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Kriegsende in Bonn-Oberkassel: Zeitzeugin erinnert sich - "spannendes Abenteuer"

Zeitzeugin über Kriegsende in Bonn : „Es war vielmehr ein spannendes Abenteuer“

Doris Bosselmann erinnert sich an das Kriegsende vor 75 Jahren. Sie begab sich mit ihrer Familie auf einen gefährlichen Aufstieg zum Stingenberg, dessen Stollen den Oberkasselern Schutz boten.

Der 19. März 1945 war der erste sonnig-warme Frühlingstag nach einem langen Winter. Schon seit mehr als drei Wochen hausten Alte, Kranke, Kinder und Bewohner aus Oberkassel Tag und Nacht im Steinbruch am Stingenberg, um sich vor der Bombardierung zu schützen. Unter ihnen war auch die damals sechsjährige Doris Bosselmann, Tochter von Chrysanth Steeg, der 33 Jahre Lehrer in Oberkassel war, ihr siebenjähriger Bruder sowie ihre Eltern.

„Eigentlich habe ich diese Zeit nicht als Bedrohung empfunden. Es war vielmehr ein spannendes Abenteuer“, sagt sie im GA-Gespräch. An diesem Märztag vor 75 Jahren sollte das wochenlange Ausharren der Oberkasseler in dem Stollen endlich ein Ende haben: Am 19. März 1945 erreichte die 78. amerikanische Infanteriedivision Beuel. Dieses Datum markiert auch für Oberkassel den Tag der Befreiung und damit das Ende des Krieges.

Die meiste Zeit saßen die Menschen im Dunkeln

Die Autobahn unterhalb des Steinbruchs am Stingenberg war damals noch nicht gebaut, das Gelände war urwüchsig und bewaldet, erinnert sich die Zeitzeugin. „Über den Büchel, früher Pützstraße, und einen schmalen Pfad Richtung Steiner Häuschen erreichten wir nach einer Klettertour über verschlungene und steile Wege den Stollen.“

Das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren: Mit Ankunft der Amerikaner trauen sich die Oberkasseler wieder nach draußen (oben). Die GIs fahren in einem Jeep durch das Dorf (unten links). Das dritte Bild zeigt Anwohner im Ortsteil Meerhausen am Eingang zum Stollen Stingenberg. Foto: privat

Ab Ende Februar 1945 stand Oberkassel unter starkem Beschuss, die Situation wurde für die Bevölkerung immer bedrohlicher. Bevor die Familie in den Steinbruch zog, räumten die Eltern noch rasch Möbel sowie Erinnerungsstücke in einen kleinen Keller außerhalb ihres Wohnhauses an der Zipperstraße. „Wir Kinder schauten derweil interessiert zum Himmel, wo ab und zu kleine graue Wölkchen auftauchten und plötzlich explodierten. Als ich meine Eltern während des geschäftigen Hin- und Herlaufens darauf aufmerksam machte, ahnte ich nicht, in welcher Gefahr wir uns bereits befanden“, so Doris Bosselmann. Eilig habe die Familie im Schein einer Petroleumlampe noch zu Abend gegessen, bevor man dann eilig das Haus verließ.

Für den Weg zum Steinbruch bekamen die Kinder noch ein paar Ratschläge. So hatte ihnen der Vater eingeprägt, dass sie sich sofort auf die Erde werfen sollen, wenn er „runter“ rief – damit sie kein Angriffsziel boten. „Beim vierten Haus machten wir bereits nach dem ersten Warnruf meines Vaters Bekanntschaft mit dem Kopfsteinpflaster der Zipperstraße. Ich weiß nicht, wie oft wir auf dem Boden lagen, aber es war sehr oft. Ein Pfeifton nach dem anderen sauste uns um die Ohren. Mein Vater lobte, wie gut wir die Sache machten, und ich war bemüht, ihn nicht zu enttäuschen. Das war wahrscheinlich lebensrettend“, berichtet die Zeitzeugin.

Doris Bosselmann berichtet vom Einmarsch der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg. Foto: Benjamin Westhoff

„Das Fallenlassen beherrschten wir bei Ankunft im Stollen aus dem Effeff, und ich war richtig stolz, so eine Abenteuerwanderung erlebt zu haben. Daher konnte ich gar nicht begreifen, dass meine Mutter weinend und schluchzend auf unserem Luftschutzbett zusammenbrach. Mir war es wie ein sportlicher Wettbewerb erschienen. Während mein Vater meine Mutter beruhigte, erklang von seiten der Höhlenbewohner, die sich alle viel früher als wir in Sicherheit gebracht hatten, der berechtigte Vorwurf: „Warum kommen Sie denn auch so spät!“

In dem Steinbruch hielten sich etwa 40 Personen auf. Viele hatten Betten, Matratzen, Pritschen oder Sessel und Liegestühle mitgebracht. „Wir mit unseren doppelstöckigen Luftschutzbetten, die etwa in der Mitte des Stollens zu beiden Seiten des Ganges aufgestellt waren, konnten vier Personen auf kleinstem Raum unterbringen. Meine Eltern schliefen in den beiden unteren Betten, mein Bruder und ich je im ersten Stock über den Eltern. Eine größere Nische in der Wand neben meinem Bett bot Platz für unsere Rucksäcke“, erinnert sich Bosselmann. Direkt hinter einem Bett hatte sich die Familie eine kleine Behelfsküche eingerichtet. Sie bestand aus einem Holzhocker, auf dem ein Kerzenleuchter sowie ein Spirituskocher standen. Aus Sparsamkeitsgründen wurde die Kerze nur selten angezündet. Die meiste Zeit des Tages verbrachten die Menschen daher in einer dunklen Höhle.

Oberkassel 2020, 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs; Anwohner im Ortsteil Meerhausen am Eingang zum Stollen Stingenberg Foto: privat

Damit die Ernährung gewährleistet war, musste täglich Nachschub herangeschafft werden. Während die Männer Wasser holten, versuchten die Frauen während der Feuerpausen Brot sowie Lebensmittel zu besorgen. „Meine Eltern wechselten sich ab bei der Versorgung der Familie, aber meistens war es mein Vater, der in unserem Haus an der Zipperstraße nach dem Rechten sah und Kartoffeln, Äpfel sowie Eingemachtes holte. Manchmal brachte er auch Spielzeug mit. Vor allem freute ich mich, als ich endlich meine Lieblingspuppe Maria in den Armen halten konnte“, sagt die Oberkasselerin.

Als man am 19. März von der Kuppe des Steinbruchs sah, dass sich amerikanische Truppen vom Rhein aus näherten, wussten alle, dass sie ihre Schutzbehausung bald verlassen können. „Ich glaube es war um die Mittagszeit des nächsten Tages, als wir wieder in unser Haus in der Zipperstraße zurückkehrten. Es war unberührt, zeigte jedoch erhebliche Beschussschäden“, erzählt Bosselmann, die auch heute noch in diesem Haus lebt.