Denkmäler in Beuel

Alte Dame mit Industriecharme

Beuel. Wenn Bonner den Weg zur Tapetenfabrik beschreiben, machen sie eine charakteristische Handbewegung: zuerst eine leichte Rechtskurve mit der flachen Hand leicht nach unten, dann ein Schwenk mit der Hand um 90 Grad nach links leicht aufwärts, um schließlich mit einer geraden Bewegung nach vorne abzuschließen. Alles klar?

Der Besucher fährt von der Kreuzung St.-Augustiner-Straße/Niederkasseler Straße kommend in die Königswinterer Straße, unter der Bahn durch, danach scharf nach links, den Anstieg auf Bahntrassenniveau hoch, um sofort rechts in die Auguststraße einzubiegen.

Und gleich hat er das Gefühl, mitten in einem Industriegebiet zu sein. Zur rechten Hand ist die denkmalgeschützte Fassade der Tapetenfabrik zu bewundern, zur linken die ehemalige Möbelmanufaktur, die ebenfalls den heutigen Besitzern der Tapetenfabrik gehört und die zahlreiche Start-up-Unternehmen beherbergt.

 

Druck per Hand und mit modernen Maschinen

Die Tapetenfabrik ist Teil des sogenannten Denkmalpfades im Stadtbezirk Beuel. Papiertapeten wurden zuerst in China als Wandschmuck benutzt und durch die ostindische Handelskompanie nach Europa eingeführt. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden erstmals Druckmaschinen für die industrielle Herstellung von Tapeten eingesetzt. Der Bonner Tapetenhändler August Schleu war es, der die Idee hatte, Tapeten nicht nur zu verkaufen, sondern sie auch selber herzustellen.

Er begann 1893 in den Gebäuden der ehemaligen Stereos Teppichfabrik mit einem aufwendigen Handdruckverfahren. Dabei wurden mit unterschiedlichen Stempeln Farben und Muster auf das Papier aufgetragen. Nach dem Einstieg von Emil Tilger, der die notwendigen finanziellen Mittel mitbrachte, wurden moderne Maschinen angeschafft und die erforderlichen Produktionshallen erstellt. Ab 1895 wurden unter dem Namen "Rheinische Tapetenfabrik Tilger & Co." nur noch maschinell gefertigte Tapeten hergestellt.

Obwohl die Beueler Tapetenfabrik zu den größten in Deutschland gehörte, wurde sie einige Male verkauft, sie kooperierte mit anderen Firmen oder sie wurde sogar aufgelöst. Erst dem Direktor Adolph Hoffmann gelang es, die Firma als selbstständige Aktiengesellschaft unter dem Namen "Rheinische Tapetenfabrik" - dafür steht das Kürzel "Er-Te", das hier oft zu sehen ist - wieder auf eine stabile Grundlage zu stellen. Er-Te-Tapeten, das war einmal ein deutschlandweites Synonym für moderne Qualitätstapeten aus Beuel.

Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg verlieh der Tapetenfabrik erneut Aufschwung. Zwei Faktoren führten schließlich das Ende herbei: der nachlassende Aufschwung in den 70er Jahren und die rasend schnelle Verbreitung der Raufasertapete. "Raufaser weiß ist der Todesstoß der klassischen Tapete", war damals zu hören. 1980 wurde die Firma endgültig aufgelöst.

Die Tapetenfabrik sollte Defizite in der Kulturproduktion ausgleichen

Die Familie Quadt war es schließlich, die bei der Versteigerung der Tapetenfabrik 1984 den Zuschlag erhielt. Sie hatte einen Plan, was damit gemacht werden sollte: kleine Gewerbetreibende, Künstler, Tänzer, Musiker, Theaterleute, Kursanbieter und Handwerker sollten hier eine neue Heimat finden. "Kulturpräsentationsräume gab es in Bonn reichlich. Aber es gab Defizite in der Kulturproduktion", erklärte Melanie Quadt, die Enkelin des Käufers. Denn die hohen, variablen, lichten Räume ließen eine vielfältige Nutzung zu. Mehr als 60 Mieter zeugen davon, dass der Plan aufging.

So haben sich in der ersten Etage des Hauses Auguststraße 10-18 15 Künstler niedergelassen, die die hohen Räume mit Tageslichteinfall als Atelier oder Studio sehr zu schätzen wissen. Man trifft hier unter anderem auf Übungsräume des Jungen Theater Bonn, ein Fitnessstudio, ein Ballettstudio, einen Tanzsportclub, ein Klavierhaus mit eigenem Konzertsaal sowie zwei Modelleisenbahnclubs. Im Hof der ehemaligen Möbelmanufaktur, im Siebenmorgenweg 18-22, kann man die Materialien sowie mehr oder weniger fertige Kunstwerke von Bildhauern bewundern.

Die Putzfassaden mit Backsteingliederung stehen unter Denkmalschutz, außerdem die Pförtnerloge und das ehemalige Verwaltungsgebäude im Hof. Die schöne Fassade vor dem Klavierhaus im Innenhof ist zwar gut gelungen, sie ist jedoch ein Nachbau. Die beiden hohen Schornsteine, die wie ein Symbol von Weitem zu erkennen sind, sind bereits geschrumpft. "Aus Sicherheitsgründen", erzählte Melanie Quadt. So musste der eine um das Wort "Rheinische" gekürzt werden und es blieb nur noch die untere Hälfte mit dem Wort "Tapetenfabrik" übrig.

Der Beruf des Walzenstechers ist kaum noch bekannt - Handwerker, die Druckwalzen für den Tapetendruck herstellten. Um zu begreifen, was diese Handwerker, die künstlerisch tätig waren, geleistet haben, muss man sich die verbliebenen Maschinen, Druckwalzen, Tapetenrollen und Tapetenmusterbücher ansehen. Für ein eigenes Museum hat es bisher nicht gereicht. "Doch wenn jemand Interesse daran hat, solch ein Museum aufzubauen und zu verwalten, sind wir gerne behilflich", so Quadt.