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Selbstmordanschlag in Somalia: Die Spur führt nach Bonn

Selbstmordanschlag in Somalia : Die Spur führt nach Bonn

Bonn, Kölnstraße, Dezember 2003. Im Sportpark Nord laufen die Fußball-Hallenmasters des Bonner SC. Unter den zwei Dutzend A-Jugend-Mannschaften sind auch die Jungs vom 1. SF Brüser Berg. Auf ihrem Weg in die Finalrunde gibt es mehrere Erfolgsfaktoren.

Einer ist dunkelhäutig, schlaksig und vor allem schnell: Zwei Treffer haut Abdirazak B. beispielsweise dem Torwart des FC Pesch in die Maschen, weitere Tore folgen.

"Klar, der Abdi" - zumindest vage erinnern sich Altersgenossen gegenüber dieser Zeitung an den Mitspieler von damals, der gern auch mit dem Spitznamen "Zak" versehen wurde. Bestätigen sich die jüngsten Berichte aus dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Somalia, so ist der damals 17-Jährige seit Sonntag tot. Gestorben im Namen des Heiligen Krieges. Als Selbstmordattentäter.

Wie ein Erdbeben habe die Detonation der Bombe gewirkt, berichten Augenzeugen. Mit einem Lastwagen ist der Selbstmordattentäter bis an das Jazeera Hotel herangefahren. Das Haus an der Straße zum Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu beherbergt ein internationales Publikum.

Bei der Explosion sterben 15 Menschen, weitere sind noch in Lebensgefahr. Der Täter sei ein Mann aus Bonn gewesen, legt sich ein hochrangiger somalischer Geheimdienstmitarbeiter vor Ort gegenüber europäischen Medien fest. Zurückhaltender geben sich die Behörden in Deutschland.

Aus einer SMS von Abdirazak B.Todesmeldungen aus den Bürgerkriegsgebieten dieser Welt gibt es derzeit reichlich; und allzu oft stellen sie sich nach einiger Zeit als falsch heraus - weil eine Verwechslung vorliegt, sich zwei islamistische Kampfnamen gleichen oder eine Kriegspartei ganz bewusst eine Falschmeldung lanciert.

Ob es sich bei dem Täter von Sonntag also tatsächlich um den 29-jährigen Abdirazak B. handelt, dürfte zweifelsfrei wohl nur eine DNA-Analyse der sterblichen Überreste erweisen. Und doch, die Wahrscheinlichkeit ist hoch: Zumindest, so ist aus Kreisen der Sicherheitsbehörden zu hören, stimmen sämtliche Schilderungen des Attentäters, die aus Somalia nach Deutschland dringen, mit den Erkenntnissen hiesiger Ermittlungsbehörden überein.

Ein alter Bekannter

Für sie ist der gebürtige Libyer, der auch somalischer Staatsbürger ist, ein alter Bekannter: Als ihn Beamte des Landeskriminalamts im September 2008 am Flughafen Köln/Bonn kurz vor Abflug nach Uganda aus dem Flugzeug holen, haben die Behörden ihn schon länger als möglichen Terrorverdächtigen im Visier. Neben ihm im Flieger sitzt Omar D., auch er hat somalische Wurzeln. "Wir sehen uns im Paradies", hatten sie einander per SMS versichert.

Für einen dringenden Tatverdacht genügt das der Staatsanwaltschaft seinerzeit nicht. Die beiden dürfen gehen. Was sie in Uganda wollten, ob etwa ein Terrorcamp ihr Ziel war, bleibt offen. In Polizeikreisen wird zu diesem Zeitpunkt längst offen von einer "Bonner Zelle" der Somalier gesprochen. Zwar bleibt die Gruppe mit rund 15 Personen zahlenmäßig stets überschaubar; allerdings wird auch in Sicherheitskreisen rückblickend nicht mehr ausgeschlossen, dass sie gerade deshalb zu lange unterschätzt wurde.

Abdirazak B. auf dem Absprung

Vier Jahre, bis zum 10. Dezember 2012, dauert es, bis die beiden erneut im Zentrum einer Großfahndung stehen. Doch auch diesmal, nach dem gescheiterten Bombenanschlag am Bonner Hauptbahnhof, erhärtet sich der Anfangsverdacht gegen die beiden Somalier nicht. Bekanntlich muss sich inzwischen ein anderer Angeklagter für diese Tat vor Gericht verantworten. Während Omar D. damals nach einigen Verhören auf freien Fuß kommt, ist Abdirazak B. bereits auf dem Absprung.

Und diesmal gelingt er. Um die Jahreswende 2012/13 reist er über Ägypten nach Somalia. Dorthin folgt ihm 2013 auch sein Freund Omar D. und pflegt vor Ort auch Kontakte zu drei Brüdern, die es aus Bonn-Tannenbusch - wo auch Abdirazak B. wohnte - ins Land der Vorfahren zog. "Familientrip in den Dschihad" lautet eine Schlagzeile, weil einige der Männer Frauen, Kinder und eine Mutter mitgenommen haben.

Prozess in Frankfurt

Die drei Brüder gehören wie Omar D. zu jenem Bonner Sextett, das aus Ostafrika zurückkehrte und sich seit Mitte Juni vor dem OLG Frankfurt verantworten muss. Der Vorwurf: Unterstützung von Al-Shabaab. Der Prozess in Frankfurt wird am Mittwoch fortgesetzt. Möglicherweise kommt dabei bald auch zur Sprache, welche Rolle Abdirazak B. bei den Tatvorwürfen spielte. Sofern sich die jüngsten Nachrichten bestätigen, wird man ihn nicht mehr befragen können.