Projekt "barrierefrei kommunizieren": Bunte Nägel fürs Tastaturtraining

Projekt "barrierefrei kommunizieren" : Bunte Nägel fürs Tastaturtraining

Das Projekt "barrierefrei kommunizieren" richtet sich an Menschen mit und ohne Handicap. Für Behinderte entwickeln die Mitarbeiter mitunter spezielle Angebote.

Es gibt schlimmere Dinge für Mädchen, als sich die Nägel zu lackieren. Dass Anna und Paula an diesem Morgen perfekt gestylt vor dem Computer sitzen, hat aber einen tieferen Sinn als bloßes Schönheitsempfinden. "So wissen wir, welcher Finger zu welchem Buchstaben gehört", erklärt die neunjährige Anna.

Gemeinsam mit ihrer gleichaltrigen Freundin verbringt sie eine Ferienwoche beim Projekt "barrierefrei kommunizieren". Das hat seinen Sitz in der Beueler Tapetenfabrik und bietet weit mehr als Tastaturtraining für Kinder.

Die Hauptaufgabe besteht laut Standortleiterin Birgitt Nehring darin, Menschen mit Handicap in allen Fragen rund um die IT zu beraten. "Spezialisiert sind wir auf die Beratung von Menschen, die zum Beispiel einen Unfall hatten und nicht mehr wie vorher am Computer arbeiten können", sagt Nehring.

Das Projekt wird seit seiner Gründung 2004 finanziert durch die gemeinnützige Technische Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft in Berlin.

Die Räume der Tapetenfabrik sind nicht nur barrierefrei, sondern auch mit vielen Hilfsmitteln für Behinderte ausgerüstet. "Wir haben zum Beispiel PC-Plätze für E-Rolli-Fahrer, können für Contergan-Opfer Fußtastaturen anbieten oder spezielle Arbeitsplätze für Blinde", so die Standortleiterin.

Erst kürzlich war die Behindertenbeauftragte eines Bonner Unternehmens mit einem Mitarbeiter bei ihr, der einen Schlaganfall erlitten hatte. "Wir haben versucht, für ihn die optimale Lösung zu finden."

Unterstützung erhält Nehring von André Naujoks. Beide müssen sich ständig fortbilden, um auf dem neuesten Stand der Technik zu sein. "Nur dann können wir sehen, wie wir eine Person fördern können", meint Nehring.

"Barrieren überwinden" lautet das Motto des Projekts, das sich auch an Menschen ohne Handicap richtet. "Wir haben hier zum Beispiel ein Internetcafé, in dem Senioren surfen und uns um Hilfe fragen können", erzählt Nehring.

Der Ausweis für ein halbes Jahr kostet Alt oder Jung zehn Euro. Die Älteren seien es auch, die gerne die Einsteigerkurse (siehe Info-Kasten) besuchen würden. "Sie fühlen sich bei uns aufgehoben, lernen im kleinen geschützten Raum", so Nehring, die verrät, dass auch der ein oder andere Bonner Schuldirektor nach seiner Pensionierung vorbeischaute.

Und dann ist da noch der Nachwuchs, dem ein Hauptaugenmerk von "barrierefrei kommunizieren" gilt. "Gemeinsam in die Zukunft" lautet ein Projekt, das die Beueler gemeinsam mit dem Familienministerium NRW durchführen.

Dabei soll Jugendlichen mit und ohne Handicap Medienkompetenz vermittelt werden. "Um Jugendliche vor Ort zu erreichen, können unsere Angebote auch in Bonner Jugendeinrichtungen durchgeführt werden", sagt Nehring. Die Teilnahme samt Nutzung der technischen Ausrüstung kostet die Teilnehmer nichts.

Auch Paula und Anna sitzen dank des geförderten Projekts in der Tapetenfabrik. Besonders schwierig, meint Anna, sei der Sprung mit rot von J zu Z. Rot steht in diesem Fall für den rechten Zeigefinger. Was sie an dem Kursus trotz Ferien reizt? "Dass ich danach schneller tippe als meine ganze Familie."

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