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Interview am Wochenende: Senioren lebt von ihrer Erfahrung“

Interview am Wochenende : Senioren lebt von ihrer Erfahrung“

Die Go.old Senior Company ist mit ihrem Tanztheaterstück „Unbekanntes Land“ zum 3. Seniorentheatertreffen WILDwest eingeladen. Bereits 2012 waren sie beim 1. Festival Gast im Consel Theater Gelsenkirchen mit ihrem Stück „Vom Suchen und Finden“.

Frau Wegener, Ihr Tanzprojekt heißt Go.old. Müssen Sie sich als Tänzerin, wo es stark auf Fitness ankommt, früher mit dem Thema Altwerden befassen als andere?
Gudrun Wegener: Was meine eigene tänzerische Arbeit anlangt, natürlich schon, aber ich arbeite auch schon lange als Regisseurin und Choreographin. Und ich hatte es in meinen Workshops und Kursen eigentlich immer mit Menschen ganz unterschiedlichen Alters zu tun.

Warum haben Sie sich entschlossen, sich bei diesem Projekt auf Senioren ab 55 Jahren zu konzentrieren?
Wegener: Ältere Menschen haben eine besondere Art, Bewegungen zu füllen. Da fließt unheimlich viel Lebenserfahrung mit ein und die Präsenz auf der Bühne ist eine ganz andere, geprägt vom Leben. Das habe ich eigentlich immer schon spannend gefunden.

Gibt es weitere Unterschiede zur Arbeit mit jüngeren Menschen?
Wegener: Natürlich gibt es in diesem Alter schon bei einigen körperliche Einschränkungen, die man berücksichtigen muss. Man muss mehr Wiederholungen machen. Einfach mehr Geduld haben, weil es mal länger dauern kann. Aber es ist dann spannend, wenn man sieht, wie sich aus den anfänglichen „Einschränkungen“ neue kreative Formen entwickeln lassen.

Was meinen Sie damit?
Wegener: In einer vorherigen Inszenierung haben wir die Schwierigkeiten, vom Boden aufzustehen, thematisiert. Da steckt ein Witz drin, und der wurde dann eingebaut, und es entstand eine fulminante Nummer zweier Paare, wo der Mann versucht, der Frau vom Boden hochzuhelfen. Es ist meine Aufgabe als Regisseurin, einen solch beiläufigen Witz zu erkennen und umzusetzen.

Wie kommt man an tanzwillige Senioren?
Wegener: Als ich die Idee hatte, habe ich einige Aushänge gemacht und den Aufruf über diverse Verteiler geschickt. Da kam ziemlich schnell ein guter Rücklauf. Derzeit gibt es 17 Teilnehmer, auf der Warteliste stehen etwa 20. Die Nachfrage ist also da.

Arbeiten Sie in den Projekten nur mit Amateuren?
Wegener: Ja, Profis sind nicht mit dabei. Aber alle haben Tanz- und/oder Theatererfahrungen.

Wie läuft das ab, bis das ganze Stück steht?
Wegener: Es gibt kein Drehbuch wie beispielsweise bei einem Theaterstück, das Stück entsteht aus Improvisationen, Gesprächen und tänzerischen Einheiten, die wir in der ersten Probenhälfte erarbeiten. Aus diesem Material entsteht das Gerüst, das wiederum weitergeführt und schließlich detailliert ausgearbeitet wird. Insgesamt proben wir etwa ein Jahr lang mit etwa 50 Proben á vier Stunden.

Die Darstellerinnen und Darsteller entwickeln mit?
Wegener: Ja, sie bringen ihre Ideen, Bewegungen und Texte mit ein, die ich dann verarbeite.

Welche Themen werden aufgegriffen?
Wegener: In „Unbekanntes Land“ geht es um die Kunst des Altseins und Altwerdens. Auch die Angst vor dem Sterben oder Krankheiten spielt natürlich eine Rolle. Aber Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, es würde nicht gelacht werden. Wir lachen sehr viel in unseren Proben und mir ist es wichtig, diesen ernsten Themen auch auf humorvolle Weise zu begegnen. Unser Publikum amüsiert sich also teilweise köstlich, ist aber auch sehr berührt und bewegt – dieses Ausloten eines Themas liegt mir am Herzen. Übrigens kommen immer mehr Jugendliche in die Vorstellungen. Ein Juror von Wildwest sagte zu mir nach der Vorstellung: „Wisst ihr eigentlich, wie aktuell der erste Teil eurer Inszenierung zur heutigen Flüchtlingssituation passt.“ Er hatte völlig recht, aber es war mir nicht aufgefallen. Ich mag es, wenn Geschichten auf mehreren Ebenen erzählen und dem Zuschauer Interpretationsräume anbieten.

Was steht als Nächstes an?
Wegener: Für „Unbekanntes Land“ könnte es in Gelsenkirchen die letzte Aufführung sein. Wir proben für das neue Stück „Zumutungen“, das im November in der Brotfabrik Premiere haben wird.