Holger Jan Schmidt: "Eine ganze Generation wird ignoriert"

Holger Jan Schmidt : "Eine ganze Generation wird ignoriert"

Die Rheinkultur hat 22 Jahre lang seinen Sommer bestimmt. 2012 ist für Holger Jan Schmidt (40) das erste Jahr ohne das Festival für Rock, Pop, Folk, Hip-Hop und früher auch für Jazz, das zuletzt 160.000 Menschen in die Rheinaue lockte. An diesem Samstag wäre es wieder soweit gewesen. Es hätte das 30. werden sollen. Doch Geschäftsführer Schmidt und seine Mitgesellschafter sahen für das eintrittsfreie Festival keine Zukunft.

Schmidt ist Geschäftsführer des Bonn Promotion Departement (BN*PD) und Vorstandsmitglied des Vereins "Sounds for Nature Foundation". Er sitzt in seinem Büro in der Beueler Tapetenfabrik, hinter ihm eine gigantische Luftaufnahme der Rheinaue mit den Menschenmassen, gegenüber eine fast so große Aufnahme von Angus Young, dem Gitarristen von AC/DC, für die sein Herz brennt. Wie lebt es sich ohne die Rheinkultur? Schon bevor die Eingangsfrage gestellt ist, schießt Schmidt los. Mit ihm sprach Cem Akalin.

Holger Jan Schmidt: Für die Unter-30-Jährigen ist die Rheinkultur das wichtigste Thema, noch vor dem WCCB.

Sie sprechen von der jüngsten Infas-Umfrage.
Schmidt: Genau. Wenn das nicht mal ein Symbol ist.

Was meinen Sie damit?
Schmidt: Wer sich dem verschließt, was die populäre Musikkultur für die Menschen dieser Stadt darstellt, der ignoriert eine ganze Generation.

Wen sprechen Sie damit an?
Schmidt: Die Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung.

Der Runde Tisch Musik beschäftigt sich mit dem Thema.
Schmidt: Und das ist eine große Hoffnung, die ich habe. Ich habe dort Zustimmung und Unterstützung aus den Reihen nahezu aller Vertreter gespürt. Von der Klassik bis zu den Kirchenmusikern. Das hätte ich gar nicht erwartet, aber in der Kulturszene gibt es offenbar ein klares Gefühl für die Relevanz unseres Genres. Ein kleines Pflänzchen Hoffnung, das jetzt hoffentlich mehr Wasser bekommt. Nachdem das Feigenblatt Rheinkultur verschwunden ist, sieht man deutlich, wie groß die Leere ist - die Unterstützung der Popularkultur liegt bis dato völlig brach und muss ein Schwerpunkt in der Zukunft werden.

Der Posten von 80.000 Euro, der jährlich als Zuschuss für die Rheinkultur floss, ...
Schmidt: ...war ja nie angemessen, wenn man sieht, was die Rheinkultur an "internationaler Strahlkraft" gebracht hat, die der Stadt so wichtig ist. Ich bezweifel, dass viele der Einrichtungen, die den Großteil des Kulturhaushaltes zur Verfügung haben, aber nur von maximal zehn Prozent der Bürger genutzt werden, da mithalten können. Beim Preis-Leistungs-Verhältnis sowieso nicht... (lacht) Allerdings gibt es die noch, uns nicht.

Der jetzt verbliebene Zuschuss für die Rheinkultur, die ja dieses Jahr nicht stattfindet, soll wohl auch vornehmlich der Klassiksparte zugute kommen.
Schmidt: Eigentlich sind meine Informationen, dass der Kämmerer den ins Sparschwein gesteckt hat. Sollte es aber tatsächlich so sein wie Sie sagen, wäre das ein Schlag ins Gesicht. Aber es war ja früher schon so, dass die Wertschätzung unserer Arbeit bei der Stadt unterrepräsentiert war. Das muss und soll sich ändern. Unsere Kultur wird derzeit im Promillebereich des Kulturhaushaltes unterstützt. Das bedeutet für mich, dass Bonn zwar Beethovenstadt ist, aber keine Musikstadt.

Tun Sie den Beethovenfreunden da nicht unrecht?
Schmidt: Moment mal! Ich habe mit Beethoven gar kein Problem. Das ist ein Pfund, mit dem eine Stadt wie Bonn wuchern muss. Aber man darf dabei nicht alles andere aus den Augen verlieren, und Pop ist meines Erachtens der weitreichendste Zweig unserer Zeit - quer durch alle Generationen und Spielarten wie Musik, Literatur, bildende Kunst, Tanz.

Der erste Sommer ohne Rheinkultur. Wie empfinden Sie das?
Schmidt: Als der Sommer kam hatte ich wieder dieses drückende Bauchgefühl. Es ist wohl so ein gelerntes Verhalten, das ich mit den Jahren verinnerlicht habe. Ich musste mir vergegenwärtigen, dass es keine Rheinkultur mehr gibt, und dann ging es weg. Es ist ein ungewohntes, aber auch schönes Gefühl, den Druck nicht mehr zu haben, nicht mehr vom Wetter eines einzigen Tages abhängig zu sein.

Der Erfolg einer Rheinkultur war stark vom Wetter abhängig.
Schmidt: Absolut. Leute, die keine Karten kaufen müssen, entscheiden spontan, und wenn es einen dann so hart trifft wie uns 2010, gibt's Probleme.

Danach mussten Sie eine große Rettungsaktion starten.
Schmidt: Das hat unglaublich viel Kraft und Energie gekostet, aber auch dazu geführt, dass wir uns am eigenen Schopf mit Hilfe der Fans aus dem Schlamassel haben ziehen und eine erfolgreiche letzte Rheinkultur haben machen können. Dass es die letzte war, stand allerdings zu dem Zeitpunkt noch nicht fest. Generell gilt aber: Ich bin dankbar und glücklich, dass ich ein Teil der Rheinkultur sein durfte und etwas für meine Heimatstadt mit internationaler Klasse habe leisten können.

Als Sie im vergangenen Winter das Aus des Festivals verkündet haben, sagten Sie: "Am Ende lebte die Rheinkultur von uns, und nicht wir von der Rheinkultur."
Schmidt: Das stimmt. Es war einfach ein Missverhältnis zwischen dem, was wir für das Festival haben leisten müssen, und dem, was für uns dabei herauskam. Mal ganz abgesehen von Verantwortung und Risiko. Das hatte ja Dimensionen angenommen, die wir als Privatpersonen, die das nahezu ehrenamtlich geleistet haben, nicht mehr vertreten konnten.

Gab es niemanden, dem Sie die Aufgaben übertragen konnten?
Schmidt: Wer wären wir denn, mit unseren mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung und dem großen Know-how für uns zu entscheiden, es geht nicht mehr und es dann einfach an Unerfahrenere zu geben, um sie einem Risiko auszusetzen, das wir nicht bereit waren, zu gehen. Das hielte ich für unverantwortlich. Und das wiederum ist eine Eigenschaft, für die die Rheinkultur zurecht nie bekannt war. Wir haben diese Mammutaufgabe am Ende nur aufgrund unserer guten Verbindungen, unseres guten Netzwerks und unseres Know-how bewältigt, und ich behaupte, dass das auch kein anderer könnte.

Gab es keine Alternativen?
Schmidt: Nein, wir haben über die Jahre viele Rechenexempel durchgespielt, natürlich auch die ganze Eintrittsnummer. Wir mussten aber am Ende sagen: Es hätte ein komplett neues System gebraucht, aber auch eine angemessene öffentliche Förderung, die dem Stellenwert eines solchen Großereignisses entspricht, und Großsponsoren, die wir auch nach der Retteraktion nicht bekommen haben, von denen es in dieser Stadt aber genug gegeben hätte.

Sicherlich keine einfache Entscheidung.
Schmidt: Sie können sicher sein, dass sich die acht Gesellschafter die Entscheidung nicht einfach gemacht haben.

Wie geht's weiter?
Schmidt: Wir fahren die Gesellschaft herunter und überführen sie in eine Form, in der unsere Rechte gewahrt bleiben und wir das Andenken der Rheinkultur wahren können.

Dann ist endgültig Schluss...
Schmidt: Ja, aber das ist doch seit langem klar. Wir haben einen Schlussstrich gezogen und nicht gesagt, dass wir eine Pause einlegen. Und ich darf sagen, es ist ein Prozess der Erleichterung. Jetzt können wir uns endlich anderen Dingen widmen, für die wir nie Zeit und freie Kapazitäten hatten.

Was sind das für Dinge?
Schmidt: Für uns waren bei der Rheinkultur Themen wie Nachhaltigkeit und Umwelt, aber auch Sicherheit immer Schwerpunkte. Meine Kollegin Sabine Funk ist für letzteres eine anerkannte und gefragte Fachfrau und leistet in diesem Bereich Großartiges. Ich führe die Idee von "Rheinkultur green rocks" weiter. Sabine und ich sind Vorstandsmitglieder der Sounds for Nature Foundation und haben 2010 die GreenEvent Europe Konferenz ins Leben gerufen, die in diesem Jahr im November zum dritten Mal in Bonn stattfinden wird. Wir erwarten wieder 150 Teilnehmer aus ganz Europa. Da kommen die Kollegen von großen Festivals. Ich bin auch Anchorman für den "Grünen Bereich" bei der europäischen Festivalorganisation Yourope. Ich sitze im Steuergremium der internationalen GO Group (Green Operations Europe). Wir veranstalten europaweit Workshops und sprechen auf Tagungen zu diesem Thema. Diese Verbindung von Umweltschutz und Festival ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit.

Entertainment und Umwelt?
Schmidt: Natürlich, ich habe doch eben über die Relevanz unseres Genres gesprochen. Festivals sind selbst starke Marken, die bei ihren Fans sowohl Begeisterung als auch positives Umdenken hervorrufen können. Hier setzen wir beispielsweise mit "Green Spots" an, einem Videowettbewerb, den Sounds For Nature gemeinsam mit Naturwatt initiiert hat, bei dem jeder mitmachen kann und der Menschen dazu bringen soll, sich selbst Gedanken zu machen, wie sie umweltfreundlicher feiern und auf Konzerte und Festivals gehen können. Was, denken Sie, verursacht beispielsweise die meisten Emissionen bei einem Festival?

Müll, Flaschen, Verpackungen, Becher...
Schmidt: Falsch. Es ist die Publikumsanfahrt. Der Müll spielt natürlich auch eine große Rolle, vor allem bei Festivals mit Camping. Da ist das Verhalten vieler Menschen tatsächlich zum Teil erschreckend: Sie zelten und feiern drei Tage lang, verschwinden dann und lassen einfach alles zurück: Zelte, Isomatten, Schlafsäcke...

Was kann man tun?
Schmidt: Aufklären, anregen und motivieren und zwar in einer Form, die nicht bevormundet, die positiv ist, aber auch ruhig zum Nachdenken anregen kann. Das tun wir beispielsweise über die Initiative "Love Your Tent", deren deutscher Partner wir sind. Wir treten mit Sounds For Nature in Kontakt mit dem Publikum, aber auch mit den Veranstaltern. Wir geben konkrete Hilfe mit unserem Leitfaden, der zusammen mit dem Bundesamt für Naturschutz entstanden ist, und schicken zum ersten mal unsere Green Teams los.

Die gab es bei der Rheinkultur auch.
Schmidt: Das war eine Erfindung der Rheinkultur. Die Teams schicken wir jetzt zu fast 30 Festivals, wo sie sich einen Eindruck im Bezug auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit machen. Wir hoffen, so einen Überblick zu gewinnen, den es bis dato noch nie von der deutschen Festivalszene gab.

Was machen Sie noch?
Schmidt: Alles was wir machen, sammelt sich in "The Competence Network", einem Kompetenzzentrum, das hier in der Tapetenfabrik sein Zuhause hat. Sabine leitet das IBIT, das Internationale Bildungs- und Trainingszentrum für Veranstaltungssicherheit, gibt Schulungen und berät. Wir arbeiten auch als Produktions- und Stagemanager bundesweit für andere Veranstalter. Ich vermittle Künstler, mache Medienarbeit für viele Konzerte, auch die Kunst!rasen-open Airs, und bin nebenher noch Musiker bei den Dirty Deeds '79.

Der AC/DC-Coverband aus Bonn...
Schmidt: Genau, ich darf dort Bass spielen und regel das Organisatorische. Es ist ein toller Ausgleich, selbst auch aktiv auf der Bühne stehen zu können, seine Lieblingssongs spielen zu dürfen und damit auch noch etwas Geld zu verdienen. Und ich habe noch viele andere Ideen. Jetzt, da wir diesen Freiraum haben, sprudeln sie nur so heraus.

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