Liebesgöttin steht nicht Pate: Führungen durch das Viertel Venusberg

Liebesgöttin steht nicht Pate : Führungen durch das Viertel Venusberg

Der Venusberg steht auf einem ehemaligen Venn und überrascht mit interessanten Geschichten. Historiker Rainer Selmann erzählt sie bei seinen Führungen durch das Viertel.

er Venusberg, ein verschlafenes Nest? Ja, vielleicht ein bisschen. Aber interessante Geschichten gibt es auch dort beinahe an jeder Ecke. Der Historiker Rainer Selmann kennt sie alle, regelmäßig bietet er knapp dreistündige Führungen durch den Bonner Stadtteil an, bei dem man zum Beispiel Spannendes über bauwütige Katholiken, ortsverliebte Bundeskanzler, eine Axtmörderin und einen krummen Speer erfährt.

Mit der römischen Göttin der Liebe, so der „Berufsspaziergänger“ Selmann, habe die Bezeichnung Venusberg nichts zu tun. Ähnlich dem „Hohen Venn“ an der deutsch-französischen Grenze war auch der Bonner Berg einst ein Hochmoor, ein Fenn also, das nach und nach austrocknete. Aus „Fenn-Berg“ wurde schließlich Venusberg, aber die einzige römische Göttin, der dort zu kurfürstlichen Zeiten wirklich gehuldigt wurde, war die der Jagd.

Katholiken bauten ihre Kirche im Eiltempo – ohne Glockenturm

Eine Diana-Statue von Arno Breker stand lange Zeit an der Sertürnerstraße. Der Speer, den sie in einer Hand trug, war irgendwann nach unten gebogen. „Immer wieder haben sich Kinder daran gehängt“, so Selmann. 1997 baute man sie ab, weil Breker als Lieblingskünstler von Adolf Hitler galt. Erst wanderte sie nach Stuttgart, dann ins Bonner Frauenmuseum, heute kann man sie im Garten des Hauses der Geschichte sehen.

Die Statue stand vor dem damaligen Paulshof, 1862 vom Unternehmer Gustav Schlieper als erster landwirtschaftlicher Betrieb auf dem Venusberg gegründet. Der war später ein Sägewerk, bis ihn 1912 Heinrich Blömer kaufte und daraus eine Wirtschaft für Touristen machte, inklusive Tanzsaal. Dieser Anbau ist als Wohnhaus bis heute erhalten.

Der Inhaber des ersten Kaufhauses mit Festpreisen in Bonn erwarb auf dem Venusberg recht viele Grundstücke, zwischenzeitlich kursierte laut Selmann die Bezeichnung „Blömerberg“. Eines dieser Grundstücke verschenkte er an die Liebfrauen-Schwestern aus Köln, auf dem heute das Haus Venusberg steht. „Die einzige Auflage war, dass sie ihre Stoffe nur bei ihm kaufen“, sagte Selmann. Die Ordensschwestern ließen auch die Sankt-Heinrichs-Kapelle – benannt nach Heinrich II. – errichten, bis 1957 die Hauptkirche der Katholiken auf dem Venusberg. Ob die Benennung auch ein Dank an Heinrich Blömer war, ist eine der offenen Fragen.

Ähnlich wie die, warum die Katholiken, denen die Kapelle in den 1950er-Jahren zu klein wurde, partout schneller mit ihrer neuen Kirche fertig sein wollten als die Protestanten. Als Bonn Hauptstadt wurde, zogen auch viele evangelische Ministeriumsangestellte hierher, einige ließen sich auf dem Venusberg nieder, für sie sollte eine Kirche gebaut werden. Vermutlich war es rheinischer Katholikenstolz, der dazu führte, dass man auf ein wesentliches Element im Bauplan verzichtete, um die Heilig-Geist-Kirche eher einweihen zu können als die Auferstehungskirche: „Es ist die einzige Kirche in Bonn ohne Glockenturm“, sagt Selmann. Heute läuten die evangelischen Glocken die Angehörigen beider Konfessionen in die Gottesdienste.

Bis 1972 fuhren Elektrobusse zum Uniklinikum

Zwischen beiden Kirchen liegen einige schöne Wohnhäuser. In einem wohnte der jeweilige Außenminister der Bundesregierung. Willy Brandt gefiel es dort aber so gut, dass er am Ende seiner Amtszeit diese Regelung kippte, um dort auch als Bundeskanzler wohnen bleiben zu können. Noch heute kann man vom Waldweg aus noch das Teehäuschen und das Wachhaus im Garten sehen. Der Waldweg führt auf das Gelände des Universitätsklinikums Bonn zu, das bis 1972 von Elektrobussen angefahren wurde.

Selmann erläutert dort unter anderem, dass die kleine Kapelle an das Tor des Hintereingangs der 1938 eröffneten Flak-Kaserne gebaut wurde. Bei Kriegsende suchten die Soldaten das Weite. Geplündert wurde die Kaserne aber nicht etwa von den Alliierten, sondern von den Dottendorfern und Kessenichern. 1949 zog die Frauenklinik von ihrem Grundstück, auf dem heute die Beethovenhalle steht, auf das verlassene Gelände.

Das Chirurgische Zentrum wurde in Anlehnung an das Uni-Hauptgebäude gebaut: rechteckig, mit vier stilisierten Türmen und einem Innenhof. In der Nähe steht die Figur einer Frau mit nacktem Oberkörper, der Künstler ist laut Selmann unbekannt. In den eher prüden 1950er Jahren sei diese leichtbekleidete Dame von Bonn auf das Klinikgelände gebracht worden.

Über dem früheren Kasernen-Haupteingang sieht man noch Löcher von dicken Nägeln: Man kann erkennen, wo damals der Reichsadler und der Schriftzug „Göring-Kaserne“ hingen. Der Parkplatz davor war seit 1887 Exerzierplatz, dort wurde Agnes Höfer für ihre Tat hingerichtet: Sie hatte ihre Vermieterin mit angeblich 23 Axthieben ermordet.

Der Venusberg ist heute – abgesehen vom Verkehrsproblem – eine ruhige Wohngegend. Das war er übrigens schon vor 6000 Jahren. Damalige Siedler, so Selmann, schätzten, dass sie dort ihre Ruhe vor Angreifern hatten.

Einen Überblick über Rainer Selmanns weitere Führungen findet man auf www.kultnews.de.

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