Rheinreise mit dem Rad: Kaninchen sind Morgenmuffel

Rheinreise mit dem Rad : Kaninchen sind Morgenmuffel

Bei der Kombination der hohen Spritpreise und dem Plan, gesünder zu leben, nimmt die Idee, vom Auto aufs Rad umzusatteln, ruckzuck Gestalt an. Fitsein beginnt im Kopf. Also los: Mit dem aufgehübschten Uralt-Fahrrad - jetzt mit neuer Gangschaltung - aus dem Süden Oberkassels in Richtung Redaktion in Dransdorf.

Wasbei den ersten Touren noch reichlich anstrengend war, fällt von Tag zu Tagleichter. Denn zumindest die Strecke am Rhein entlang bis zur Kennedybrücke istwie ein kleiner Urlaub. Durch ein paar Wohnstraßen führt mich der Weg auf dieSimonstraße und dann durch die Bahnunterführung ans Oberkasseler Ufer.

JedenMorgen sind hier etliche Radler jeden Alters unterwegs und viele Menschen mitihren großen und kleinen Vierbeinern. Skater, Jogger (wohin laufen dieeigentlich?) und Mamis, Papas, Omis und Opas mit Kinderwagen sowie fleißigeGärtner der Stadt Bonn begegnen mir. Und ich überlege, wie viele QuadratmeterWiese am Beueler Rheinufer bzw. in der gesamten Beueler Rheinaue wöchentlich(oder zweiwöchentlich?) gemäht werden.

Post-Towerund Langer Eugen sind die ersten Fixpunkte, Vogelgezwitscher und Kinderlachenstatt Autolärm. Super. Auf dem Weg zur Südbrücke geht's an der Rohmühle vorbei,wie schnell das Rheinwerk 3 wächst, lässt sich Tag für Tag beobachten. Direkthinter der Brücke beginnt das Eldorado für die Kaninchen, die unerschrocken amGrad zupfen. Aber nicht am Morgen. Kaninchen sind wohl Morgenmuffel.

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Direkthinter der Brücke teilt sich der Weg für Radler und Fußgänger, was dasMiteinander deutlich einfacher macht. Eine funktionierende Klingel ist dennochlebenswichtig, und laut muss sie sein. Denn die Zeitgenossen, die sich mittelsriesiger Kopfhörer womit auch immer berieseln lassen, sind in ihrer eigenenWelt und für die Umwelt mehr oder weniger taub.

Rechtsdes Weges gab es doch noch Baulücken, jetzt entstehen dort schicke Neubauten .Was wohl der Quadratmeter in der fast fertigen Dachwohnung mit Mega-Terrassekostet? Für Ottilie Normalverbraucherin vermutlich viel zu viel.

Linksdes Weges drei Senioren, die es sich nahe der Einmündung Rhenusallee mitGartenstühlen und Kühltaschen unter Bäumen bequem gemacht haben und hier regelmäßig gemütlichfrühstücken. Guten Appetit.

Undnoch weiter links, auf der anderen Rheinseite, blitzt Licht im altenKanzlerbungalow. Wer da wohl jetzt drin ist? Die Rückseite der VillaHammerschmidt erstrahlt knallweiß. Und welche Bewandnis hat es mit dem altenHaus samt Türmchen ganz in der Nähe? Ich werd' mal die Kollegen fragen, nehmeich mir vor. Nächstes Etappenziel: der Platz vor dem Canale Grande, wo sichschon einige Mitmenschen tummeln. Lesend auf den beiden außergewöhnlichenHolzbänken oder lümmelnd auf einer der unzähligen Metallbänke am Rheinufer.Vermutlich ist auch der ein oder andere Urlauber darunter. Schon etwas komisch,in einer Stadt zu leben und zu arbeiten, in der andere Menschen Urlaub machen.Fühlt sich aber gut an.

Nichtweit weg auf der großen Wiese unter alten Bäumen sitzt ein Mann imCasual-friday-Look auf einem bequemen Lehnstuhl und arbeitet via Notebook. Solässt es sich leben und arbeiten...

Eineältere Dame in Pink schneidert in aller Ruhe in ihrem Garten, der noch imkühlen Schatten liegt, den großen Rosenstrauch. Die bunte Blumenpracht auf denBalkonen und in den Gärten der Anlieger mit der Adresse Rheinaustraße machtmich ein bisschen neidisch, aber schön, dass ich sie via Rad überhaupt sehe.Mit dem Auto entgeht mir dieser Genuss auf alle Fälle.

Wenigspäter hab ich die Kennedybrücke erreicht, jetzt noch um den Brückenkopf herum,und der kleine Urlaub ist vorbei. Die restliche Fahrt durch die Stadt, vorbeian Stadthaus, Altem Friedhof und dem Prälat-Schleicher-Haus, vor dem sicherschreckend viele Männer und Frauen (mit Bierflaschen in der Hand) aufhalten,ist eine ganz andere und vor allem sehr laute Geschichte.

Ichfreu mich schon auf den Heimweg. Dann rechts vorbei an den langen Autoschlagen,und ich atme auf, sobald ich am Rheinufer bin. Zum Feierabend gönn' ich mirnoch einen kleinen Urlaub... vielleicht mit einer Pause auf einerf Holzbank am "Blauen Affen".

Undnächste Woche mach' ich mal Kurzurlaub mit dem Fahrrad auf der anderen BonnerRheinseite.

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