400 Jahren errichtete Fachwerkhaus wurde schon von Kurfürst Clemens August (1700-1761) vor der Jagd im Kottenforst besucht.

Der Saal vom ehemaligen „Musikalischen Wirt“ ist durch einen Neubau ersetzt worden, der an das historische Fachwerkhaus an der Röttgener Straße anschließt. Foto: Drohnenfoto Stefan Hermes
Autogrammkarte der Hurricanes (von links): Helmut Emons, Heinz Küpper, Matthias Natter und Günter Rings. Foto: Repro Stefan Hermes

Dass der Saal im „Mahler“ nach dem Zweiten Weltkrieg überall bekannt wurde, ist auf Edi zurückzuführen, der schon vor den Kriegszeiten als Mann am Klavier im damaligen Bonner Kaiser-Café oder im Hotel Dreesen sein Geld verdiente. Als er 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, wurde aus dem väterlichen „Mahler“ der „Musikalische Wirt“. Und das Gasthaus wurde damit schnell zu einem der bekanntesten Vergnügungslokale im Köln-Bonner Raum.

Als Ende der Fünfzigerjahre der Rock‘n‘Roll nach Deutschland kam und die Mädchen in kurzen Petticoats von Jungs mit Pomade im Haar in den Mahler-Saal geführt wurden, gerieten die Tanzveranstaltungen zwar kurzzeitig wegen sittlicher Bedenken des Gemeinderats in Gefahr, doch Mahler überstand die Krise und konnte weiterhin Rock‘n‘Roll-Wettkämpfe veranstalten. Zugleich muss er auch die richtigen Töne für Hochzeiten, Winzerfeste, Karneval oder Familienfeiern gefunden haben, denn der Mahler-Saal wurde zum pulsierenden Herz von Ippendorf.

Die Zeichnung zeigt die Restauration Johann Heinrich Wieler gegenüber der Pfarrkirche. Foto: Repro Stefan Hermes

„Bei uns war immer was los“, erinnert sich die Ippendorferin Anita Klein an die Zeit, in der sie in der Wohnung über dem Tanzsaal aufwuchs. Schon als kleines Mädchen saß sie auf der Treppe zum Saal und sah fasziniert den Tanzenden zu. „So habe ich das Tanzen gelernt.“ Auch ihren Mann hat sie dort 1957 im „Musikalischen Wirt“ wiedergetroffen. Zwei Jahre später standen die beiden vor dem Traualtar.

„Von den Mädels waren die jungen Beamten der Bonner Ministerien, die amerikanischen Studenten oder die Männer vom Bundesgrenzschutz sehr begehrt“, sagte Edi Mahler noch an seinem 80. Geburtstag. Für ihn war es die Erklärung, warum noch im tiefsten Bayern „flotte Ippendorferinnen“ anzutreffen sind und der „Musikalische Wirt“ sogar in Amerika bekannt war.

Mit Beginn der 60er Jahre traten dann die ersten Beatgruppen bei Edi Mahler auf. Die Bühne, die viele Jahre seiner eigenen Kapelle vorbehalten war, wurde zum Auftrittsort von angesagten Bands. Mahler zog sich zurück und verpachtete sein Lokal an die Wirtsfamilie Fuhrmann. Auch wenn es weiterhin offiziell „Zum musikalischen Wirt“ hieß, sprach man nur noch vom „Mahler“. Helmut Emons, damals Gitarrist der Hurricanes, erinnert sich daran, wie die Tochter von Fuhrmann seine Band im Hotel Rheineck in Niederdollendorf erlebte und ihren Vater Fred überredete, die Hurricanes nach Ippendorf zu holen.

Es dauerte nicht lange, da wurden die vier Bonner Musiker zur Mahler-Hausband. „Damit hatte die Beat-Ära in dem historischen Lokal begonnen“, so Emons. Die Band sorgte dafür, dass der altehrwürdige Saal zeitgemäß umgestaltet wurde. Die Band besaß eine eigene Licht- und Verstärkeranlage, was damals eher selten war. Bunte Scheinwerfer setzten fortan die Bühne ins richtige Licht. Wie auch die von der damaligen Elterngeneration als „verwildert“ bezeichneten Beatles, die zu der Zeit schon weltweite Erfolge feierten, traten auch die Hurricanes in gepflegten Maßanzügen auf. Dunkelrote Mozartschleifen und weiße Schuhe wurden zu ihren Markenzeichen. Wegen des großen Andrangs musste immer wieder die Trennwand zur Kegelbahn entfernt und die Bahnen mit Holzplatten abgedeckt werden.

Einladung der Junggesellen Ippendorfs (1913). Foto: Repro Stefan Hermes

„Um 22 Uhr kam dann regelmäßig die Polizei“, erinnert sich Emons. Die vierköpfige Band hatte dann Pause. Die Saaltüren wurden abgeschlossen und die Ordnungshüter kontrollierten das Alter der Besucher. Wer noch keine 18 Jahre alt war, musste den Saal verlassen. „Unsere Freundinnen, die meist auch noch keine 18 waren, versteckten sich unter den Tischen, auf der Toilette oder verschwanden in der Küche.“ Dort wurden auch die Musiker jedes Mal so reichlich versorgt, „als hätten wir die ganze Woche noch nichts gegessen“, so Emons. Gegen 1 Uhr erschien die Polizei dann erneut vor dem „Mahler“, um den Verkehr zu regeln.

Heute wird das traditionsreiche Lokal „Beim Mahler“ von Miki Andric bewirtschaftet, der seinen Gästen nun ohne Beat oder Rock‘n‘Roll Spezialitäten vom Balkan serviert. Der einst so bekannte Saal ist seit 1998 nur noch Geschichte. Bei der Kernsanierung des Mahler’schen Anwesens ist dort, wo einmal die Herzen von Ippendorf etwas heftiger schlugen, ein Neubau entstanden.