Gemeinnützige Werkstätten: Spontaner Einsatz für Haribo

Gemeinnützige Werkstätten : Spontaner Einsatz für Haribo

Was haben das Bundespresseamt, Haribo, die Wirtgen Group, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und Eaton gemeinsam? Auf den ersten Blick überhaupt nichts. Auf den zweiten schon: Sie sind Auftraggeber der Gemeinnützigen Werkstätten Bonn (GVP). Und lassen Teile ihrer Produktion - zum Beispiel Geschenkpakete, Prospekte oder Promotionsets - in Beuel an der Maarstraße lagern und verpacken.

Das eigentlich Besondere aber sind nicht die Unternehmen, sondern die GVP selbst. Denn in den Werkstätten, die zum Bonner Verein für gemeindenahe Psychiatrie gehören, arbeiten ausschließlich psychisch kranke Menschen.

Ziel ist es, den chronisch psychisch Kranken den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt zu ebnen, erklärt Vorstandsvorsitzender Wolfgang Pütz. Normalerweise seien diese Angebote relativ hochschwellig. Nicht so in Bonn. "Wir sind eine niederschwellige Werkstatt, das ist relativ einmalig."

Die Arbeit besteht aus drei Bausteinen. Zum einen wäre da das Spontanarbeitsangebot an der Eifelstraße in Bonn. "Jeder kann dort selbst entscheiden, ob er kommt und wenn ja, wie lange er arbeiten möchte", erklärt Pütz.

Dies diene vor allem dazu, Ängste abzubauen - unter anderem vor Überforderung. Denn häufig befürchteten psychisch Kranke, Rückfälle zu erleiden, wenn sie sich zu viel zumuten, erklärt Pütz. Deswegen schreckten viele vor einem festen Arbeitsverhältnis zurück.

Der zweite Baustein ist ein Angebot an der Maarstraße, das verbindlicher ist. Es ist quasi die Vorstufe zu den Werkstätten. Dort können die potenziellen GVP-Arbeitnehmer schon einmal einen Blick in die Werkstätten werfen, die der dritte Baustein des Konzepts sind.

"Wir haben eine differenzierte Förderung", erklärt Pütz. Denn an der Maarstraße arbeiten sowohl Analphabeten als auch zweifache Studienabgänger.

Wie viel zu tun ist, entscheidet die Auftragslage. "Das ist auch sinnvoll. Unsere Mitarbeiter wollen nicht beschäftigt werden, sie wollen arbeiten", sagt Bereichsleiter Detlef Werner. Und Pütz ergänzt: "Die Herausforderung ist, die Aufträge zu bekommen."

Die Zeiten, in denen der Markt den Werkstätten die Aufträge zugeschustert habe, seien lange vorbei. "Deswegen haben wir uns überlegt, dass wir selbst ein Vermarktungskonzept brauchen." Man habe sich zusammengesetzt und sich Gedanken über die Kernkompetenzen der GVP gemacht: Versand - Montage - Lagerung. Diese Schlagwörter galt es zu transportieren - im Logo der "Konfektionierer", dem Namen der GVP-Truppe.

Das Konzept scheint aufzugehen. In den verschiedenen Räumen an der Maarstraße herrscht reger Betrieb. Da werden zum Beispiel Haribo-Pakete für Kioske und Duty-Free-Shops zusammengestellt, hochwertige Schuhspanner verpackt, bei der Bundesregierung bestellte Infomaterialien eingetütet und Montagearbeiten durchgeführt.

Außerdem gibt es im Logistikzentrum mehr als 8000 Palettenstellplätze, unter anderem für Prospekte oder Teile von Straßenbaumaschinen - Tendenz steigend. Zum Abschluss wird jedes Paket mit den "fairsendet-" und "fairpackt-Siegeln" bestückt. Ein Punkt, der vielen Unternehmen wichtig ist.

Der Branchenmix hilft. So habe man die Finanz- und Wirtschaftskrisen gut überstanden, sagt Pütz. "Die Süßigkeitenbranche ist zu dieser Zeit explodiert." Dennoch befinde man sich in einem ständigen Spannungsverhältnis: Aufträge sind wichtig, damit die Menschen kommen.

Allerdings muss man auch marktfähig sein. Außerdem gehe man Verträge ein, bei den Mitarbeitern aber entscheide sich erst morgens, "wie sie drauf sind und was sie an dem Tag leisten können". Deswegen werde jeder Tag sehr flexibel gestaltet.

Eins aber gilt auf jeden Fall: "Dass wir auch für bekannte Unternehmen arbeiten, ist für das Selbstwertgefühl der Mitarbeiter sehr wichtig." Und deren Begeisterung ist deutlich zu spüren. Egal ob sie für Haribo, Wirtgen, das Bundespresseamt oder Eaton im Einsatz sind.

Die Werkstätten

Die Gemeinnützigen Werkstätten Bonn ähneln einem mittelständischen Unternehmen, erläutert Wolfgang Pütz vom Bonner Verein für gemeindenahe Psychiatrie. Es gibt dort 470 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, darunter sind zwei Auszubildende.

So werden zum Beispiel Rentenversicherungsbeiträge für die Mitarbeiter gezahlt, und zwar "auf Basis der Einzahlungen für einen durchschnittlichen Arbeitnehmer". So werde gewährleistet, "dass die psychisch kranken Menschen dem Staat nicht mehr zur Last fallen als alle anderen auch". Entgegen einiger Meinungen werde in den Werkstätten kein Geld verbrannt.

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