Verein für Behindertensport: Bonner Verein für Behindertensport droht das Aus

Verein für Behindertensport : Bonner Verein für Behindertensport droht das Aus

Schwerstbehinderte und der Verein für Behindertensport in Bonn leiden unter dem Bundesteilhabegesetz. Deswegen steht der inklusive Rehasport nun vor dem Aus.

Von den rund 2000 Mitgliedern des Vereins für Behindertensport hatte sich für die ordentliche Mitgliederversammlung am Montagabend lediglich ein Mitglied angemeldet. Grund genug für den Vorsitzenden Burkhard Lammsfuß anzukündigen, die künftigen Mitgliederversammlungen in die hellere und wärmere Jahreszeit zu verlegen. Dann wird es den oftmals schwerstbehinderten oder älteren Vereinsmitgliedern leichter fallen, den Weg in die Geschäftsstelle des Vereins in der Beueler Hans-Böckler-Straße anzutreten.

Auf einer nächsten Sitzung wird dann auch schon beschlossen sein, ob der Verein im Bundesteilhabegesetz bleibt und die Stadt Bonn die seit Jahrzehnten geleistete Förderung im Rahmen der Wiedereingliederungshilfe weiterhin zahlen kann. „Es gibt nur einen Vertrag bis Ende des Jahres und es ist absolut ungewiss“, so Lammsfuß, „wie es weitergeht, da alles nach Köln verlagert wird und Bonn kein Zugriffsrecht mehr hat.“

Mit einem Fördergeld in Höhe von jährlichen 65.000 Euro ist es bisher möglich, bedürftigen Bürgern der Stadt Bonn die Teilnahme am Behindertensport möglich zu machen. Ein Wegfall der Förderung würde bedeuten, „dass die, die es am nötigsten hätten, nicht mehr teilnehmen können“, sagt Axel Böckling, der Erste Vorsitzende des Vereins. „Die Leitphilosophie des VfB war immer“, betont Lammsfuß, der den Verein 1986 gegründet hat, „dass wir versuchen, die Schwächsten über sportliche Inhalte am Leben der Gemeinschaft teilhaben zu lassen.“

Dabei handele es sich um schwerst, mehrfach und geistig behinderte Menschen, die sich in Pflegeheimen befinden, weil ihnen ein selbstständiges Leben nicht möglich ist. „Wir hatten sie bisher mit unseren 28 Fahrzeugen von ihren Einrichtungen abgeholt und in Reha-Sportgruppen gebracht“, erzählt Lammsfuß. „Wir haben die Inhalte, die in Reha-Kliniken gelehrt wurden, ambulant vor Ort weiter umgesetzt, haben sie geduscht, gewindelt und wieder zurück in ihre Einrichtung gebracht.“

Vier Stunden kamen die Menschen auf diese Weise am Tag aus ihren Heimen heraus und mit anderen Behinderten zusammen. „Das war schon unser Inklusionsgedanke, bevor das Thema Inklusion auf die politische Agenda kam“, so Lammsfuß verbittert. Denn seit dem Inkrafttreten des Neunten Sozialgesetzbuchs (SGB IX) im Jahr 2001 und den nachfolgenden Änderungen habe sich die Situation für die Betroffenen ständig verschlechtert, was sich seit etwa zwei Jahren durch das Bundesteilhabegesetz (BTHG) noch weiter verschlimmere. Die Gesamtsituation habe dazu geführt, dass ein Verein, der den politisch propagierten Inklusionsgedanken über nahezu drei Jahrzehnte gelebt habe, sich notgedrungen zu einem Gesundheitssportverein für Menschen ohne oder mit kleineren Behinderungen verwandelt.

Denn Fahrten zum Rehasport werden nur noch von den Kostenträgern übernommen, wenn die Beförderung im Rahmen eines teuren Krankentransports oder in Begleitung eines Notfallsanitäters stattfindet. Die einfache Rechnung lautet, dass bisherige VfB-Gruppenfahrten mit sechs Personen, die der Verein mit seiner behindertengerecht ausgestatteten Fahrzeugflotte durchführte, 132 Euro kosten, denen nun 1200 Euro durch sechs vorgeschriebene Krankentransporte gegenüberstehen und die Rettungsfahrzeuge zudem auch nicht mehr für Notfalleinsätze zur Verfügung stehen, so Martina Weiß-Bischof, die in den Vorständen von VfB und Stadtsportbund sitzt und als Projektleiterin auch für die Öffentlichkeitsarbeit des VfB verantwortlich ist.

„Inklusiver Rehasport funktioniert nur mit einem geeigneten Fahrdienstangebot“, so ihr Fazit. Von den rund 250 Schwerstbehinderten, die der VfB regelmäßig zum Reha-Sport gefahren hatte, sind aktuell nur noch vier übrig geblieben, die sich die zwischen 20 und 30 Euro kostenden VfB-Fahrten privat leisten können. Erstattet werden sie nicht. Da allerdings den meisten Kostenträgern auch ein Einsatz der vorgeschriebenen Rettungsfahrzeuge zu teuer ist, bleiben die Menschen 24/7, wie Weiß-Bischof sagt, also 24 Stunden an sieben Tagen der Woche in ihren Einrichtungen. Sie erfahren weder die notwendigen Anwendungen noch die sozialen Kontakte außerhalb ihrer Heimwände.

In den letzten beiden Jahren schrieb der Verein für Behindertensport durch die Einführung des Bundesteilhabegesetzes erstmals seit seinem Bestehen rote Zahlen. Dass sich das aktuell durch ersatzweise Fahrdienste für die Tagespflege wieder zum Positiven hin verändert hat, sichert dem Verein und seinen Beschäftigten zwar den Fortbestand, doch macht es weder seinen Gründer, der vor bald 20 Jahren mit großem Engagement für Behinderte angetreten war, noch die Schwerstbehinderten, die nun zu einem großen Teil auf ihren Reha-Sport verzichten müssen, auf die Dauer glücklich.