Fahndung mit Flugblättern: Baby Paul in Fundortnähe geboren?

Fahndung mit Flugblättern : Baby Paul in Fundortnähe geboren?

Die Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt hat sich offenbar ausgezahlt: Nach intensiven Beratungen mit Beamten der operativen Fallanalyse, einer Art "Profiler"-Einheit, fahndet die Bonner Mordkommission seit Dienstag in Beuel nach der Mutter des ausgesetzten Babys "Paul".

Sie geht aufgrund mehrerer Indizien davon aus, dass die Frau das Kind am Samstag, dem 28. Juni, in der näheren Umgebung des Fundortes in Ramersdorf zur Welt gebracht hat (siehe Grafik).

Drei Jugendliche hatten den 3300 Gramm schweren Jungen unweit des Schießbergweges am Telekom-Campus entdeckt. Das Neugeborene lag in einem Gebüsch an einem abgeschiedenen Weg, der dort parallel zu den Bahngleisen verläuft. Es steckte, eingewickelt in ein hellblaues Tuch, in einem Rucksack, dessen Reißverschluss zugezogen war.

Das Kind war stark unterkühlt - und wurde wohl gerade noch rechtzeitig gerettet. Die Ermittler glauben weiterhin, dass es nicht gefunden werden sollte. Sie gehen deshalb dem Verdacht auf ein Tötungsdelikt nach.

Die Person, die das Baby abgelegt hat, kannte sich vor Ort offensichtlich gut aus. Laut der medizinischen Befunde ist das Kind am selben Tag, wahrscheinlich sogar kurz vor der Aussetzung geboren worden. Ort, Zeit und "Art der Ablage" führten zum nun verfolgten Ermittlungsansatz, erläuterte Polizeisprecher Robert Scholten.

Das heiße aber nicht zwingend, dass die Mutter des Kindes auch in dem Gebiet wohnen müsse, das die Ermittler jetzt ins Visier nehmen: einen rund einen Quadratkilometer großen Bereich zwischen Königswinterer Straße, Landgrabenweg und Kreuzherrenstraße.

Dort begannen Polizisten am Dienstag, Flugblätter mit Zeugenaufrufen zu verteilen und Fahndungsplakate aufzuhängen. Darauf fragen die Ermittler, wem eine Frau aufgefallen sei, deren Wesen sich in vergangenen Monaten verändert habe, die auffällig zu- oder abgenommen, ihren Kleidungsstil verändert oder Sport und anstrengende Tätigkeiten vermieden habe. Die Verdächtige habe möglicherweise schon andere Kinder. Gefragt wird auch nach dem schwarzen Rucksack, in dem das Baby lag. Er trägt die Aufschrift "Pirate Cross".

Fundort und Fahndungsgebiet

In die Flugblattaktion bezieht die Polizei neben dem genannten Gebiet zusätzlich das dicht besiedelte Wohnviertel an der Finkenbergstraße ein, um möglichst viele Hinweise zu bekommen. Jeder "noch so abwegige" Tipp sei wichtig und werde diskret behandelt. "Wir hoffen auf neue Anhaltspunkte und entscheiden dann über weitere Maßnahmen", sagte Scholten. Auch der Einsatz von Spürhunden sei denkbar.

Das Baby steht unter der Obhut des Jugendamtes. Ob es den Vornamen Paul behält, den das Klinikpersonal ausgewählt hatte, ist unklar. Nach GA-Informationen lebt der Junge bei einer Pflegefamilie, die ihn nach einem Jahr adoptieren möchte. Den drei Jugendlichen, die ihn durch ihre Aufmerksamkeit gerettet haben, hat die Stadt in Aussicht gestellt, ihn besuchen zu dürfen. Das soll nach Auskunft des Presseamtes im August arrangiert werden.

Hinweise auf den Fall nimmt das Kriminalkommissariat 11 unter Rufnummer 0228-150 entgegen.

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