Ab dem 70. Lebensjahr: Besuchsdienst überrascht Geburtstagskinder

Ab dem 70. Lebensjahr : Besuchsdienst überrascht Geburtstagskinder

Der Besuchsdienst der evangelischen Kirche überrascht Geburtstagskinder ab dem 70. Lebensjahr. Wenn sie an den Türen klingeln, wissen sie nicht, was sie erwartet.

An der Haustür abgewiesen zu werden, das ist für den ehrenamtlichen Besuchsdienst der evangelischen Kirchengemeinde alltägliche Erfahrung. Dann fasst man sich eben ein Herz und klingelt bei der nächsten Adresse. Aber wer weiß, was einen da erwartet. Auf jeden Fall muss es ein Geburtstagskind sein, mindestens 75 Jahre alt und evangelisch. Der alljährliche Besuch ist eine Überraschung.

Einmal im Monat trifft sich das insgesamt 15-köpfige Team des Besuchsdienstes mit Pfarrer Georg Schwikart, um anhand der Mitgliederliste der Gemeinde die aktuellen Geburtstagskinder herauszusuchen und sich über die guten wie auch über unerfreulichen Erlebnisse auszusprechen. Mittlerweile sind das im Durchschnitt rund hundert Adressen – die Liste wird von Jahr zu Jahr länger. „Wir werden ganz unterschiedlich empfangen“, resümiert Friedhelm Schick. „Du klingelst und weißt nicht, was kommt. Wirst du hereingebeten oder unfreundlich abgefertigt?“, schildert Helgard Volk. Das geschehe zunehmend häufiger, kann sie aber nicht abschrecken.

Martin Wille, der Geburtstagskindern in Medinghoven mit Karte und Büchlein gratuliert, berichtet, dass in den Hochhäusern etwa die Hälfte der Bewohner, bei denen er schellt, erst gar nicht öffnen. „Das sind meistens alleinstehende Frauen, die sich ängstigen“, vermutet er. Wenn er die Gelegenheit bekomme, die Befürchtung, er sei Staubsaugervertreter, zu entkräften, sich auszuweisen und sein Sprüchlein zu sagen, dann würde er sogar oftmals zum Kaffee eingeladen. „Mir geht es nach, wie viele Menschen in den Hochhäusern einsam sind.“ Wie oft stellt das Team fest, dass sie die einzigen Besucher sind, die zum Geburtstag vorbeikommen. Für jeden Besuch ist etwa eine halbe Stunde einkalkuliert. „Wenn der Gastgeber ins Erzählen kommt, dauert es länger.“ Denn wichtigste Aufgabe ist Zuhören.

Religiöse Unterhaltungen sind nicht die Normalität

Unterm Strich überwiegen die guten Erfahrungen, ist einhellige Meinung des Teams. Alle sind längst im Ruhestand, im Alter zwischen 70 und 80 Jahren und haben für die freie Zeit ein Ehrenamt gesucht. Die ehemalige Richterin, die Bankerin oder der Staatssekretär haben eine Aufgabe gefunden, die sie erfüllt. Sie sind mit Engagement, aber auch mit der erforderlichen Professionalität bei der Sache. „Man muss sich abgrenzen, sonst wird man angesichts mancher Schicksale verrückt“, sagt Georg Schwikart. Denn die Möglichkeiten des Besuchsdienstes, Menschen aus Einsamkeit oder Not herauszuholen, seien begrenzt. Mancher wird seit Jahren am Geburtstag aufgesucht. Und die Begrüßung: „Da sind Sie schon wieder“, lässt sich übersetzen mit „wie die Zeit vergeht.“

„Es ist mitunter belastend, was die Menschen erzählen“, schildert Ingrid Bergemann. „Erlebnisse von Krieg, Flucht, Krankheit und Leid. Manche leben hier in großer Armut. Und dann die Einsamkeit.“ Über Familienfotos an der Wand lasse sich oftmals das Gespräch in Gang bringen. Das Bild der Enkel und das stolze Aufzählen der Namen könne sogar ein Freudestrahlen herbeizaubern.

Bei der Begrüßung heben die Mitglieder des Besuchsdienstes selbstverständlich hervor, in wessen Auftrag sie vorbeikommen: im Namen der evangelischen Kirchengemeinde Hardtberg, die insgesamt 5300 Mitglieder hat. „Das ist Kirche vor Ort“, erläutert Georg Schwikart. „Wir folgen dem Konzept, dass Kirche hingeht, statt dass Gläubige zu uns kommen sollen.“ Ein weiteres Besuchsteam um Maria Krüger-Sprengel begleitet seit 2018 stundenweise alte Menschen, die krank und hilfsbedürftig sind. „Wir machen keine Hausarbeit“, betont sie. Der Besuch sei dem Zuhören, dem Vorlesen und dem Trösten vorbehalten. Außerdem werde erfragt, ob der Wunsch nach einem Gespräch mit dem Pfarrer besteht.

Religiöse Unterhaltungen seien nicht die Normalität, bilanziert Burkhard Boehm. Er berichtet von einem älteren Herrn, der darauf aus war, sein Kontra gegen die Kirche im heftigen Streitgespräch durchzufechten. „Keinesfalls missionieren wir“, betont Schwikart. „Der Begriff ist außerdem negativ und überhaupt nicht mehr zeitgemäß.“ Am Ende findet sich bei schwierigen Fällen, die gar feindselig und aggressiv reagieren, kein Mitarbeiter, der ihnen einen Besuch abstatten möchte. „Auch für Neuzugezogene steht ein Besuchsdienst parat“, berichtet Friedhelm Schick. „Schließlich wächst der Stadtbezirk stark.“ Auf dem ehemaligen Gelände der Gallwitzkaserne werden derzeit 500 Wohnungen gebaut – ein neuer Ortsteil mit mindestens 1000 Neubürgern. Allerdings sei der Rücklauf bei Begrüßungsbriefen gering. Auf hundert Briefe käme eine Rückmeldung für ein Gespräch, so Schick. „Aber das Angebot steht.“

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