Wohnen mit Weitblick

Medinghovens Weg vom Problemviertel zur Normalität

Medinghoven. Den Anblick der an den Waldhang gequetschten Hochhäuser muss man nicht unbedingt mögen. Und Spottnamen wie "Legoland" und "Affenfelsen" sind nicht schmeichelhaft. Dennoch: Der frühere Problemstadtteil Medinghoven hat sich zu einem Musterviertel entwickelt.

Das findet zumindest die dortige Bürgerinitiative Biss, wobei die Kurzform für "Schöner Stadtteil" steht und nicht etwa für "Sicherheit und Sauberkeit". Aber genau in diesen beiden Punkten hat Medinghoven keine Probleme mehr. Und für die Bürgerinitiative ist das ein guter Grund, um 16 Jahre nach ihrer Gründung festzustellen: "Wir haben unser Ziel erreicht", so der Vorsitzende, Bernd Müller, beim jüngsten Treffen. Demnach darf man alles über Bord werfen, was man bisher an Vorurteilen hatte.

Sicherheit: "Wir registrieren hier keine Einbrüche in Wohnungen und haben auch ansonsten eine sehr, sehr geringe Zahl an Straftaten", sagt Bezirkspolizist Gerd Wagner. Die Kriminalstatistik belegt dies: Seit 2012 sind die Straftaten so deutlich wie in keinem anderen Bonner Stadtteil gesunken. Wagner weiß aus Erfahrung: Mehr als 90 Prozent der Leute, die früher mal der Polizei wegen Delikten auffielen, sind auf einem guten Weg, hätten Jobs und Familie und sind unauffällig.

Mehr noch: Sie würden darauf achten, dass "ihr" Medinghoven "sauber" bleibt. "Als neulich 3000 neue Isolierfenster für LEG-Wohnungen an der Briandstraße draußen gelagert wurden, ist kein einziges Fenster beschädigt oder entwendet worden", so Müller stolz. Im Gegenteil: Die jungen Bewohner hätten nachts Wache gehalten, damit durchfahrende "Sammler" sich nicht an dem Material vergreifen, das für "ihre" Wohnungen bestimmt war.

Sauberkeit: Dreck auf der Straße und Sperrmüllhaufen wird man selten finden. Woanders gibt es illegale Schmierereien, in Medinghoven kaum. Das große Graffito auf der Wand einer Gasstation an der Ladenzeile am Europaring, das kürzlich eingeweiht wurde, ist ein legales Kunstprojekt von zehn Jugendlichen. "Hier wurde Energie in Kreativität umgewandelt", sagte Bezirksbürgermeisterin Petra Thorand bei der Einweihung. "Die Farbigkeit spiegelt wider, wie vielfältig unsere Stadt ist." Größtes Problem mit Dreck: Manchmal blasen Hausmeister das Laub von den Wiesen auf die Straße.

Vandalismus: Auch hier ist der Stadtteil unauffällig, sagt die Bürgerinitiative. Noch in Erinnerung ist die Brandserie vor einigen Jahren: "Das war ein alkoholkranker Deutscher, der schwarze Spinnen gesehen und sie angezündet hat, um sie zu vertreiben", sagt Bernd Müller. Seit der Mann in der Psychiatrie ist, seien die Brände Vergangenheit.

Infrastruktur: Vier der zehn Hochhäuser sind von Eigentümern bewohnt, sechs von Mietern. Die Wohnungen sind groß, die Häuser grundsolide. Die Fassaden von fünf Hochhäusern wurden noch nicht saniert, aber fast alle Eingänge und Briefkästen sind neu, Sprechanlagen und Namensschilder sind modern. Die Fluktuation der Mieter ist sehr gering. "Es gibt in Medinghoven keine leer stehenden Wohnungen", sagt Müller. "Das ist anders als nach dem Berlin-Umzug 1999, als sich die Mieterklientel stark änderte." Es gebe auch heute noch viele Langzeitarbeitslose, arbeitssuchende Migranten und Transferempfänger, aber: "Die Wohngesellschaften greifen durch und kündigen, wenn die Miete nicht bezahlt wird."