Beim Hau-den-Lukas geht es emanzipiert zu

Beim Hau-den-Lukas geht es emanzipiert zu

Rasante Fahrgeschäfte, nostalgische Kirmesklassiker und gemütliche Bierbuden - rund 450 000 Besucher kommen am Wochenende zu Pützchens Markt - Organisationsleitung lobt die friedliche Stimmung

Pützchen. Manche Dinge ändern sich nie: Genau wie wohl auch schon vor 50 Jahren steht ein Haufen Halbstarker auf Pützchens Markt vor Ulrich Schmidts "Hau den Lukas". "Los, los, kommt ran, traut euch und zeigt mal, was ihr drauf habt", lockt Schmidt, der auf seinem Hocker thront und zögerliche Kandidaten mit einem Blick erkennt.

Prompt meldet sich ein junger Kerl, angefeuert von den Kumpels und mit wertvollen Tipps von den Umherstehenden versorgt. Mit Schmackes lässt er den großen Hammer niedersausen. Dreimal hintereinander bimmelt oben an der Skala das Glöckchen - das heißt ein Flasche Sekt. Stolz überreicht er diese der Freundin. Von der gibt es ein Küsschen.

Doch nicht nur harte Jungs testen ihre Kräfte: "Langsam schlägt auch bei uns die Emanzipation durch, immer mehr Frauen versuchen sich", sagt Schmidt. Im Gegensatz zu den Männern, reicht es beim vermeintlich schwachen Geschlecht, den Zeiger auf 500 Kilo hochschießen zu lassen.

Kirmesklassiker, wie die Kraftprobe mit dem Hammer, die Überschlagschaukeln oder die Wilde Maus, vor der sich am Wochenende lange Schlangen bildeten, machten den rasanten Hightech-Fahrgeschäften wieder harte Konkurrenz. Bei vielen älteren Besuchern weckten die nostalgischen Buden wohl schöne Erinnerungen. Wie bei dem gesetzten Ehepaar vor den Überschlagschaukeln. "Schau mal, wie früher", sagte die Frau mit versonnenem Blick auf ihren Ehemann, der grinste nur.

Nach einem eher verhaltenen Start am Freitagabend, war der Samstagabend "publikumsmäßig der Knaller", wie es Marktleiter Günter Dick ausdrückte, und vergleichbar mit dem Vorjahr. "Die meisten Fahrgeschäfte liefen bis spät in den Abend", so Dick. Am Samstag und Sonntag wurde es teilweise so voll, dass die Ordnungskräfte die Friedenstraße kurzzeitig sperrten.

Bis Samstagabend schätzten Marktamt und Polizei rund 450 000 Besucher auf Pützchens Markt. Zufrieden zeigte sich auch Bert Kluth, Einsatzleiter der Polizei auf Pützchens Markt. "Die Leute sind zum größten Teil sehr diszipliniert", sagt er. So mussten am Freitag nur elf Fahrzeuge abgeschleppt werden, und bei mehr als 100 Fahrzeugkontrollen sei niemand mit Alkohol am Steuer aufgefallen.

Auch auf den Autobahnen rund um Pützchen sei es Freitag und Samstag kaum zu Staus gekommen. Was sicherlich auch daran lag, dass viele Besucher auf Bus und Bahn setzten: "Unsere Busse waren Samstagabend so voll wie nie", berichtete Stadtwerkesprecher Werner Schui.

Mit den wenigen Ruhestörern sei man auch fertig geworden: "Wir haben vier Platzverweise ausgesprochen und eine Person in Gewahrsam genommen", berichtet Kluth. Die Strategie der Polizei auf Pützchens Markt sei, schon am Freitag klar zu machen, dass Randalierer keine Chance haben.

Am Sonntagmorgen während der Messe musste ebenfalls ein Mann abgeführt werden: "Der kannte sich wohl mit den Gepflogenheiten der katholischen Kirche nicht so aus und sah partout nicht an, dass in der Messe nur der Pfarrer trinkt", so Kluth. Rund 1 500 Menschen feierten gemeinsam mit dem Schausteller-Seelsorger Martin Fuchs und Pfarrer Kurt Padberg den Gottesdienst im Bayernzelt.

Trotz insgesamt friedlicher Stimmung verzeichneten die Beamten am Freitag sieben Anzeigen wegen Körperverletzung, am Samstag fünf. "Das waren typische Rangeleien, meist war Alkohol im Spiel", so Kluth. Nur ein junger Mann sei ernsthaft verletzt worden und musste mit einem Politrauma ins Krankenhaus gebracht werden, berichtete Jürgen Eck von der Feuerwehr.

Insgesamt 26 Mal mussten die Helfer zu einem Notfall ausrücken. "Am Freitag hatten wir noch einen technischen Einsatz, als im Bayernzelt gegen 23.15 Uhr eine Wasserleitung platzte", so Eck. Helfer lenkten die fünf Meter hohe Fontäne mit Bierbänken von einem Stromkasten ab und hatten die Lage schon kurze Zeit später wieder im Griff.

Das Thema kampftrinkende Jugendliche sei bislang zum Glück keines gewesen. "Wir mussten ein- , zweimal in solchen Fällen helfen", berichtet Christian Steitz, Leiter des Deutschen Roten Kreuz Bonn. Bis in den frühen Samstagmorgen hätten die Helfer 75 Fälle behandelt. "Da war alles dabei: vom verstauchten Knöchel, der Verbrennung, einer Nierenkolik bis hin zum Verdacht auf Herzinfarkt - wie in einer Kleinstadt eben", sagt Steitz.

Auch Peter Barth, Sprecher der Schausteller, ist zufrieden: Am Samstagabend liefen unsere Geschäfte zwei Stunden auf Volllast", sagt er. "Leider hat die Kälte dafür gesorgt, dass die Leute für unseren Geschmack eine Stunde zu früh nach Hause gegangen sind." Gegen drei Uhr sei fast überall Schicht gewesen. Trotzdem habe man das Ergebnis des Vorjahrs hereinbekommen. "Jetzt hoffen wir natürlich, dass das Wetter so bleibt", so Barth.

Am Sonntag musste er sich keine Sorgen machen, denn schon vormittags waren die Straßen und der Festplatz voll. Insbesondere Familien nutzen das schöne Wetter, um einen Kirmesausflug zu machen. Gegen Mittag hieß es kurzfristig wieder "Nichts geht mehr" in den schmalen Straßen und auf den Zufahrtsstraßen rund um Pützchen.

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