100 Jahre Oberkasseler Mensch: Junglehrer mit historischem Gespür: Weg am Stingenberg nach Franz Kissel benannt

100 Jahre Oberkasseler Mensch : Junglehrer mit historischem Gespür: Weg am Stingenberg nach Franz Kissel benannt

Gerade einmal 20 Zeilen war der Fund zweier Skelette im Steinbruch der Oberkasseler Zeitung am 14. Februar 1914 wert. Zwei Tage zuvor hatten Arbeiter am Stingenberg die gut erhaltenen menschlichen Überreste einer Frau, eines Mannes und eines Hundes ausgegraben.

"Interessant" sei der Fund, das Alter der Knochen könnte aber wohl nur von Spezialisten ermittelt werden, heißt es dort. Inzwischen hat der rund 14.000 Jahre Oberkasseler Mensch Weltberühmtheit erlangt. Wenig Beachtung fand bislang die Rolle, die der junge Oberkasseler Lehrer Franz Kissel (1891 - 1977) für den Fund gespielt hat. Auf den Tag 100 Jahre später ist nun ein Weg nach ihm benannt worden.

Für die Umbenennung des Wegs, der nahe des Fundortes von der Straße "Am Stingenberg" parallel zur B42 verläuft, hatten sich der Heimatverein Bonn-Oberkassel und der Denkmal- und Geschichtsverein Bonn-Rechtsrheinisch in einem gemeinsamen Bürgerantrag eingesetzt, der in der Sitzung der Bezirksvertretung Beuel Ende Januar die Zustimmung aller Fraktionen fand. Dafür, dass die Benennung so schnell umgesetzt werden konnte, dankte Sebastian Freistedt, Vorsitzender des Heimatvereins Politikern und Verwaltung ausdrücklich.

"Wäre Franz Kissel nicht gewesen, wüsste die Wissenschaft heute nichts vom Oberkasseler Menschen, wäre Oberkassel nicht in die Geschichte der Welt eingegangen", war sich der Vorsitzende des Geschichtsvereins Carl Jakob Bachem sicher. Schließlich sei es Kissel gewesen, der anhand eines rund 20 Zentimeter langen Haarpfeils, der unter dem Schädel des weiblichen Skeletts entdeckt wurde, die historische Bedeutung des Fundes erkannte und den Steinbruchbesitzer überreden konnte, Wissenschaftler der Universität Bonn zu Rate zu ziehen. Dieser Verdienst ist seit Mittwoch auf einer Infotafel unter dem Straßenschild nachzulesen, die beide Vereine gestiftet haben.

Kissel kam 1912 nach Oberkassel, um an der Volksschule zu unterrichten. Auch als Kommunalpolitiker (Zentrum) und Heimatforscher machte er sich einen Namen und wurde 1976 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Sein Stiefenkel Karl-Heinz Schonauer erinnerte sich am Mittwoch an ihn als einen "sanften" und "immer fröhlichen" Mann.

"Artikel des Tages" auf Wikipedia

Passend zum Jubiläum hat sich ein weiterer Lehrer um den sensationellen Fund verdient gemacht: Der Wikipedia-Artikel über das Doppelgrab von Oberkassel hat es am Mittwoch auf die Startseite der Internet-Enzyklopädie und zum "Artikel des Tages" gebracht. Angelegt und größtenteils geschrieben hat ihn der Beueler Hans Weingartz, Lehrer an der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule in Bad Godesberg, Verleger und Autor.

"Schon als Kind habe ich immer in der Nähe der Fundstelle Fußball gespielt und mein Vater, Geschichtslehrer wie ich, hat mich immer ins Landesmuseum mitgenommen, um mir die Funde zu zeigen", begründet er sein Interesse am Thema. Seit 2006 kümmert Weingartz sich um den Artikel, hat dafür in Archiven recherchiert und behält die aktuellen Forschungsergebnisse im Blick. "An Wikipedia finde ich vor allem die Diskussionen mit anderen toll. So lerne ich immer wieder etwas dazu." Auch aus einem anderen Grund habe es ihm am Herzen gelegen, die Qualität der Plattform zu verbessern. "Ich weiß schließlich, dass meine Schüler dort abschreiben."