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"Dufter Typ": Jeremy Fragrance ist Parfüm-Blogger aus Bonn

"Dufter Typ" : Jeremy Fragrance ist Parfüm-Blogger aus Bonn

Jeremy Fragrance aus Bonn-Holzlar hat es mit seinen Youtube-Videos als Parfümkritiker schon zu einem Ferrari gebracht. Sein großes Ziel: Miami oder New York.

Wie muss man sich einen 29-jährigen Typen vorstellen, der in Bonn-Holzlar lebt, in Sankt Augustin-Hangelar arbeitet, einen Ferrari fährt, stets gestylt im Anzug mit Krawatte auftritt und auch sonst das Selbstbewusstsein aus ganz großen Kübeln inhaliert hat? Der einen Künstlernamen trägt. Nach dem sich auf der Straße alle Frauen umdrehen. Ein Aufschneider? Ein Selbstdarsteller?

Das Treffen mit Jeremy Fragrance, der sich selbst als den bekanntesten Parfüm-Blogger der Welt bezeichnet, der 375.000 Abonnenten im Netz hat und dessen Videos schon 50 Millionen Mal angeklickt wurden, beginnt mit einem festen Händedruck. Erster Eindruck: ein gewinnender, charmanter Kerl, 1,90 Meter groß, blaue Augen, schlank und durchtrainiert, sehr höflich. Single, keine Kinder.

Spätestens nach drei Minuten wird klar: Da steht ein hochgradig ehrgeiziger Mann, der in vollem Ernst erzählt: "Ich stehe jeden Morgen um 5.19 Uhr auf und gehe kurz vor 22 Uhr schlafen." Auch sonntags. Der gänzlich auf Alkohol verzichtet. Der nicht raucht, nur gesundes Essen und grünen Matcha-Tee oder Kokoswasser zu sich nimmt. Fragrance ist diszipliniert wie ein Elitesoldat.

Geruchssinn muss trainiert werden

Seine Marotten? "Wenn ich in einem Gespräch ,vielleicht' oder ,äh' sage, mache ich 20 Liegestütze. Wenn ich mehr als 1:59 Minuten zu spät zu einem Termin komme, mache ich 50 Liegestütze." Fast jeden Tag ist er eine Stunde im Fitnessstudio zu finden. Aber er sagt: "Alles, was ich tue, hat mit dem Projekt Düfte zu tun. Das ist eine Lebensentscheidung, da gibt es kein Zurück mehr."

In seinem Büro stehen in einem langen Regal die seiner Meinung nach 100 besten Parfüms der Welt aufgereiht. Auf einem Sideboard daneben die 55 wichtigsten Duftöle. Sündhaft teures Zeug. "Die Flaschen öffne ich jeden Tag und rieche daran. Wenn ich einen Fehler bei der Zuordnung mache, mache ich zehn Liegestütze und fange wieder von vorne an."

Der Geruchssinn muss trainiert bleiben, und die große Herausforderung ist es, das im Medium Internet zu schaffen, das keine Düfte transportieren kann. "Aber die Leute vertrauen mir, dass ich ihnen in den Videos das Richtige empfehlen", sagt Jeremy. Ganz wichtig für ihn: "Ich bin noch nie für ein Review bezahlt worden, sondern werde immer der unabhängige Kritiker bleiben."

Sein erfolgreichstes der rund 200 Videos heißt "Die Top 10 der Herrendüfte, mit denen man die meisten Komplimente bekommt". Das wurde weltweit in einem Jahr fast 1,8 Millionen Mal angesehen. Aber auch für Frauen hat er Tipps parat. Oder er erklärt ganz simple Dinge: wie man Parfüm richtig aufsprühen sollte. Oder für Sparfüchse: die besten Düfte unter 30 Euro. Über seine eigenen Einnahmen spricht er nicht, "das ist ein ungeschriebenes Gesetz", sagt der 29-Jährige, fügt aber auch hinzu: "So einer wie Justin Bieber hat natürlich mehr Reichweite als ich. Aber meine Zuschauer sind alle Parfüm-Enthusiasten, und deshalb gibt es auch keine Streuverluste."

Firmensitz in Hangelar

Alle Parfümhersteller kennen ihn. Spätestens, seit er bei den "Duftstars" in Berlin, der Oscar-Verleihung der Branche, in einer Fachjury gesessen hat - zusammen mit Größen der Beautyszene. Den Ferrari hat Jeremy sich erst kürzlich zugelegt. "Das ist genauso wie mit einem Anzug. Man wird mit diesem Auto anders wahrgenommen." Der rote F 458 mit 570 PS dient auch der Eigenvermarktung. Auf den Türen und am Heck ist der Schriftzug "Jeremy Fragrance" angebracht. "Ich habe mit dem Wagen schon einige Videos gemacht, die mir Abonnenten und Geld gebracht haben. Insofern war das eine gute Investition."

Seinen Geburtsnamen will der 29-Jährige nicht verraten, nur so viel: "Es ist ein typischer deutscher Name." In seinen Personalausweis hat er sich zusätzlich "Jeremy Fragrance" als Künstlernamen eintragen lassen. Sein Firmensitz ist Hangelar, sein Wohnhaus steht in Holzlar. Auch dort läuft er wie aus dem Ei gepellt im Anzug und Hemd herum. "Gut, die Jacke ziehe ich da schon aus", räumt er ein. Eine Jogginghose besitzt er zwar, zieht sie aber nie an: "Ich will nicht bequem sein." Deshalb arbeitet er auch nicht an einem Schreibtisch, sondern im Stehen, wenn er seine Videos schneidet, Post beantwortet und Termine bespricht.

Und abends? "Aus Spaß gehe ich nie essen oder zum Bowling. Ich habe so viel Spaß an Parfüms, dass ich mich davon nicht erholen muss." Jeden einzelnen Kommentar unter seinen Videos liest er selbst, das kann lange dauern. Sein Motto: "Das Leben ist langweilig ohne Ziele."

Fragrance will eigenes Parfüm herausbringen

Insgesamt habe er drei bis sieben Einnahmequellen, sagt Jeremy. Er wird auch für Social-Media-Weiterbildungen oder Beratungen gebucht. Das kann er smart verkaufen, rhetorisch geschickt. Der gebürtige Oldenburger profitiert dabei auch von seinem Marketing-Studium in Hamburg.

Der nächste Schritt? "Ich werde mein eigenes Parfüm rausbringen, und es wird das beste der Welt nach meinen Qualitätsmaßstäben werden. Das habe ich angekündigt. Und das mache ich auch." Nach seinen Worten arbeitet er daran mit den besten Parfümeuren der Welt.

Wie er zum Parfüm kam, war eher ein Zufall. Er war auf der Suche nach Tipps im Internet, wie man sich stylt - und entdeckte die Parfüm-Community. "Aber ich war unzufrieden damit, wie die Leute das präsentiert haben." Inzwischen sagt Jeremy von sich im Brustton der Überzeugung: "Es gibt keinen anderen, der sich so auf Parfüms fokussiert hat, deshalb bin ich heute der relevanteste Parfüm-Influencer überhaupt."

In zehn Jahren sieht sich Jeremy in New York oder Miami. Viel müsste er nicht mitnehmen. "Ich brauche nur Kamera und Laptop." Dazu lebt er nach der Schwarzenegger-Philosophie, alles zu tun, um nach oben zu kommen. "Zu 100 Prozent, nicht zu 99 Prozent." Jeremy weiß, dass Amerikaner dieses Motto lieben. Wahrscheinlich werden deshalb die meisten seiner Videos in den USA angesehen.