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Interview mit Schauspielerin Gilla Cremer: Bestseller kommt als Theaterstück in die Beueler Brotfabrik

Interview mit Schauspielerin Gilla Cremer : Bestseller kommt als Theaterstück in die Beueler Brotfabrik

Die Schauspielerin Gilla Cremer hat eine Bühnenfassung des Roman-Bestsellers „Was man von hier aus sehen kann“ erstellt. An diesem Freitag und Samstag zeigt sie das Stück zusammen mit ihrem Schauspielerkollegen Rolf Claussen in der Beueler Brotfabrik.

Der Zusammenhalt in dem Dorf, das der Schauplatz eines ganzen Romans ist, ist auf wundersame Weise gegeben. Obwohl die Personen grundverschieden sind, fühlen sie sich  verbunden. Etwa die alte Selma, die hellseherische Fähigkeiten hat, oder der Optiker, der sich im Verlaufe des Buches zu buddhistischen Weisheiten hingezogen fühlt und die zehnjährige Luise. Fasziniert von Mariana Lekys Bestseller-Roman „Was man von hier aus sehen kann“ machte sich die Hamburger Schauspielerin und Buchautorin Gilla Cremer an die Bühnenfassung des anspruchsvollen Buchstoffs und entwickelte eine berührende Inszenierung, in der sämtliche Rollen der Dorfbewohner von nur zwei Personen gespielt werden.

Nach ihrer erfolgreichen Hamburger Premiere im September kommt Gilla Cremer für diesen Freitag und Samstag zusammen mit Rolf Claussen und ihrem gleichnamigen Stück in die Beueler Brotfabrik. Wie sie zu den Herausforderungen und Tücken des Stückes steht, was sie sich von der Politik wünscht, verriet die aus Königswinter stammende Hamburger Autorin und Schauspielerin im Vorfeld des Bonner Auftritts.

Mit dem Zwei-Personen Stück nach dem Bestseller-Roman von Mariana Leky „Was man von hier aus sehen kann“ sind Sie seit September auf Tour und werden jetzt an zwei Tagen in der Brotfabrik zu erleben sein. Wie kamen Sie zu diesem Thema?

Gilla Cremer: Noch bevor ich das Buch gelesen hatte, habe ich eine Hörfassung mit Sandra Hüller gehört. Ich war auf der Autobahn auf einer längeren Fahrt und musste zwei Mal anhalten. Einmal, weil ich so gelacht habe, dass ich nicht mehr weiterfahren konnte. Und einmal, weil ich so geweint habe, dass ich nichts mehr sehen konnte. Später habe ich das Buch gelesen und hatte dann das Glück, die Bühnenrechte zu bekommen.

Haben Sie die Autorin Mariana Leky kennengelernt?

Cremer: Der Kontakt ging zunächst schriftlich, bis das Stück fertig war. Im September habe ich sie dann persönlich bei der Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen kennengelernt.

Was sagt Mariana Leky zur Bühnenfassung Ihres Romans?

 Cremer: Es war ja nicht so einfach, ein Buch, das so komplex ist und dessen Thema sich nicht in einem Satz zusammenfassen lässt, auf die Bühne zu bringen. Als ich daran saß, wurde mir klar, wie umfangreich das Buch ist und wie hoch die Latte hängt. Es geht um so viele Charaktere, um so viele Themen, um Dankbarkeit, um Freude, um Nächstenliebe, um die Liebe und den Tod. Alles hängt zusammen in dem Dorf, in dem das Buch spielt und selbst zwischen Menschen, die eigentlich wenig miteinander zu tun haben, besteht ein Zusammenhalt. Die Vielfalt des Buches, die unzählig schönen Details zu komprimieren – puh! Das war wirklich eine Herausforderung! Aber Mariana Leky war begeistert von unserer Bühnenadaption, und das bedeutet mir sehr viel.

Sie und Ihr Bühnenpartner Rolf Claussen schlüpfen in etliche Rollen. Ist das nicht riskant, eine solche Vielfalt mit so kleiner Besetzung darzustellen?

Cremer: Im Gegenteil, das ist eines meiner Stilmittel. Wir alle haben doch eine Vielzahl an Rollen in uns. So ist das Leben. Und für Rolf Claussen und mich ist der ständige Wechsel und das schnelle Rollenspiel eine tolle Herausforderung.

Bei einer solchen Vielzahl an Charakteren gibt es aber doch bestimmt einen, der die stärkste Herausforderung darstellt?

Cremer: Ja, aber es sind weniger die Rollen selbst, als die Zeitebenen, die in dem Roman eine große Herausforderung darstellen. Und die sehr schnellen Wechsel, die wir zwischen der Rolle als Erzähler/in und den unterschiedlichen Figuren leisten müssen. Insgesamt macht es aber einen unglaublichen spielerischen Spaß. Die Rollen-Vielfalt ist das Futter, das man als Schauspieler gerne hat.

Das Stück stellt letztlich die Frage nach dem „wirklichen Leben“. Gab es für Sie persönlich eine Lebensphase, in der sie sich die Frage selber stellten?

Cremer: Vielleicht wird die Frage einfach mit zunehmendem Alter immer wichtiger: Worum geht’s denn eigentlich im Leben? Was hat eine Bedeutung? Wie möchte ich Beziehungen zu anderen Menschen gestalten? All diese Fragen werden aufgeworfen – deshalb mag ich das Buch auch so.

In Ihren Theaterproduktionen beschäftigen Sie sich oftmals mit kritischen Themen wie Kinderarmut oder Mobbing. Welcher Grundgedanke hat Sie zur Beschäftigung mit dem Buch gebracht?

Cremer: Hier ist es in allem der zutiefst humanistische Grundgedanke, der mich beeindruckt hat. Das Miteinander, die Zuwendung und der Respekt, den die Dorfbewohner füreinander haben. Das wäre auch eine politische Dimension, die ich gerne einfordern würde: Eine universale Politik der Freundschaft. Der Hintergrund für das Stück ist ein kleines Dorf in Deutschland, in dem zwar alle höchst verschieden sind, aber letztlich jeder mit jedem eine Verbindung besitzt.

Wünschen Sie sich so ein Dorf oder gibt es das schon? Ist es Fiktion oder Nostalgie?

Cremer: Weder noch. Dass alles miteinander verbunden ist, Mensch und Natur, ist doch ein grundlegender Baustein unseres Seins, der viel zu oft ignoriert wird oder als Esoterik abgetan wird. Schauen Sie doch auf die Friday for Future-Bewegung, wie lange es gebraucht hat, bis das Thema ernst genommen wurde.

Sie haben heute Ihre Lebensmitte in Hamburg und kommen ja eigentlich aus Königswinter. Kennen Sie die Brotfabrik?

Cremer: Dort trete ich mit meinen Stücken seit 30 Jahren auf. Es ist immer wieder eine Besonderheit für mich, weil ich eine Verbundenheit mit meiner Heimat und meiner Familie empfinde, die ja noch im Siebengebirge lebt. Ich freue mich, auf die beiden Tage in der Brotfabrik.