Serie Kirchen und ihre Schätze: Die Große Evangelische in Oberkassel ist eine Kirche zum Wohlfühlen

Serie Kirchen und ihre Schätze : Die Große Evangelische in Oberkassel ist eine Kirche zum Wohlfühlen

Zwei Eingänge, kein Mittelgang, die Kanzel zentral, ein großer Gewölbebogen darüber. Sie ist ein architektonisches Glaubensbekenntnis. Die Große Evangelische Kirche in Oberkassel ist eine reformierte Predigtkirche.

Der Architekt Otto March, ein Schinkel-Schüler, interpretiert in der Bauweise das Zusammenspiel von Predigt, Kirchenmusik und Gottesdienst. Es ist für eine Gemeinde bestimmt, die auf das Wort hört, das Evangelium. "Die Kirche ist von den Menschen aus gedacht. Kinder und Erwachsene sollen sich in ihr wohlfühlen", sagt Pfarrer Jens Anders.

Schlicht, sachlich, anheimelnd waren die Stichworte für die Gestaltung der neuen Kirche, die Otto March nach Meinung der Kirchenbaukommission in seinem Entwurf am besten umgesetzt hat. "Otto March hatte ein Ansichtsaquarell der Kirche im Jahr 1905 gemalt, die dann fast genauso gebaut wurde", so Anders. In dem Bauwerk finden sich Elemente der Renaissance und des Barock. Die Stand- und Wandleuchter erinnern an Jugendstil. "Die Kirche ist repräsentativ und sie gehört mit ihrem 47 Meter hohen Turm zum Ort", sagt Anders.

Am 3. November 1908 wurde die Große Evangelische Kirche eingeweiht. Sie spiegelt die reformierten Werte von der Gemeinschaft, die gemeinsam Gottesdienst feiert. Integriert sind aber auch lutherische Merkmale, wie etwa das Marmorkreuz. Altartisch, Kanzel, Orgel und Chorempore sind als Verkündigungseinheit gestaltet. "Das ist wie auf einer Bühne im Theater. Zuerst kam es mir komisch vor, so zentral auf der Kanzel zu stehen. Doch heute gefällt es mir sehr, dass die Leute nah an der Kanzel sitzen und von allen Plätzen gut hören und sehen können", sagt der Pfarrer.

Ein Schatz sind die Kirchenfenster. Der Kirchenraum ist hell, lichtdurchflutet. Denn nur die unteren Teile der Fenster sind farbig. Interessant ist auch, dass die Kunstwerke von der gleichen Glaswerkstätte, Hertel in Düsseldorf, angefertigt wurden, wie die in der Katholischen Pfarrkirche Sankt Cäcilia in Oberkassel. Besonders ist das Emmaus-Fenster mit der weiterentwickelten Darstellung von Rembrandts berühmtem Werk "Christus und die Jünger in Emmaus", das heute im Louvre in Paris hängt.

Es blieb erhalten, während das mittlere Westfenster und das Tauffenster im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Das östliche Mittelfenster blieb heil und wurde bei der Renovierung 1956 über der Fürstenbank angebracht. Neue Bibel-Fenster wurden nach verschiedenen Spendensammlungen schließlich 1993 eingebaut. "Auffallend ist auch der mächtige Kronleuchter, der ein Geschenk der evangelischen Gemeinden Bonn, Godesberg, Königswinter und Honnef an die Muttergemeinde Oberkassel war", erzählt Anders.

Entsprechend dem reformierten Denken sind Presbyterbank und Fürstenbank auf gleicher Höhe und einsehbar. Bemerkenswert waren die sogenannten Funktionsräume, ein Konfirmandensaal mit Schiebetür sowie Toiletten. Die neue Kirche führt die Tradition der Alten Kirche, die 1683 erbaut wurde, als Dorfkirche weiter. Diese ist eine der ältesten reformierten Kirchen im Rheinland.

"Unser Schatz sind die Gebäude und die vielen Gruppen darin. Wir haben vier Zentren, die beiden Kirchen und das Jugendheim sowie den Kindergarten. Dort sind überall offene Pforten. Das ist Gottesdienst im Alltag", sagt Pfarrer Anders. Die Räume bieten Platz für Frauenkreis, Sängerkreis, Bläserkreis, Bücherei, Konfirmanden, Theatergruppe, Pfadfinder, die Discoveranstaltungen "Sam's Inn" und viele mehr. "Die Große Evangelische Kirche ist ein Spätwerk des Architekten March, es ist für die Menschen gebaut und es ist eines seiner reifsten Gebäude", findet Pfarrer Jens Anders.

Industrielle spendeten

Die Große Evangelische Kirche wurde am 3. November 1908 eingeweiht. Die evangelischen Industriellen und Kaufleute im wirtschaftlich blühenden Oberkassel forcierten den Bau und spendeten Geld und Ausstattung. Die evangelische Kirchengemeinde Oberkassel besteht heute aus den zwei Pfarrbezirken Oberkassel und Dollendorf, mit jeweils einem Seelsorger.

Reformierte Kirche

Die reformatorischen Wurzeln gehen in Oberkassel bis auf das Jahr 1550 zurück, als dort der ehemalige Franziskanermönch Georg Kruiff nach reformatorischem Verständnis gepredigt haben soll. Die Alte Kirche Oberkassel wurde 1683 gegründet und ist damit die älteste evangelische Kirche auf Bonner Stadtgebiet. Auch die Große Evangelische Kirche steht in der reformierten Tradition, im Turmsaal sind Fenster mit den Porträts von Zwingli und Calvin neben denen von Luther, Melanchthon, Gustav Adolf von Schweden und Hermann von Wied, dem Erzbischof von Köln installiert. Seit 1832 zählt die evangelische Gemeinde Oberkassel zur unierten Kirche.