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Nach Hartz IV: Bonner Geschäftsführer berichtet über Arbeitslosigkeit

Neustart nach Hartz IV : Ehemaliger Geschäftsführer schildert Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit

Der ehemalige Personalrat und Geschäftsführer Rainer Bohnet war vier Jahre arbeitslos und schildert seine Erfahrungen. Die gesellschaftspolitische Crux sei, dass man nach Arbeitslosengeld I sofort auf Hartz IV-Niveau absacke.

Wer auch immer den arbeitslosen Rainer Bohnet danach fragte, was er beruflich mache, erfuhr von ihm, dass er Eisenbahner sei. Und zwar mit Leib und Seele. „Und wer dann noch wissen wollte, wo ich denn arbeite“, sagt Bohnet, bekam von ihm zu hören, das er zurzeit erwerbslos sei. Schon vor 20 Jahren hatte er seinen sicheren Beamtenstatus als Personalrat bei der Bahn AG gegen die Freiberuflichkeit in der von ihm gegründeten Rhein-Sieg-Eisenbahn (RSE) getauscht.

2015 war damit für ihn Schluss, weil „die Chemie mit meinem Geschäftsführerkollegen nicht mehr stimmte“, berichtet er emotionslos. Denn Arbeit hatte er zwischen 2015 und dem Sommer 2019 zur Genüge. Nur ein Arbeitgeber fehlte. In den vier Jahren war er das, was man gemeinhin als arbeitslos bezeichnet. Eine Zeit, in der sich Menschen spätestens dann zurückziehen, wenn aus dem Arbeitslosengeld I (ALG I), das in der Regel 60 Prozent des letzten Nettogehalts ausmacht, das ALG II – besser bekannt als Hartz IV – wird.

Bohnert kritisiert Ungerechtigkeit beim Bezug von ALG II

Bohnet ist mit dem zermürbendem Zustand des Hartz IV-Empfängers mit monatlichen 400 Euro eineinhalb Jahre offensiv umgegangen und äußerte sich öffentlich zu seiner Misere. Bohnet ist ein durch und durch politischer Mensch. „Die gesellschaftspolitische Crux bei der Unterstützung ist, dass man nach ALG I sofort auf Hartz IV-Niveau absackt“, beklagt er und betont jedoch, dass er die Sozialleistung des Staates bei ALG I sehr schätze. Dass es beim Bezug von ALG II jedoch völlig irrelevant sei, wie alt man ist, wie lange man zuvor gearbeitet oder was man zuletzt verdient hat, sei eine schreiende Ungerechtigkeit. Das führe bei vielen Menschen zu dem Frust, dass sie nicht nachvollziehen können, warum sie mit Menschen gleichgestellt werden, die nie gearbeitet haben, so Bohnet. Das ließe sich politisch nicht vertreten.

Zudem habe er das Problem gehabt, was alle haben, die mit über 50 Jahren arbeitslos werden: „Da läuft nichts mehr“, sagt er. Er machte keinen Hehl aus seinem Dilemma, weil er bis dahin noch glaubte, dass sein ehrenamtliches Engagement als Kreisvorsitzender im Verkehrsclub Deutschland (VCD), Vorsitzender der Bonner Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), als Mitglied des DGB-Kreisvorstands Bonn/Rhein-Sieg und auch als Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Holzlar-Hoholz dazu führen könnte, dass man ihm einen Funktionärsposten anböte. „Wo ich mich jahrzehntelang eingesetzt habe, hätte ich mehr Unterstützung erwartet.“ Doch nichts passierte.

An Bohnets Engagement änderte das wenig. Er leitete weiterhin das Bonner Politik-Forum und initiierte die Kinderstadt Mini-Tabu in Bonn-Tannenbusch, um nur einige seiner Tätigkeiten für die Gesellschaft zu nennen. „Die Gewerkschaften und Vereine hätten mir nur jeweils eine Viertel-Stelle geben müssen, dann wäre alles gut gewesen“, sagt er ohne Groll und Larmoyanz. Im Gegenteil. Er verteidigt sie noch. „Die Organisationen sind ja alle nicht mehr so stark wie noch in den 1960er- oder 1970er-Jahren.“ Bohnet ist ein Kämpfer. Er weiß mit der Realität zu leben und macht sich nichts vor. Auch in der Arbeitslosigkeit habe er seine Wohnung ganz normal verlassen und sei seinem gesellschaftspolitischen Engagement nachgegangen.

Ehrenamt für zusätzliche Rentenpunkte

„Brotlose Kunst“, fasst er seinen damaligen Zustand ernst zusammen. Es war ihm wichtig, ein Teil der Gesellschaft zu bleiben und nicht als Verlierer stigmatisiert zu werden. Er blieb unvermindert in seinen Ehrenämtern aktiv. „Warum wird ehrenamtliche Arbeit in Deutschland nicht in irgendeiner Form vergütet?“ Die Frage drängte sich ihm nicht erst als Hartz IV-Bezieher auf. „Ein paar zusätzliche Rentenpunkte oder auch eine Aufwandsentschädigung müssten als Zeichen der Wertschätzung angeboten werden“, nennt er als Beispiel. Der Staat sei ja gar nicht überlebensfähig, wenn es nicht die vielen eherenamtlich engagierten Menschen gebe.

Seit Juli 2019, wo er sich auf eine Stelle als Fraktionsgeschäftsführer der Sankt Augustiner SPD bewarb, ist er wieder in Anstellung. „Gott sei Dank!“ Kein Neuland für den seit mehr als 30 Jahren außerparlamentarisch aktiven Bohnet. „Ohne Not werde ich mein ehrenamtliches Engagement nicht aufgeben“, sagt er. Es gebe genug zu tun: Die SPD müsse wieder auf die Füße gestellt werden, und mit dem VCD muss die Verkehrswende in Bonn eingeleitet werden. Ausbau des ÖPNV und Stärkung der Bahn seien für den konsequenten Radfahrer Herzensthemen.

Ein-Euro-Ticket sei „Schuss in den Ofen“

„Das Ein-Euro-Ticket der Lead-City Bonn ist ja ein Rohrkrepierer“, sagt er als Kreisvorsitzender des VCD. Schließlich seien bislang „nur“ 7000 von 17.000 Tickets verkauft worden. Nun sei er – nach Ablauf des bezuschussten Jahres – aufgefordert worden, seine Chipkarte zurückzugeben und sich ein Angebot für ein neues Jahresticket machen zu lassen, was knapp tausend Euro kosten würde. „Ich hatte schon frühzeitig mit dem VCD darauf aufmerksam gemacht, dass das Ticket der falsche Weg ist, weil es nur im Bonner Stadtgebiet und nur für Neukunden gilt.“

Auch dass es ein Sonderticket ist, was nicht mit anderen Verkehrsverbünden kompatibel ist, mache es sinnlos. „Schon wer mit dem 365-Euro-Ticket nach Köln oder Siegburg fahren wolle, könne es nicht anrechnen.“ Verkehrs- und umweltpolitisch sei das Ticket ein „Schuss in den Ofen“, da alle wieder auf das Auto umsteigen würden. Mit den Gewerkschaften macht er sich für die Bekämpfung des prekären Arbeitsmarktes und einer zunehmenden Altersarmut stark. Und er engagiert sich am Runden Tisch gegen Kinderarmut in Bonn. „Wenn mehr als 20 Prozent der Kinder im reichen Bonn als arm gelten, dann müssen wir etwas dagegen tun“, sagt er und hofft darauf, dass das Wir noch zunimmt.