Grünen-Politiker in Bonn: Christian Trützler sitzt nach Vergiftung im Rollstuhl

Grünen-Politiker in Bonn : Christian Trützler sitzt nach Vergiftung im Rollstuhl

Christian Trützler war seit einem Malta-Urlaub im November 2017 wegen einer lebensbedrohlichen Vergiftung zu einem einjährigen Aufenthalt in Krankenhäusern und Rehakliniken gezwungen. Seitdem ist er auf einen Rollstuhl angewiesen.

„Seit Urzeiten war ich Sprecher der Grünen im Ortsverband Hardtberg. Das bin ich jetzt nicht mehr“, sagte Christian Trützler (57). In der jüngsten Mitgliederversammlung hat er sich nicht mehr zur Wahl gestellt. Zuvor hatte Trützler diese Funktion in der für für Bündnis 90/Die Grünen üblichen Doppelspitze inne. Zuletzt zusammen mit Annette Standop. Kathleen Kiwan und Carlos Echegoyen sind die Nachfolger.

Trützler war seit einem Malta-Urlaub im November 2017 wegen einer lebensbedrohlichen Vergiftung zu einem einjährigen Aufenthalt in Krankenhäusern und Rehakliniken gezwungen. Seitdem ist er auf einen Rollstuhl angewiesen, der seine physischen Aktivitäten einschränkt.

„Schon für die Europawahl hätte ich keine Plakate mehr kleben können“, so Trützler, der inzwischen nicht nur seine Ämter als Bonner Ratsherr und erster stellvertretender Bezirksbürgermeister für den Hardtberg wieder eingenommen hat, sondern auch wieder als Vertriebsleiter für die ÖPNV-Jobtickets bei den Hürther Stadtwerken an seinem Schreibtisch sitzt.

Politisch denkender und handelnder Mensch

Der studierte Theologe hatte nach seiner Bonner Universitätszeit verschiedene freiberufliche Jobs angenommen, bevor er eine Umschulung zum Wirtschaftsassistenten machte, die ihn 1994 zunächst nach Leverkusen und 2001 auf seinen heutigen Arbeitsplatz nach Hürth führte. „Vom Arbeitsamt wollte ich damals wissen, ob sich meine Vermittlungschancen mit dem Abschluss meines begonnenen Politikstudiums vergrößerten“, lacht Trützler heute über die damalige Antwort, dass es lediglich bedeuten würde, seine Arbeitslosigkeit um weitere drei Jahre zu verlängern. Trotzdem war und blieb Trützler immer ein politisch denkender und handelnder Mensch.

Schon in der Oberstufe belegte der Unterfranke aus Miltenberg am Main den Politik-Leistungskurs. In dieser Zeit, so erinnert sich Trützler, wurde er Mitglied der FDP. 1984 hatte er sich auf einem der letzten Listenplätze für den Gemeinderat von Hemsbach an der Bergstraße, seinem Wohnort, aufstellen lassen. Wurde jedoch erwartungsgemäß nicht gewählt. 1988 wechselte er, inzwischen in Oberdollendorf wohnend, zur SPD, von deren Mitgliedern er Anfang der 90er Jahre in Königswinter zum Juso-Vorsitzenden gewählt wurde. „Wirtschaftspolitisch bin ich im Laufe der Jahre immer weiter nach links gerutscht“, fasst Trützler seine politische Laufbahn zusammen.

Parteilos kam er 2004 für die Grünen in die Bezirksvertretung Hardtberg. Ein Jahr später wurde er Mitglied, „weil ich auch mitbestimmen wollte“. Er wurde 2007 zum Kreissprecher gewählt. Zwei Jahre später kam Trützler in den Stadtrat. 2010 wurde er als Kandidat für den Landtag aufgestellt. Seit 2014 ist er erster stellvertretender Bezirksbürgermeister im Stadtbezirk Hardtberg. „Das mache ich auch gerne weiter“, so Trützler. Obschon er einschränkend sagen muss, dass er aufgrund seiner Behinderung nur die barrierefreien Termine wahrnehmen kann.

Großer Gothic-Fan

Doch er fühlt sich wohl in Duisdorf, das er gerne mit seinem ehemaligen Wohnort im badischen Hemsbach vergleicht. „Der angeblich konservativste Stadtteil Bonns, zeigt sich für mich als der toleranteste“, so Trützler. Dass er der Gothic-Szene nahesteht, ist unschwer zu erkennen. Tätowierungen, Haarschnitt und seine „Flesh Tunnels“, die weiten Ohrlochpiercings, lassen den ehemaligen Priesterkandidaten der Alt-Katholischen Kirche nicht mal mehr erahnen.

Seit vielen Jahren gehört der Besuch des „Wave Gotik Treffens“ (WGT) zu seinem alljährlichen „Pflichtprogramm“. Auch in den kommenden Pfingsttagen wird er beim WGT in Leipzig auf zwei Bonner Ratsmitglieder treffen. Zudem ist er ein begeisterter „Pen & Paper“-Rollenspieler. In „World of Darkness Mage“ nimmt er seit Jahren den Avatar des „Magus“ an. Auch wenn es nicht offensichtlich zu diesen Interessen zu passen scheint, war Trützler bis zu seiner Erkrankung auf dem Weg, ein erfolgreicher Turniertänzer zu werden.

Schon bald hat er vor, die Tanzfläche mit dem Rollstuhl neu zu erfahren. „Ich war immer schon ein Mensch, der die Gegebenheiten erst einmal so hingenommen hat, wie sie sind“, sagte Trützler, „ich konnte im Dezember 2017, als ich aus dem Koma erwachte, nur meinen Kopf und die Finger bewegen. Mehr nicht.“ Alles andere habe die Physiotherapie wieder möglich gemacht. Von daher sei jetzt alles „super“.

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