Bonner Musiker

„Musik ist das Leben“

Musikverrückt und in Bonn beileibe kein Unbekannter: Friedhelm Nieske hat mit vielen Musikgrößen zusammengearbeitet.

Musikverrückt und in Bonn beileibe kein Unbekannter: Friedhelm Nieske hat mit vielen Musikgrößen zusammengearbeitet.

Küdinghoven. Friedhelm Nieske und sein bettlägeriger Sohn haben gemeinsam ein Musikprojekt umgesetzt. Für beide ist Musik mehr als nur ein bloßes Hobby.

Der Bandname ist abgeleitet von einer ungewöhnlichen Filmfigur: HAL ist der Bordcomputer auf einem Raumschiff, der nicht nur ein Eigenleben entfaltet, sondern äußerst intelligent über das Leben philosophiert. Als der Science-Fiction-Film „2001: Odyssee im Weltraum“ im Jahr 1968 in die Kinos kam, entwickelte er sich rasch zum Kultstreifen. Stanley Kubricks Film war jahrelang ein Dauerbrenner, vor allem in den Programmkinos. Und HAL, der mit seiner sonoren, sanften Stimme und seiner unbestechlichen Logik Dave, den Astronauten, zur Weißglut bringt, wird auch zu so etwas wie einer Leitfigur.

„HAL ist ja tatsächlich eine Metapher und gleichzeitig ein Fingerzeig, dass die Technik dem Menschen irgendwann die Zügel aus der Hand nimmt“, sagt Friedhelm Nieske. Der 62-jährige Schlagzeuger und Komponist hat mit seinem Bandprojekt „HAL’s Voice“ gerade das zweite Album herausgebracht. Vieles von den ungewöhnlichen Stücken, die dem Genre Progressive Rock zuzuordnen sind, sind in seinem heimischen Studio in Küdinghoven entstanden – zumindest die Vorarbeit. Die meisten Programmierungen der Synthesizersounds etwa hat sein 27-jähriger Sohn Maurice, der aufgrund einer Behinderung Bett und Haus nicht verlassen kann, vorgenommen. Und auch das Mixen der Instrumente für die Aufnahme macht Maurice von seinem Zimmer aus.

Vater und Sohn sind total musikverrückt. Und das geht so weit, dass Vater Friedhelm das Haus so umgebaut hat, dass er zu Hause spielen und aufnehmen kann. „Schlagzeug ist eben kein leises Instrument“, sagt er schmunzelnd. Das Zimmer, in dem das Schlagzeug aufgebaut ist und in dem diverse Gitarrenverstärker und andere technische Geräte stehen, ist fast schalldicht. „Ich habe damals, als wir das Haus gekauft und saniert haben, die Fußböden von den Wänden abgekoppelt, sodass der Schall nicht über die Wände übertragen werden kann“, so Nieske, der nicht nur gelernter Heizungsbauer, sondern auch Bau- und Möbelschreiner ist.

Zusätzliches Dämmmaterial sorgt dafür, dass Maurice zwei Zimmer weiter ungestört fernsehen kann, wenn der Vater auf die Trommeln und Becken haut. „Musik“, sagt Friedhelm Nieske, „das ist das Leben.“ Und Maurice nickt zustimmend. „Mit Musik kann ich mich ausdrücken, kann Freude und Schmerz beschreiben. Es ist ein kreatives Ventil.“ Es bedeutet beiden viel. Nieske senior kann wegen eines Herzleidens nicht mehr arbeiten. Und selbst wenn: Sein Sohn braucht viel Pflege. „Die Musik ist Mittelpunkt unseres Lebens“, sagen sie.

Das war sie wohl schon immer: Friedhelm Nieske ist in der Bonner Musikszene kein Unbekannter. Er spielte in Bands wie Clark Benson, Rotor oder John Suess Band, musizierte mit Musikern wie dem heutigen Gitarrist von Brings, Harry Alfter, dem 2015 verstorbenen Gitarristen Rocco Klein (Klaus Lage Band) oder dem 2011 verstorbenen Bluesgitarristen Gary Moore. Aufgewachsen in Buschdorf und Beuel, begann er als Kind beim Tambourcorps Grün-Weiß Oberkassel zu trommeln. „Aber so richtig fing das an, als ich auf Hans-Günther Boddin traf. Der zog damals mit seinen Eltern hier in die Postsiedlung ein, und wir freundeten uns schnell an. Wir liebten beide den Rock. Er spielte fantastisch Gitarre. Anfangs trommelte ich, und er spielte über ein Grundig Tonbandgerät E-Gitarre.“ Friedhelm Nieske lacht.

Die Technik sieht heute freilich anders aus. Ein daumendickes Multicore-Kabel führt durch die Wand bis zum digitalen Mischpult, das Maurice bedient. Darüber werden mehrere Audiosignale aus dem Probenraum und zurückgeführt. Das Prinzip klingt kompliziert, ist aber für die beiden dennoch recht praktikabel: Die Kompositionen entstehen teilweise in Sessions, also im Zusammenspiel mit anderen Musikern im Probenraum, und über Computerprogramme.

Aufgenommen wird über mehrere Tonspuren, die an Gastmusiker verschickt werden, die ihren Part dann einspielen. Auf diese Weise konnte Nieske sogar so prominente Mitspieler wie etwa den britischen Gitarristen Nick May gewinnen, der unter anderem bei Bands wie Whimwise, The Enid oder Karnataka gespielt hat – alles Bands, die in der Progrock-Szene einen Namen haben. Aber auch der einzigartige Lars Schurse spielt auf einigen Stücken mit, über den der Spiegel mal schrieb, er sei „einer der besten Countrygitarristen von heute“.

„The Upcycling“ hat Nieske sein neues Album genannt, „Wiederverwertung“. Warum? „Weil es zum größten Teil Stücke sind, die ich schon vor Jahren geschrieben und in anderen Konstellationen gespielt habe. Ich habe sie neu arrangiert und zu einem neuen Ganzen zusammengeführt“, so Friedhelm Nieske.

Und viele der instrumentalen Stücke erzählen eine musikalische Geschichte. Zum Beispiel „FNLB0207“ – ein Stück über eine verflossene Liebe, in dem nicht nur einträchtige Harmonien vorkommen. Oder „Roundabout Pt.2“, das vor Lebensfreude und Kraft nur so protzt: „Das ist einer Freundin gewidmet, die den Krebs besiegt hat und immer so ein wohltuendes wunderbares Lachen hat.“

Wer Spaß an der Musik von Yes, Genesis und Porcupine Tree hat, der wird auch seine Freude mit diesem Album haben. „Jeder entdeckt etwas Neues in den Stücken. Wir sind immer wieder überrascht“, sagt Maurice lachend.

Weitere Informationen und das Album gibt es unter www.halsvoice.de